Einführung
Dieser Bericht untersucht die Marktentwicklung der Europäischen Union im Handelsbereich des Zolltarifs CN 1602 — zubereitetes oder haltbar gemachtes Fleisch, Schlachtnebenerzeugnisse, Blut oder Insekten (ohne Würste, Extrakte und Säfte) — im Zeitraum von 2015 bis 2025. Die Analyse umfasst Exporte und Importe der EU gegenüber Drittländern und beleuchtet Volumina, Werte, Preise, Handelspartnerstrukturen sowie Produktsegmente.
Der CN-Code 1602 ist ein Sammelbegriff (Residualposition), der eine breite Palette an zubereiteten Fleischerzeugnissen abdeckt, darunter Geflügelfleisch, Schweinefleisch, Rindfleisch, Leberzubereitungen sowie sonstige Zubereitungen. Die Daten zeigen einen Markt, der von drei zentralen Dynamiken geprägt wird: einem wachsenden Exportüberschuss bei gleichzeitig rückläufigen Importvolumina, einer gravierenden Verschiebung der Handelspartnerstrukturen infolge geopolitischer Ereignisse, und einer Dominanz von Geflügelfleisch bei drastisch steigenden Preisen über alle Segmente hinweg.
Die Produktdefinitionen und die vollständige Datenübersicht sind unter folgendem Link verfügbar: Fleisch, Schlachtnebenerzeugnisse, Blut oder Insekten, zubereitet oder haltbar gemacht.
1. Exportüberschuss verdoppelt sich: Die EU festigt sich als Nettoexporteur
1.1 Werteexpansion bei nahezu stagnierenden Exportmengen
Die EU-Exporte von CN 1602-Produkten verzeichneten im Betrachtungszeitraum ein bemerkenswertes Wertwachstum. Der Exportwert stieg von 1,82 Mrd. EUR (2015) auf 2,65 Mrd. EUR (2025), was einem Zuwachs von 45,6 % entspricht. Dieses Wachstum wurde jedoch nicht durch steigende Volumina getragen — die Exportmenge sank leicht von 506.542 t auf 498.978 t (−1,5 %). Der gesamte Wertzuwachs ist somit auf Preissteigerungen zurückzuführen: Die durchschnittlichen Exportpreise kletterten von 3.594 EUR/t auf 5.314 EUR/t (+47,9 %).
1.2 Importe sowohl im Volumen als auch im Wert rückläufig
Auf der Importseite zeigte sich ein gegenläufiger Trend. Die Importe sanken im Wert von 1,14 Mrd. EUR (2015) auf 1,11 Mrd. EUR (2025), ein Rückgang von 3,1 %. Noch deutlicher fiel der Rückgang der Importmengen aus: von 326.167 t auf 262.358 t (−19,6 %). Die Importpreise stiegen zwar ebenfalls — von 3.509 EUR/t auf 4.226 EUR/t (+20,4 %) — konnten den Volumenrückgang aber nur teilweise kompensieren.
1.3 Handelsbilanzüberschuss mehr als verdoppelt
Durch das Auseinanderlaufen von Export- und Importentwicklung wuchs der Handelsbilanzüberschuss der EU von 676 Mio. EUR (2015) auf 1,54 Mrd. EUR (2025) — eine Steigerung um 128,2 %. Die EU ist durchgängig Nettoexporteur, wie auch die negative Nettoimportabhängigkeit zeigt (von −3,3 % auf −3,9 %). Die Exportquote (export propensity) stieg im selben Zeitraum von 3,3 % auf 3,9 %, was auf eine zunehmende Exportorientierung des EU-Binnenmarktes hindeutet.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert | 1.820 Mio. EUR | 2.651 Mio. EUR | +45,6 % |
| Exportvolumen | 506.542 t | 498.978 t | −1,5 % |
| Exportpreis | 3.594 EUR/t | 5.314 EUR/t | +47,9 % |
| Importwert | 1.145 Mio. EUR | 1.109 Mio. EUR | −3,1 % |
| Importvolumen | 326.167 t | 262.358 t | −19,6 % |
| Importpreis | 3.509 EUR/t | 4.226 EUR/t | +20,4 % |
| Handelsbilanz | 676 Mio. EUR | 1.543 Mio. EUR | +128,2 % |
Wegehende Entwicklungen sind im Gesamtüberblick sowie unter Nettoimportabhängigkeit nachvollziehbar.
2. Geopolitische Umbrüche verändern die Handelspartnerstruktur
2.1 Brasilien und das Vereinigte Königreich als Importquellen stark rückläufig
Die beiden größten Importpartner der EU im Jahr 2015 — Brasilien (431 Mio. EUR) und das Vereinigte Königreich (365 Mio. EUR) — verloren im Betrachtungszeitraum erheblich an Bedeutung. Brasilien sank auf 230 Mio. EUR (−46,6 %), das Vereinigte Königreich auf 192 Mio. EUR (−47,4 %). Der Rückgang der britischen Importe ist unmittelbar mit dem Brexit und dem Austritt des Landes aus dem EU-Binnenmarkt im Jahr 2020 zu erklären, wodurch das VK von einem Binnenhandelspartner zu einem Drittland wurde.
2.2 Thailand, China und Osteuropa als neue Wachstumsmärkte
Gleichzeitig stiegen mehrere Partnerländer deutlich auf:
- Thailand entwickelte sich zum größten EU-Importpartner: von 241 Mio. EUR (2015) auf 370 Mio. EUR (2025, +53,0 %), was vor allem auf Hühnerfleischzubereitungen zurückzuführen ist.
- China verfünffachte seinen Exportwert in die EU nahezu: von 71 Mio. EUR auf 248 Mio. EUR (+250,6 %).
- Ukraine stieg sowohl als Importquelle (von 2,5 Mio. EUR auf 19,7 Mio. EUR, +694 %) als auch als Exportdestination (von 5,5 Mio. EUR auf 26,5 Mio. EUR, +384 %) stark an — ein Trend, der teils auf die EU-Handelsliberalisierung mit der Ukraine seit 2014 und die EU-Beitrittsaspirationen des Landes zurückzuführen ist.
- Serbien verzeichnete als Importpartner ein Wachstum von über 1.000 % (von 0,6 Mio. EUR auf 7,4 Mio. EUR), ebenfalls im Kontext der EU-Annäherung des Westbalkans.
2.3 Importquellen diversifizieren sich, Exportkonzentration bleibt hoch
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe sank von 2.915 auf 2.354 (−19,3 %), was eine messbare Diversifizierung der Importquellen anzeigt. Die EU bezieht ihre CN 1602-Produkte aus einer breiteren Basis von Lieferländern als noch 2015. Auf der Exportseite blieb die Konzentration dagegen relativ stabil (HHI von 5.300 auf 5.051, −4,7 %), was die dominante Rolle des Vereinigten Königreichs als Abnehmer widerspiegelt: Mit 1,87 Mrd. EUR (2025) entfallen über 70 % der EU-Exporte auf das VK.
2.4 Innerhalb der EU: Polen als neuer Exportmotor
Bei den EU-internen Exportländern ist der bemerkenswerteste Trend der Aufstieg Polens. Polens Exporte explodierten von 185 Mio. EUR (2015) auf 609 Mio. EUR (2025, +228,8 %), wodurch Polen vom fünftgrößten zum zweitgrößten EU-Exporteur aufstieg — hinter Irland (555 Mio. EUR, leicht rückläufig). Polen weist zudem den höchsten Spezialisierungsindex (RSCA: 0,46) aller EU-Mitgliedstaaten auf, was auf eine überdurchschnittliche komparative Spezialisierung in diesem Produktsegment hindeutet. Deutschland verlor als Exporteur leicht an Boden (von 210 Mio. EUR auf 240 Mio. EUR, +14,2 %), während Dänemark (+22,2 %), die Niederlande (+41,0 %) und Belgien (+45,9 %) ebenfalls zulegten.
| Importpartner (Wert) | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Brasilien | 431 Mio. EUR | 230 Mio. EUR | −46,6 % |
| Thailand | 241 Mio. EUR | 370 Mio. EUR | +53,0 % |
| Vereinigtes Königreich | 365 Mio. EUR | 192 Mio. EUR | −47,4 % |
| China | 71 Mio. EUR | 248 Mio. EUR | +250,6 % |
| Serbien | 0,6 Mio. EUR | 7,4 Mio. EUR | +1.088 % |
| Ukraine | 2,5 Mio. EUR | 19,7 Mio. EUR | +694 % |
Detaillierte Partnerdaten finden sich unter Handelspartner und EU-Exportländer. Zur Spezialisierung siehe Spezialisierungsanalyse.
3. Geflügel dominiert die Handelsstruktur, Preise steigen über alle Segmente
3.1 Hähnchenfleisch als unangefochtener Mengenführer
Das Segment 160232 (zubereitetes Hähnchenfleisch) dominiert sowohl den Import- als auch den Exportstrom der EU. Auf der Importseite machte es 2025 mit 213.198 t rund 81 % des gesamten CN 1602-Importvolumens aus. Auf der Exportseite entfielen 239.627 t auf Hähnchenfleisch — ein Zuwachs von 55,3 % gegenüber 2015 (154.313 t). Die EU hat sich damit vom Nettoimporteur von zubereitetem Hähnchenfleisch (2015: Importe 220.835 t > Exporte 154.313 t) zu einem weitgehend ausgeglichenen Handelsverhältnis entwickelt (2025: Importe 213.198 t ≈ Exporte 239.627 t).
3.2 Dramatischer Rückgang der Truthahnimporte und des Rindfleischexports
Zwei Segmente verzeichneten besonders auffällige Veränderungen:
-
Truthahn (160231): Die Importe brachen von 47.574 t (2015) auf nur noch 3.223 t (2025) ein — ein Rückgang von 93,2 %. Gleichzeitig blieben die Exporte relativ stabil (15.414 t → 20.189 t, +31,0 %). Dieser Zusammenbruch der Truthahnimporte ist wahrscheinlich auf Ausbrüche der aviären Influenza in wichtigen Lieferländern und damit verbundene Handelsbeschränkungen zurückzuführen.
-
Rindfleisch (160250): Die Exporte fielen von 80.138 t auf 47.895 t (−40,2 %), während die Importe von 24.371 t auf 15.898 t (−34,8 %) sanken. Sowohl auf der Export- als auch auf der Importseite schrumpft das Segment, was auf strukturelle Veränderungen in der Rindfleischverarbeitung oder veränderte Nachfragepräferenzen hindeuten könnte.
3.3 Nahezu flächendeckende Preissteigerungen — teils über 100 %
Die Preise stiegen über alle Segmente hinweg deutlich an, was sowohl auf Inflationseffekte als auch auf Angebotsengpässe (etwa durch Tierseuchen, Energiekostensteigerungen und Unterbrechungen der Lieferketten) zurückzuführen ist. Besonders auffällig:
| Segment | Importpreis 2015 | Importpreis 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| 160232 (Hähnchen) | 3.236 EUR/t | 3.850 EUR/t | +19,0 % |
| 160250 (Rind) | 5.369 EUR/t | 7.900 EUR/t | +47,1 % |
| 160249 (Schwein, übr.) | 3.658 EUR/t | 7.418 EUR/t | +102,8 % |
| 160241 (Schinken) | 4.749 EUR/t | 6.191 EUR/t | +30,4 % |
| 160231 (Truthahn) | 3.169 EUR/t | 4.186 EUR/t | +32,1 % |
| Segment | Exportpreis 2015 | Exportpreis 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| 160232 (Hähnchen) | 3.699 EUR/t | 4.676 EUR/t | +26,4 % |
| 160250 (Rind) | 3.500 EUR/t | 6.144 EUR/t | +75,5 % |
| 160249 (Schwein, übr.) | 4.245 EUR/t | 6.060 EUR/t | +42,8 % |
| 160231 (Truthahn) | 3.301 EUR/t | 6.133 EUR/t | +85,8 % |
| 160241 (Schinken) | 5.642 EUR/t | 5.958 EUR/t | +5,6 % |
Besonders die Schweinefleisch-Importpreise (CN 160249) mehr als verdoppelten sich — ein Effekt, der mit der Afrikanischen Schweinepest (ASP) und den damit verbundenen Produktions- und Handelsverwerfungen zusammenhängen dürfte. Die vergleichsweise moderate Preisentwicklung bei Schinkenexporten (CN 160241, +5,6 %) könnte auf die Spezialisierung auf hochwertige, preisunelastische Produkte wie europäischen Schinken (z. B. Serrano, Parma) hindeuten, deren Preise bereits 2015 auf hohem Niveau lagen.
3.4 Identifizierte Preisschocks
Die Volatilitätsanalyse zeigt drei bemerkenswerte Preisschocks:
- Angola (Exporte, 2023): Ein extremer Preisschock mit einer Abnormalität von 14,6 und einer Preisverschiebung von +103,3 %. Dies deutet auf eine abrupte Veränderung der Handelsbedingungen oder der Exportzusammensetzung hin.
- Japan (Exporte, 2018): Ein Preisrückgang von −31,3 % (Abnormalität 10,0), möglicherweise verbunden mit Handelsliberalisierungen im Rahmen des EU-Japan-Wirtschaftspartnerschaftsabkommens (in Kraft seit Februar 2019, Zollsenkungen teils bereits 2018 vorbereitet).
- Thailand (Importe, 2022): Ein Preisanstieg von +23,0 % (Abnormalität 3,9), zeitlich korrelierend mit globalen Inflationstreibern und Lieferkettenstörungen nach der COVID-19-Pandemie.
Zur Volatilitätsanalyse siehe Volatilitätsindikatoren und Angebotschocks.
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für CN 1602 hat sich zwischen 2015 und 2025 in drei Dimensionen grundlegend gewandelt:
Erstens hat sich die EU als Nettoexporteur gefestigt. Der Handelsbilanzüberschuss hat sich mehr als verdoppelt, getragen von einem Wertzuwachs bei Exporten (+45,6 %) und gleichzeitig rückläufigen Importen (−3,1 %). Bemerkenswert ist, dass das Exportvolumen nahezu stagnierte — das gesamte Wertwachstum ist preisgetrieben.
Zweitens haben geopolitische Ereignisse die Handelspartnerlandschaft nachhaltig umgestaltet. Der Brexit verwandelte das Vereinigte Königreich vom Binnenpartner in den mit Abstand wichtigsten Drittland-Abnehmer der EU. Gleichzeitig gewannen Thailand, China und osteuropäische Länder (Ukraine, Serbien) als Handelspartner stark an Bedeutung, während Brasilien und das VK als Importquellen an Boden verloren. Innerhalb der EU trat Polen als neuer Exportmotor in den Vordergrund.
Drittens dominiert zubereitetes Hähnchenfleisch den Handel, während Rindfleisch und Truthahn an Bedeutung verloren. Die über alle Segmente hinweg stark gestiegenen Preise — insbesondere bei Schweinefleisch (+103 % auf der Importseite) und Rindfleisch (+76 % auf der Exportseite) — spiegeln sowohl seuchbedingte Angebotsengpässe als auch makroökonomische Inflationseffekte wider. Die EU-Binnenproduktion stieg im gleichen Zeitraum von 4,4 Mrd. kg auf 7,5 Mrd. kg (+72 %), was die zunehmende Selbstversorgung und Exportfähigkeit der EU im Segment der zubereiteten Fleischerzeugnisse unterstreicht.