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Marktentwicklung: Flacherzeugnisse aus Eisen oder nichtlegiertem Stahl, mit einer Breite von >= 600 mm, warm- oder kaltgewalzt, mit Farbe versehen, lackiert oder mit Kunststoff überzogen (CN 721070) — 2015–2025

Einleitung

Der Markt für lackierte, beschichtete oder mit Kunststoff überzogene Flacherzeugnisse aus Eisen oder nichtlegiertem Stahl (Zolltarifnummer CN 721070) hat sich im Zeitraum 2015 bis 2025 fundamental verändert. Produkte dieser Zollposition — die unter anderem organisch beschichtetes Bandstahl, lackierte Flachstahlerzeugnisse und Weißbleche umfassen — finden breite Anwendung in der Bauwirtschaft, im Verpackungsmaschinenbau, in der Automobilindustrie und in Haushaltsgeräten.

Die Analyse des EU-Außenhandels mit Drittländern im genannten Zeitraum offenbart drei zentrale Entwicklungen: Erstens einen dramatischen Wandel der Handelsbilanz von einem leichten Überschuss hin zu einem erheblichen Defizit. Zweitens eine tiefgreifende Neuausrichtung der Lieferantenstruktur zugunsten asiatischer Produzenten. Und drittens eine Phase extremer Preis- und Volumenvolatilität in den Jahren 2021 bis 2022, die durch pandemiebedingte Nachfrageverschiebungen und geopolitische Schocks ausgelöst wurde.


I. Vom leichten Überschuss zum strukturellen Handelsdefizit: Die Importexpansion der EU

Die Handelsbilanz hat sich zwischen 2015 und 2025 umkehrt

Das Jahr 2015 markiert den Ausgangspunkt einer bemerkenswerten Verschiebung im EU-Handel mit CN 721070. Zu Beginn des Betrachtungszeitraums lag der EU-Außenhandel nahezu im Gleichgewicht: Die Exporte beliefen sich auf 623,5 Mio. EUR und die Importe auf 580,8 Mio. EUR, was einem Überschuss von rund 42,7 Mio. EUR entsprach. Bis 2025 hat sich diese Situation vollständig invertiert. Die Importe stiegen auf 1.104,1 Mio. EUR (+90,1 %), während die Exporte auf 560,4 Mio. EUR sanken (−10,1 %). Das Ergebnis ist ein Handelsdefizit von 543,8 Mio. EUR — eine Veränderung von −1.373,7 % gegenüber dem Ausgangswert.

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Exportwert (Mio. EUR) 623,5 560,4 −10,1 %
Importwert (Mio. EUR) 580,8 1.104,1 +90,1 %
Saldo (Mio. EUR) +42,7 −543,8 −1.373,7 %
Exportmenge (t) 666.670 391.683 −41,2 %
Importmenge (t) 707.577 1.100.515 +55,5 %

Die Importpreise und -mengen zeigen unterschiedliche Dynamiken

Die Verdopplung des Importwerts resultiert aus zwei Komponenten: einer mengenmäßigen Steigerung um 55,5 % (von 707.577 t auf 1.100.515 t) und einem Preisanstieg um 22,2 % (von 821 EUR/t auf 1.003 EUR/t). Der Höchststand der Importe wurde 2022 mit 1.808,4 Mio. EUR bzw. 1.188.036 t erreicht — ein Jahr, in dem die Stahlmärkte weltweit unter enormem Preisdruck standen. Bei den Importpreisen lag das Maximum bei 1.522 EUR/t (2022), der Mindestwert bei 736 EUR/t (2016).

Die Exporte verloren mengenmäßiges Volumen, gewannen aber an Wert pro Tonne

Besonders auffällig ist die Gegenläufigkeit von Menge und Preis bei den Exporten. Während die exportierte Menge von 666.670 t auf nur noch 391.683 t sank (−41,2 %), stieg der durchschnittliche Exportpreis von 935 EUR/t auf 1.387 EUR/t (+48,3 %). Der Höchstpreis wurde 2022 mit 1.809 EUR/t erreicht. Dies deutet darauf hin, dass die EU zunehmend hochwertigere Nischenprodukte exportiert und gleichzeitig in Volumensegmenten an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Drittländern verliert.

Die EU-Produktion wuchs mengenmäßig, blieb aber preislich volatil

Die EU-Produktionsvolumina zeigen eine langfristig steigende Tendenz. Die Produktionsmenge stieg von ca. 4,0 Mrd. Einheiten (2015) auf geschätzte 6,9 Mrd. Einheiten (2024). Die Produktionswerte kletterten entsprechend von 3,45 Mrd. EUR auf 8,15 Mrd. EUR. Allerdings variieren die Datenqualität und Rundungsbandbreiten erheblich, sodass die jüngsten Werte (2023–2024) als Schätzwerte zu behandeln sind. Der massive Preisanstieg in der Produktion — von 0,86 EUR/Einheit (2015) auf 1,18 EUR/Einheit (2024) — spiegelt die allgemeine Verteuerung der Stahlherstellung wider.


II. Geografische Neuausrichtung: Asien als dominierende Importquelle und der Niedergang traditioneller Partner

Indien, Südkorea und Vietnam entwickelten sich zu den wichtigsten Importquellen

Die Partnerländeranalyse zeigt eine bemerkenswerte Verschiebung der Importstruktur. Zu Beginn des Betrachtungszeitraums waren das Vereinigte Königreich (72,4 Mio. EUR), Indien (161,6 Mio. EUR) und Südkorea (164,0 Mio. EUR) die wichtigsten Lieferanten. Bis 2025 hat sich das Bild grundlegend gewandelt:

Rang Partnerland Importwert 2015 (Mio. EUR) Importwert 2025 (Mio. EUR) Veränderung
1 Südkorea 164,0 308,3 +87,9 %
2 Indien 161,6 284,7 +76,2 %
3 Vietnam 0,15 131,6 +87.261 %
4 Taiwan 39,9 87,5 +119,0 %
5 Türkei 29,3 85,3 +191,5 %
6 Vereinigtes Königreich 72,4 58,6 −19,1 %
7 Nordmazedonien 30,2 16,8 −44,4 %

Vietnam ist der dramatischste Neuzugang im EU-Importmarkt

Der spektakulärste Wandel betrifft Vietnam. 2015 betrug der Importwert gerade einmal 150.645 EUR; 2025 lag er bei 131,6 Mio. EUR — eine Steigerung um 87.261 %. Das Land ist damit vom praktisch bedeutungslosen Lieferanten zur drittgrößten Importquelle der EU aufgestiegen. Die Mengenentwicklung zeigt ein exponentielles Wachstum: von lediglich 178 t (2015) auf 154.753 t (2025). Vietnam profitiert dabei offensichtlich von seinen komparativen Kostenvorteilen im Stahlsektor und der Integration in globale Lieferketten.

Die Türkei und Taiwan festigten ihre Position, während das Vereinigte Königreich und Nordmazedonien an Bedeutung verloren

Die Türkei verzeichnete ein Importwachstum von +191,5 % (von 29,3 Mio. auf 85,3 Mio. EUR), Taiwan ein solches von +119,0 %. Das Vereinigte Königreich hingegen — das nach dem Brexit ein Drittland geworden ist — verlor als Importquelle an Gewicht (−19,1 %). Nordmazedonien, das 2022 noch einen Spitzenwert von 46,0 Mio. EUR erreichte, sank 2025 auf 16,8 Mio. EUR. Die Konkonzentration der Importe (HHI) sank leicht von 1.894 auf 1.765, was auf eine geringfügig diversifiziertere Herkunftsstruktur hindeutet.

Russland als Exportmarkt brach nach 2022 vollständig zusammen

Auf der Exportseite ist die Entwicklung Russlands am markantesten. 2015 exportierte die EU Waren im Wert von 91,9 Mio. EUR nach Russland — das Land war damit der viertwichtigste Abnehmer. Ab 2022 setzte ein drastischer Rückgang ein (38,1 Mio. EUR), 2023 sank der Wert auf nur noch 10,6 Mio. EUR, und ab 2024 liegen keine Exporte mehr vor. Dieser vollständige Zusammenbruch ist eine direkte Folge der EU-Sanktionen nach dem Beginn des Ukraine-Konflikts im Februar 2022.

Die innerhalb der EU am stärksten spezialisierten Produzenten sind Finnland, Italien und Belgien

Die Spezialisierungsanalyse für 2025 zeigt, dass Finnland (RSCA 0,587), Italien (0,393), Belgien (0,393) und Frankreich (0,345) die stärkste Spezialisierung in CN 721070 aufweisen. Deutschland hingegen weist trotz seiner Größe einen negativen RSCA-Wert (−0,359) auf, was bedeutet, dass es in diesem Segment netto importiert. Irland (−0,997) und Griechenland (−0,855) sind am wenigsten spezialisiert. Diese Struktur spiegelt wider, dass die Produktion von lackierten und beschichteten Flacherzeugnissen in der EU konzentriert in einigen wenigen Ländern mit integriertem Stahlwerkspark stattfindet.


III. Preisschocks, geopolitische Disruptionen und die Volatilität des Stahlmarktes 2021–2022

Die Jahre 2021 und 2022 brachten beispiellose Preisschocks auf dem EU-Stahlmarkt

Die Phase 2021–2022 stellt eine Zäsur im EU-Handel mit CN 721070 dar. Die Importe explodierten 2022 auf 1.808,4 Mio. EUR — das entspricht mehr als dem Dreifachen des Wertes von 2016 (626,2 Mio. EUR). Der durchschnittliche Importpreis erreichte 2022 mit 1.522 EUR/t seinen Höchststand, nachdem er 2020 noch bei 844 EUR/t gelegen hatte. Die Volatilitätsanalyse bestätigt, dass mehrere Handelsbeziehungen in dieser Phase außergewöhnliche Preisschwankungen aufwiesen.

Der US-Exportmarkt verzeichnete den extremsten Preisschock

Der Preisschock mit dem höchsten Abnormalitätsindex (448,4) trat bei den EU-Exporten in die USA im Jahr 2022 auf. Der durchschnittliche Exportpreis stieg von 1.230 EUR/t (Baseline 2020–2021) auf 2.050 EUR/t (+66,7 %), während die exportierte Menge gleichzeitig um 56,5 % einbrach (von 73.612 t auf 32.014 t). Dieses Muster — drastischer Preisanstieg bei gleichzeitigem Mengenrückgang — ist typisch für den globalen Stahlmarkt in jenem Jahr, als pandemiebedingte Nachfrage und Lieferkettenengpässe die Preise in die Höhe trieben, bevor die US-Zollpolitik und die wirtschaftliche Abkühlung die Nachfrage dämpften.

Importpreise aus dem Vereinigten Königreich, Indien und Vietnam reagierten unterschiedlich

Im Importbereich zeigen sich differenzierte Schockmuster:

Partnerland Schockjahr Preissprung (ggü. Baseline) Mengenreaktion Abnormalität
Vereinigtes Königreich 2021 +66,5 % −74,6 % 13,1
Indien 2021 +37,8 % +36,8 % 6,8
Vietnam 2022 +69,8 % +74,6 % 6,3

Beim Vereinigten Königreich führte der Preisschock zu einem dramatischen Mengeneinbruch — die Importe sanken von durchschnittlich 125.456 t (2019–2020) auf 31.869 t im Schockjahr. Dies deutet auf Verwerfungen in der britischen Stahlproduktion und/oder aufbrexitbedingte Handelsbarrieren hin. Indien hingegen konnte seine Liefermengen trotz steigender Preise weiter ausbauen, was auf die robuste Wettbewerbsposition des indischen Stahlsektors hindeutet.

Die Volatilität der Handelsströme variiert stark zwischen den Partnerländern

Der Variationskoeffizient (CV) der Importmengen zeigt, dass Russland (CV 0,89), Vietnam (0,85) und China (0,83) die volatilsten Handelsströme aufweisen. Demgegenüber stehen Südkorea (0,18), Indien (0,25) und Taiwan (0,31) für deutlich stabilere Lieferbeziehungen. Auf der Exportseite sind die Ströme in die Schweiz (0,09), die Türkei (0,12) und Norwegen (0,17) am stetigsten, während die Exporte nach Indien (CV 1,09) — allerdings auf niedrigem Niveau — stark schwanken. Diese Unterschiede spiegeln sowohl die Marktstruktur als auch die geopolitische Exposition der jeweiligen Handelsbeziehungen wider.

Die EU-Abhängigkeit von Nettoimporten schwankte stark, pendelt sich aber neu ein

Der Nettoimport-Abhängigkeitsindikator schwankte im gesamten Zeitraum erheblich: von einem leichten Überschuss 2015 (+0,6 %) über einen historischen Spitzenwert von +20,9 % im Jahr 2011 bis zu einem Überschuss zugunsten der Exporte von −0,8 % im Jahr 2024. Der negative Wert für 2024 bedeutet, dass die EU in diesem Jahr — gemessen am Produktionswert — einen leichten Exportüberschuss erzielte, auch wenn der Handelswert mit Drittländern ein Defizit ausweist. Die Handelsintensität stieg von 21,5 % (2015) auf 40,2 % (2024), was bedeutet, dass der Markt deutlich stärker in den internationalen Handel eingebunden ist als noch vor einem Jahrzehnt. Besonders die Exportquote verdoppelte sich nahezu von 14,8 % (2015) auf 25,5 % (2024).


Schlussfolgerung

Der EU-Außenhandel mit CN 721070 hat sich im Zeitraum 2015–2025 in drei Dimensionen grundlegend gewandelt:

  1. Strukturelle Handelsumkehr: Aus einem nahezu ausgeglichenen Handel wurde ein Defizit von über 540 Mio. EUR. Die Importe wuchsen mengenmäßig um 55 % und preislich um 22 %, während die Exporte mengenmäßig um 41 % schrumpften — wenn auch bei steigenden Stückpreisen. Dies deutet auf eine zunehmende Wettbewerbsasiatischer Hersteller, insbesondere aus Indien, Südkorea und Vietnam, gegenüber der europäischen Stahlindustrie in diesem Segment hin.

  2. Geopolitische Neuausrichtung: Der vollständige Wegfall des russischen Exportmarktes, das explosive Wachstum vietnamesischer Importe und die Abschwächung des bilateralen Handels mit dem Vereinigten Königreich nach dem Brexit haben die Handelsgeografie neu kartiert. Die asiatischen Lieferanten — allen voran Vietnam mit einem Wachstum von über 87.000 % — haben die Lücke gefüllt, die durch den Rückgang traditioneller Partner entstanden ist.

  3. Preisvolilität und Schockresilienz: Die Jahre 2021–2022 brachten extreme Preissprünge auf nahezu allen Handelsströmen. Der US-Exportmarkt verzeichnete den spektakulärsten Schock (Preis +67 % bei gleichzeitigem Mengeneinbruch von 57 %). Die Erholung in den Jahren 2023–2025 verlief ungleichmäßig: Die Preise normalisierten sich teilweise, blieben aber über dem Vorkrisenniveau, während die Mengenströme sich in vielen Fällen nicht vollständig erholten.

Die Daten legen nahe, dass der Markt für lackierte und beschichtete Flacherzeugnisse in der EU zunehmend von Importen aus Asien geprägt wird und dass sowohl geopolitische Ereignisse als auch globale Rohstoffmarktturbulenzen unmittelbare Auswirkungen auf Handelsvolumen und -preise haben. Für europäische Hersteller ergibt sich die Herausforderung, in einem Umfeld steigender Importkonkurrenz und hoher Energiekosten ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten, während die EU-Politik die Abhängigkeit von Drittlandslieferanten strategisch bewerten muss.

Erstellt am 2026-08-05. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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