Marktentwicklung: Epoxidharze in Primärformen (CN 390730) — 2015–2025
Einleitung
Der vorliegende Bericht untersucht die Handelsentwicklung der Europäischen Union für Epoxidharze in Primärformen (CN 390730) im Zeitraum 2015 bis 2025. Epoxidharze zählen zu den wichtigsten Duroplasten und finden breite Anwendung in Beschichtungen, Klebstoffen, Elektronik und im Bauwesen — Branchen, die unmittelbar von konjunkturellen Zyklen, geopolitischen Verwerfungen und Energiepreisschwankungen betroffen sind. Der analysierte Produktcode 390730 umfasst die vollständige Zolltarifposition unter dem Kapitel 39 (Kunststoffe und Waren daraus) und lässt sich dem Prodcom-Code 20.16.40.30 zuordnen. Die EU fungiert bei diesem Produkt gleichzeitig als bedeutender Erzeuger, Exporteur und Importeur. Die Daten zeigen über den Betrachtungszeitraum drei zentrale Entwicklungen: ein ausgeprägtes Volumen-Preis-Paradox, eine geopolitisch bedingte Umstrukturierung der Handelspartner sowie einen strukturellen Wandel der europäischen Produktion.
1. Das Volumen-Preis-Paradox: Schrumpfende Mengen bei steigenden Werten
Die Exporte verloren ein Drittel ihres Volumens, aber nur knapp neun Prozent ihres Werts
Der auffälligste Trend im untersuchten Zeitraum ist die Diskrepanz zwischen Mengen- und Wertentwicklung der EU-Exporte. Die Exportmengen fielen von 227.306 Tonnen (2015) auf 151.999 Tonnen (2025), was einem Rückgang von 33,1 % entspricht. Demgegenüber sank der Exportwert im gleichen Zeitraum lediglich um 8,6 % — von 734 Mio. € auf 671 Mio. €. Erklärt wird dies durch einen kräftigen Preisanstieg: Der durchschnittliche Exportpreis stieg von 3.230 €/t auf 4.413 €/t (+36,6 %). In den Hochpreisjahren 2022 erreichte der Exportpreis sogar 5.959 €/t, den Höchstwert im gesamten Beobachtungszeitraum.
| Kennzahl | 2015 | 2020 | 2022 (Peak) | 2025 | Veränderung 2015→2025 |
|---|---|---|---|---|---|
| Exportvolumen (t) | 227.306 | 226.310 | 168.906 | 151.999 | −33,1 % |
| Exportwert (Mio. €) | 734 | 768 | 1.006 | 671 | −8,6 % |
| Exportpreis (€/t) | 3.230 | 3.392 | 5.959 | 4.413 | +36,6 % |
| Importvolumen (t) | 154.129 | 124.416 | 154.987 | 147.318 | −4,4 % |
| Importwert (Mio. €) | 469 | 422 | 834 | 580 | +23,5 % |
| Importpreis (€/t) | 3.046 | 3.393 | 5.383 | 3.936 | +29,2 % |
Die Handelsbilanz schrumpfte um fast zwei Drittel
Die Handelsbilanz der EU bei Epoxidharzen verschlechterte sich erheblich: Der Überschuss ging von 265 Mio. € (2015) auf 91 Mio. € (2025) zurück — ein Minus von 65,5 %. Ursache ist nicht ein dramatischer Exporteinbruch allein, sondern vor allem der asymmetrische Verlauf: Während die Exporte nominal nur leicht schrumpften, stiegen die Importwerte um 23,5 % von 469 Mio. € auf 580 Mio. €, obwohl die Importmengen sogar leicht zurückgingen (−4,4 %). Der Preisanstieg auf der Importseite (+29,2 %) war also der eigentliche Treiber der Bilanzverschlechterung.
Der Supercycle 2021/2022 markiert einen Wendepunkt
Das Jahr 2021 stellte einen Wendepunkt dar. Nach dem pandemiebedingten Einbruch 2020 (Importwert: 422 Mio. €; Exportwert: 768 Mio. €) schossen die Werte 2021 und 2022 sprunghaft in die Höhe. Die Importe erreichten 2022 mit 834 Mio. € ihren historischen Höchststand. Die Erkennung von Preisschocks bestätigt, dass die Importpreise aus Südkorea (Anomalität: 18,6), Taiwan (18,4) und Indien (8,4) im Jahr 2021 extreme Ausschläge aufwiesen — die Preise lagen 74–79 % über dem Vorjahres-Baseline-Niveau. Diese Schocks sind auf globale Lieferkettenengpässe, gestiegene Energiekosten und die Nachholeffekte nach der Pandemie zurückzuführen. Ab 2023 normalisierten sich die Preise wieder, blieben aber deutlich über Vor-Corona-Niveau.
2. Geopolitische Umbrüche als Treiber der Handelsumstrukturierung
Russland-Sanktionen beenden einen bedeutenden Exportmarkt
Der dramatischste Strukturbruch betrifft die Exporte in die Russische Föderation. Diese fielen von 53,5 Mio. € (2015) auf 4,0 Mio. € (2025), was einem Rückgang von 92,6 % entspricht. Im Volumen sanken die Lieferungen von 18.836 Tonnen auf lediglich 852 Tonnen (−95,5 %). Der Wendepunkt liegt eindeutig bei den Sanktionen nach dem Februar 2022: Lag der Exportwert 2021 noch bei 87,0 Mio. €, brach er 2022 auf 48,4 Mio. € und 2023 auf 15,1 Mio. € ein. Russland war 2015 das fünftwichtigste Exportziel der EU; 2025 ist es praktisch bedeutungslos.
| Exportziel | 2015 (Mio. €) | 2022 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|---|
| China | 147 | 113 | 108 | −26,8 % |
| Vereinigtes Königreich | 121 | 163 | 93 | −23,1 % |
| Türkei | 63 | 144 | 57 | −8,8 % |
| Vereinigte Staaten | 66 | 157 | 107 | +63,8 % |
| Russische Föderation | 53 | 48 | 4 | −92,6 % |
Der Aufstieg Südkoreas als wichtigster EU-Importpartner
Auf der Importseite vollzog sich eine bemerkenswerte Verschiebung. Südkorea entwickelte sich vom viertgrößten (2015: 76,0 Mio. €) zum mit Abstand wichtigsten Importeur der EU (2025: 165,2 Mio. €; +117,3 %). Im Volumen verdoppelten sich die Lieferungen nahezu — von 35.113 Tonnen auf 68.548 Tonnen. Südkorea überholte damit die Schweiz, die zwar 2015 mit 150,5 Mio. € der größte Importpartner war und 2025 noch 163,1 Mio. € erreichte (+8,4 %), aber an Bedeutung relativ verlor. Die Importkonzentration nach Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) stieg im Volumen besonders stark: von 1.783 (2015) auf 2.684 (2025), ein Zuwachs von 50,5 %. Nach Wert stieg der HHI moderater von 1.704 auf 1.850 (+8,5 %). Der deutliche Unterschied zwischen Volumen- und Wert-Konzentration zeigt, dass die EU zwar wertmäßig noch diversifiziert importiert, mengenmäßig aber zunehmend von wenigen Lieferanten abhängt.
| Importpartner | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung | Volumen 2025 (t) |
|---|---|---|---|---|
| Südkorea | 76 | 165 | +117,3 % | 68.548 |
| Schweiz | 151 | 163 | +8,4 % | 25.938 |
| Vereinigte Staaten | 53 | 54 | +1,9 % | 4.160 |
| Vereinigtes Königreich | 63 | 44 | −29,1 % | 4.010 |
| Indien | 25 | 35 | +39,1 % | 14.537 |
| Taiwan | 28 | 31 | +10,4 % | 12.277 |
| China | 13 | 15 | +19,3 % | 5.157 |
Brexit und die Verschiebung im Handel mit dem Vereinigten Königreich
Das Vereinigte Königreich nimmt eine Sonderstellung ein: Es ist sowohl ein bedeutender Exportmarkt als auch eine relevante Importquelle der EU. Die Exporte ins Vereinigte Königreich sanken von 121,0 Mio. € (2015) auf 93,0 Mio. € (2025, −23,1 %). Noch deutlicher fällt der Rückgang im Volumen aus: von 40.904 Tonnen auf 20.251 Tonnen (−50,5 %). Die Preise verdoppelten sich nahezu (von 2.957 €/t auf 4.591 €/t), was den Wertverlust abfederte. Die Importe aus dem Vereinigten Königreich verloren ebenfalls an Gewicht — von 62,6 Mio. € auf 44,4 Mio. € (−29,1 %). Auffallend ist, dass die Mengenverluste auf der Exportseite viel stärker ausfielen als auf der Importseite, was auf eine zunehmende Eigenproduktion im Vereinigten Königreich oder Umlenkung der Handelsströme hindeuten könnte.
3. Produktionswandel in der EU: Weniger Volumen, höherer Wert, neue Exportmuster
Die EU produziert weniger, aber teurer
Die EU-Produktionsdaten zeigen einen deutlichen Strukturwandel. Die Produktionsmenge sank von 787 Mio. kg (2015) auf 598 Mio. kg (2024), was einem Rückgang von 24,1 % entspricht. Gleichzeitig stieg der Produktionswert von 984 Mio. € auf 1.800 Mio. € (+83,0 %). Der durchschnittliche Produktionspreis stieg damit von 1,25 €/kg auf 3,01 €/kg — eine Verdreifachung. Dies spiegelt zum einen die allgemeine Verteuerung von Rohstoffen und Energie wider, zum anderen eine Verschiebung hin zu hochwertigeren Spezialharzen.
| Kennzahl | 2015 | 2019 | 2022 | 2024 |
|---|---|---|---|---|
| Produktionsmenge (Mio. kg) | 787 | 392 | 598 | 598 |
| Produktionswert (Mio. €) | 984 | 1.125 | 2.184 | 1.800 |
| Produktionspreis (€/kg) | 1,25 | 2,87 | 3,66 | 3,01 |
Deutschland dominiert als Produktions- und Exportstandort
Die Spezialisierungsanalyse für 2025 zeigt, dass Deutschland mit einem RCA-Wert von 2,33 und einem RSCA von 0,40 der einzig echte Spezialisierungsvorteil innerhalb der EU besitzt. Deutschland erwirtschaftete 49,3 % des EU-Produktionswerts und 21,2 % der EU-Gesamtexporte. Die deutschen Exporte blieben mit 341 Mio. € (2025) gegenüber 335 Mio. € (2015) nahezu stabil (+1,7 %) — ein bemerkenswertes Ergebnis angesichts des gesamteuropäischen Exportrückgangs. Italien (RCA: 1,08), Spanien (RCA: 1,10) und die Niederlande (RCA: 1,04) weisen ebenfalls leichte Spezialisierungsvorteile auf, liegen aber weit hinter Deutschland zurück. Spanien verzeichnete dabei das stärkste Exportwachstum innerhalb der EU: von 33 Mio. € auf 69 Mio. € (+108,2 %). Die Niederlande verloren hingegen erheblich an Boden — die Exporte fielen von 179 Mio. € auf 66 Mio. € (−63,3 %).
| EU-Mitgliedstaat | Exporte 2015 (Mio. €) | Exporte 2025 (Mio. €) | Veränderung | RSCA 2025 |
|---|---|---|---|---|
| Deutschland | 335 | 341 | +1,7 % | 0,399 |
| Niederlande | 179 | 66 | −63,3 % | 0,020 |
| Italien | 62 | 75 | +20,2 % | 0,038 |
| Spanien | 33 | 69 | +108,2 % | 0,046 |
| Frankreich | 26 | 43 | +65,3 % | −0,186 |
Die USA gewinnen als Exportziel, China verliert an Bedeutung
Unter den wichtigsten Exportzielen entwickelten sich die Vereinigten Staaten zum dynamischsten Wachstumsmarkt. Die Exporte stiegen von 66 Mio. € (2015) auf 107 Mio. € (2025), was einem Plus von 63,8 % entspricht. Der Höchstwert wurde 2022 mit 157 Mio. € erreicht, begleitet von einem Preisschock (Preisabweichung: +50,1 % gegenüber der Baseline). China, 2015 noch das wichtigste Exportziel der EU (147 Mio. €), verlor kontinuierlich an Gewicht und lag 2025 bei 108 Mio. € (−26,8 %). Im Volumen war der Rückgang noch deutlicher: von 42.431 Tonnen auf 39.138 Tonnen, mit einem Tiefststand von 13.201 Tonnen im Jahr 2023. Die Türkei als Exportmarkt erreichte 2022 mit 144 Mio. € einen Spitzenwert, brach danach jedoch auf 57 Mio. € ein — ein Rückgang, der mit der konjunkturellen Abkühlung und Währungsabwertung in der Türkei zusammenhängt.
Schlussfolgerung
Der EU-Handel mit Epoxidharzen (CN 390730) hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend verändert. Der Handelsüberschuss schrumpfte um 65,5 %, getrieben nicht durch einen kollabierenden Export, sondern durch ein Zusammenspiel aus sinkenden Volumina und steigenden Preisen auf beiden Seiten. Drei Erklärungsmuster kristallisieren sich heraus:
Erstens führten geopolitische Ereignisse — insbesondere die Sanktionen gegen Russland und die Folgen des Brexit — zu einem irreversiblen Verlust traditioneller Handelsströme. Russland als einst fünftgrößtes Exportziel fiel auf praktisch Null, und das Vereinigte Königreich verlor mehr als die Hälfte seiner Importmengen aus der EU.
Zweitens verschob sich die Importstruktur der EU in Richtung Asien. Südkorea wurde zum dominanten Importpartner mit einem Volumenanstieg von nahezu 100 %, während die Importkonzentration (HHI nach Volumen) um über 50 % zunahm. Die EU importiert zwar mengenmäßig ähnlich viel wie 2015, bezieht diese Mengen aber zunehmend aus weniger Quellen — ein potenzielles Anfälligkeitsmerkmal.
Drittens zeigt die EU-Produktion einen Trend zur Wertschöpfungsorientierung: Weniger Volumen, aber deutlich höhere Werte deuten auf eine Verschiebung zu spezialisierten, hochwertigen Produkten hin. Deutschland behauptet seine Position als klarer Spezialisierungsführer, während südeuropäische Länder wie Spanien an Boden gewinnen. Die Exportquote (Exporte/Produktion) sank von 74,7 % auf 40,0 %, was darauf hindeutet, dass ein wachsender Anteil der EU-Produktion im Binnenmarkt verbleibt — sei es durch steigende Inlandsnachfrage oder durch die Verteuerung der Exporte infolge gestiegener Produktionskosten.