Marktentwicklung: Chemiefaser-Strickwaren (CN 611030) — 2015–2025
Einleitung
Der Zollcode 611030 umfasst Pullover, Strickjacken, Westen und ähnliche Waren einschließlich Unterziehpullis, hergestellt aus Gewirken oder Gestricken aus Chemiefasern (ausgenommen wattierte Westen). Dieses Marktsegment gehört zur übergeordneten Warengruppe 61 und wird anhand dreier Unterpositionen differenziert: Damen-/Mädchen-Ware (61103099), Herren-/Jungen-Ware (61103091) sowie Unterziehpullis (61103010). Im Zeitraum 2015–2025 hat sich der EU-Außenhandel mit diesen Erzeugnissen tiefgreifend verändert: Die Einfuhren stiegen nominal um rund 29 % auf über 5,5 Mrd. EUR, während die Ausfuhren nur moderat auf etwa 1 Mrd. EUR wuchsen. Die EU entwickelte sich in diesem Segment von einer stark importabhängigen zu einer nahezu vollständig importversorgten Wirtschaft. Der vorliegende Bericht analysiert die wesentlichen Handelsdynamiken, die Veränderungen der Partnerstruktur sowie die strukturellen Verschiebungen in Produktion und Konzentration.
1. Zunehmende Importabhängigkeit und ein sich vertiefendes Handelsdefizit
Die Einfuhren wuchsen deutlich schneller als die Ausfuhren
Im Betrachtungszeitraum entwickelten sich Importen und Exporten in stark unterschiedlichem Tempo:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Einfuhren (Wert, Mrd. EUR) | 4,31 | 5,58 | +29,2 % |
| Einfuhren (Menge, t) | 244.307 | 367.421 | +50,4 % |
| Ausfuhren (Wert, Mio. EUR) | 862 | 1.009 | +17,1 % |
| Ausfuhren (Menge, t) | 24.419 | 22.196 | −9,1 % |
Während die Einfuhren sowohl in Wert als auch in Menge kräftig zulegten, sank die exportierte Menge um rund 9 %. Der nominale Anstieg der Exporte beruhte somit allein auf höheren Stückpreisen (+28,8 %), nicht auf steigenden Volumina. Die Importpreise lagen dagegen deutlich niedriger als die Exportpreise, was auf die Herstellung in Niedriglohnländern und den Vertrieb über europäische Marken mit hohem Mehrwert hindeutet.
Das Handelsdefizit erreicht neue Dimensionen
Das bilaterale Defizit im Außenhandel vertiefte sich von −3,45 Mrd. EUR (2015) auf −4,57 Mrd. EUR (2025), eine Verschlechterung um 32,3 %. Die Netto-Importabhängigkeit stieg dabei von 18 % (2003) auf über 91 % (2024) — ein historischer Höchstwert. Die EU verfügt damit praktisch über keine eigenständige Versorgungskapazität mehr in diesem Segment.
Der Covid-19-Einbruch und die anschließende Erholung
Das Jahr 2020 markierte einen deutlichen Einbruch: Die Einfuhrwerte sanken auf 3,72 Mrd. EUR (Tiefstwert im Zeitraum), die Einfuhrmenge auf 239.208 t. Die Erholung war jedoch rasch und fiel überproportional aus: 2022 wurde mit 5,81 Mrd. EUR ein neuer Höchststand erreicht. Auch bei den Mengen übertraf 2025 mit 367.421 t alle Vorjahre. Der starke Nachholeffekt nach der Pandemie sowie geänderte Konsummuster (u. a. verstärkte Nachfrage nach bequemer Freizeitkleidung aus Chemiefasern) dürften hier zusammenwirken.
2. Verschiebung der Handelspartnerstruktur und geopolitische Brüche
China bleibt der dominante Lieferant, aber Südostasien gewinnt an Boden
Die Importpartner-Struktur zeigt, dass China seine Position als größter Lieferant behauptete, aber seine Marktanteile leicht verlor. Die Dynamik bei den aufstrebenden Lieferanten ist bemerkenswert:
| Lieferant | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung | Anteil 2025 |
|---|---|---|---|---|
| China | 2.052 | 2.488 | +21,2 % | 44,6 % |
| Bangladesch | 850 | 1.285 | +51,1 % | 23,0 % |
| Türkei | 467 | 511 | +9,5 % | 9,2 % |
| Kambodscha | 273 | 382 | +39,7 % | 6,9 % |
| Myanmar | 32 | 149 | +367,3 % | 2,7 % |
| Pakistan | 32 | 80 | +145,3 % | 1,4 % |
| Vietnam | 86 | 188 | +118,9 % | 3,4 % |
Der bemerkenswerteste Anstieg gelang Myanmar, dessen Einfuhren sich im Zeitraum fast verfünffachten — trotz der politischen Instabilität seit dem Militärputsch 2021. Bangladesch und Pakistan profitierten ebenfalls stark, was auf Kostenvorteile und die Diversifizierungsstrategien europäischer Modekonzerne zurückzuführen sein dürfte.
Brexit und Sanktionen: Zwei strukturelle Brüche bei den Exportmärkten
Bei den Exporten zeigen sich zwei gravierende geopolitische Ereignisse:
Vereinigtes Königreich: Der einst größte Exportmarkt der EU brach nach dem Brexit ab 2021 dramatisch ein. Die Exporte sanken von 350 Mio. EUR (2019) auf 170 Mio. EUR (2025, −51 %). Gleichzeitig fielen die Importe aus dem UK von 181 Mio. EUR (2018) auf 45 Mio. EUR (2025, −75 %). Die Volatilität bei den UK-Importen war mit einem Variationskoeffizienten von 0,80 die höchste aller Partnerländer — ein klares Signal eines Schockereignisses.
Russland: Die Exporte in die Russische Föderation sanken von 98 Mio. EUR (2019) auf 43 Mio. EUR (2025, −56 %), bedingt durch die seit 2022 verhängten Sanktionen.
Demgegenüber gewannen die Schweiz (+91,7 % auf 256 Mio. EUR), die Türkei (+206 % auf 101 Mio. EUR) und Norwegen (+123 % auf 50 Mio. EUR) als Exportmärkte stark an Bedeutung und kompensierten teilweise die Verluste.
Sinkende Konzentration bei Importen und Exporten
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) sank bei den Exporten von 1.302 auf 1.169 (−10,3 %), was auf eine breitere Streuung der Absatzmärkte hindeutet. Bei den Importen blieb die Konzentration mit einem Rückgang von 2.831 auf 2.726 (−3,7 %) weiterhin auf mittlerem Niveau, was die anhaltende Dominanz Chinas und Bangladeschs widerspiegelt.
3. Struktureller Niedergang der EU-Produktion und regionale Umverteilung
Der EU-weite Produktionsrückgang ist dramatisch
Die EU-Produktionsvolumina sind im Zeitraum 2003–2024 kollabiert:
| Kennzahl | 2003 | 2024 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Produktionsmenge (t) | 187.158.097 | 21.598.619 | −88,5 % |
| Produktionswert (Mio. EUR) | 1.612 | 405 | −74,9 % |
Diese Zahlen belegen den fast vollständigen Rückzug der EU-Produktion im Segment der Chemiefaser-Strickwaren. Der Prozess hat sich über zwei Jahrzehnte hinweg kontinuierlich vollzogen und wurde durch die Verlagerung der Fertigung nach Asien, steigende Lohnkosten in Europa sowie den Wettbewerbsdruck aus Niedriglohnländern angetrieben. Die verbleibende Produktion konzentriert sich auf hochwertige Nischen und wird zunehmend auf wenige Mitgliedstaaten gestützt.
Polen und Spanien als neue europäische Produktionsstandorte
Die Spezialisierungsanalyse für 2025 zeigt, dass innerhalb der EU eine klare Aufteilung besteht:
| Land | RSCA | RCA | Produktionsanteil |
|---|---|---|---|
| Dänemark | 0,60 | 4,04 | 7,0 % |
| Spanien | 0,41 | 2,40 | 13,9 % |
| Polen | 0,37 | 2,18 | 14,5 % |
| Italien | 0,05 | 1,11 | 8,9 % |
| Niederlande | 0,03 | 1,05 | 15,3 % |
Dänemark weist mit einem RSCA von 0,60 und einem RCA von 4,04 die höchste Spezialisierung auf. Spanien und Polen haben sich ebenfalls zu bedeutenden Produktionsstandorten entwickelt — Polen mit einem Exportwachstum von 13,5 Mio. EUR (2015) auf 97,9 Mio. EUR (2025, +626 %). Demgegenüber stehen Länder wie Malta (RSCA −0,92), Irland (−0,87) und Finnland (−0,81), die in diesem Segment praktisch keine komparativen Vorteile besitzen.
Veränderungen im Segmentmix
Die Aufschlüsselung nach Unterpositionen zeigt, dass die Damen-/Mädchen-Ware (61103099) sowohl bei Importen als auch bei Exporten den größten Anteil ausmacht:
| Segment | Importanteil 2025 (Wert) | Exportanteil 2025 (Wert) |
|---|---|---|
| Damen-/Mädchen (61103099) | 75,8 % | 75,0 % |
| Herren-/Jungen (61103091) | 21,1 % | 22,4 % |
| Unterziehpullis (61103010) | 2,3 % | 2,8 % |
Auffällig ist, dass die Exportpreise für Damenware bei rund 46.821 EUR/t liegen und damit deutlich über den Importpreisen von 16.292 EUR/t — ein Preisverhältnis von fast 3:1. Dies unterstreicht, dass die EU vor allem hochwertige, markenbasierte Erzeugnisse exportiert, während die Massenproduktion im Ausland stattfindet.
Fazit
Die Marktentwicklung von CN 611030 im Zeitraum 2015–2025 lässt sich als ein Prozess beschreiben, in dem drei Kräfte zusammenwirkten: Erstens die fortschreitende Deindustrialisierung der EU-Produktion, die nahezu vollständig in Drittländer verlagert wurde. Zweitens die geopolitische Neuaufteilung der Handelsströme — insbesondere durch den Brexit und die Russland-Sanktionen, die etablierte Handelsmuster nachhaltig störten. Drittens die Diversifierungsstrategien europäischer Unternehmen, die zwar China als Hauptlieferant bestehen ließen, aber verstärkt auf Bangladesch, Kambodscha, Myanmar und Pakistan setzten.
Die Netto-Importabhängigkeit von über 90 % macht die EU in diesem Segment hochgradig anfällig für Lieferkettenunterbrechungen, Handelskonflikte und Währungsschwankungen. Gleichzeitig ermöglicht die EU weiterhin hohe Exportpreise — ein Hinweis darauf, dass der europäische Mehrwert in Design, Markenführung und Vertrieb liegt, nicht mehr in der eigentlichen Fertigung.