Marktentwicklung: Borax und Perborate (CN 2840) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union im Zeitraum 2015–2025 für den Zolltarifcode 2840 (Borate; Peroxoborate „Perborate"). Die Warengruppe umfasst raffinierten Borax (wasserfrei und hydratisiert), andere Borate sowie Peroxoborate (Perborate). Die EU ist bei diesem Produkt netto ein deutlicher Importeur: Die Importe übersteigen die Exporte um ein Vielfaches – sowohl mengen- als auch wertmäßig. Im Beobachtungszeitraum zeigen sich drei zentrale Dynamiken: ein starker Preisanstieg bei gleichzeitig moderater Mengenentwicklung, eine deutliche geopolitische Umorientierung der Handelspartner sowie eine wachsende strukturelle Importabhängigkeit der EU.
I. Preisgetriebenes Wertwachstum trotz stagnierender Mengen
Import- und Exportwerte verdoppeln sich, während die Mengen nur moderat steigen
Die Handelswerte haben sich zwischen 2015 und 2025 sowohl bei den Importen als auch bei den Exporten nahezu verdoppelt – die zugrundeliegenden Mengen wuchsen jedoch deutlich schwächer. Dies deutet auf einen fundamentalen Strukturwandel hin, bei dem Preissteigerungen der zentrale Wachstumstreiber sind.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importwert (EUR) | 83.029.142 | 146.891.248 | +76,9 % |
| Importmenge (t) | 203.340 | 263.512 | +29,6 % |
| Importpreis (EUR/t) | 408 | 557 | +36,5 % |
| Exportwert (EUR) | 22.541.245 | 42.284.795 | +87,6 % |
| Exportmenge (t) | 26.121 | 26.787 | +2,6 % |
| Exportpreis (EUR/t) | 862 | 1.388 | +61,1 % |
Datenquelle: Gesamtübersicht Handel
Der Preisanstieg folgt einem globalen Rohstoffzyklus
Die Preise stiegen bei Importen um 36,5 % und bei Exporten sogar um 61,1 %. Der Anstieg war dabei nicht linear: Die Preise erreichten ihren Höchststand bei Importen im Jahr 2022 (624 EUR/t) und bei Exporten im Jahr 2025 (1.388 EUR/t). Dies korrespondiert mit den globalen Rohstoffpreisanstiegen nach der COVID-19-Pandemie und dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine, die auch bei anderen anorganischen Chemikalien zu beobachten waren. Besonders auffällig ist der Preisanstieg bei den Exporten des Segments 284019 (raffinierter Borax, hydratisiert): von 550 EUR/t (2015) auf 1.257 EUR/t (2025) – eine Verdopplung.
Das Segment 284020 zeigt die höchsten Preise, aber den stärksten Mengenrückgang
Unter den vier Unterteilungen des CN-Codes 2840 weist das Segment 284020 (übrige Borate) die mit Abstand höchsten Preise auf — über 4.000 EUR/t bei Exporten und rund 2.400 EUR/t bei Importen im Jahr 2025. Gleichzeitig sank die Importmenge von 18.084 t (2015) auf 7.119 t (2025), was einem Rückgang von 61 % entspricht. Die Exportmenge fiel sogar von 3.390 t auf 1.436 t (−58 %). Dies könnte auf eine Verschiebung der Nachfrage hin zu Standardborax (284019) und eine zunehmende Spezialisierung der übrigen Borate hindeuten.
| Segment | Importpreis 2015 | Importpreis 2025 | Exportpreis 2015 | Exportpreis 2025 |
|---|---|---|---|---|
| 284019 – Raffinierter Borax (hydratisiert) | 350 €/t | 471 €/t | 550 €/t | 1.257 €/t |
| 284011 – Raffinierter Borax (wasserfrei) | 770 €/t | 896 €/t | 902 €/t | 952 €/t |
| 284020 – Übrige Borate | 717 €/t | 2.421 €/t | 2.437 €/t | 4.052 €/t |
| 284030 – Peroxoborate (Perborate) | 16.427 €/t | 10.838 €/t | 3.132 €/t | 21.532 €/t |
Der Handelsbilanzdefizit vergrößert sich trotz Exportpreissteigerungen
Die negative Handelsbilanz verschlechterte sich von −60,5 Mio. EUR (2015) auf −104,6 Mio. EUR (2025). Da die Exportpreise stärker stiegen als die Importpreise, hätte man eine Verbesserung erwarten können. Dass das Defizit dennoch wuchs, liegt an der mengenmäßigen Dominanz der Importe: Die EU importierte 2025 rund zehnmal so viele Tonnen wie sie exportierte (263.512 t vs. 26.787 t).
II. Geopolitische Umorientierung der Handelspartnerschaften
Die Türkei festigt ihre Position als dominanter Importlieferant
Die mit Abstand wichtigste Veränderung auf der Importseite ist die wachsende Dominanz der Türkei. Mit einem Anstieg von 59,3 Mio. EUR (2015) auf 117,8 Mio. EUR (2025) — fast eine Verdopplung (+98,5 %) — deckt die Türkei heute rund 80 % des EU-Importwertes ab. Bemerkenswert ist die geringe Volatilität dieses Handelsstroms: Der Variationskoeffizient beträgt lediglich 0,12, was auf einen stabilen und zuverlässigen Lieferanten hindeutet. Die Türkei verfügt über bedeutende Borat-Vorkommen (Eti Maden ist einer der weltgröiten Produzenten), und die geographische Nähe zur EU macht sie zum natürlichen Hauptlieferanten.
| Importpartner | 2015 (EUR) | 2025 (EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Türkei | 59.338.858 | 117.792.525 | +98,5 % |
| USA | 8.386.609 | 14.755.734 | +75,9 % |
| Unbestimmte Gebiete | 1.228.770 | 28.780.428 | +2.242 % |
| Vereinigtes Königreich | 8.710.577 | 1.118.698 | −87,2 % |
| China | 3.908.939 | 5.419.318 | +38,6 % |
| Peru | 615.297 | 1.519.129 | +146,9 % |
| Indien | 119.735 | 1.578.208 | +1.218 % |
Datenquelle: Top-Importpartner nach Wert
Die Importe aus dem Vereinigten Königreich brachen nach dem Brexit ein
Die Importe aus dem Vereinigten Königreich sanken von 8,7 Mio. EUR (2015) auf nur noch 1,1 Mio. EUR (2025) — ein Rückgang von 87,2 %. Das Minimum wurde 2023 mit lediglich 217.561 EUR erreicht. Diese Entwicklung ist ein klares Signal für die handelsverzerrende Wirkung des Brexits: Zölle, Zollformalitäten und regulatorische Divergenz haben den bilateralen Handel mit Boraten erheblich verteuert. Der Variationskoeffizient von 1,05 bei den UK-Importen unterstreicht die enorme Instabilität dieses Handelsstroms über den gesamten Zeitraum.
Exportmärkte: Ukraine-Krise und Schweizer Wachstum
Auf der Exportseite zeigt sich ein differenziertes Bild. Die Exporte in die Ukraine sanken von 1,4 Mio. EUR (2015) auf 0,4 Mio. EUR (2025) — ein Rückgang von 70,1 %, der den Auswirkungen des Krieges ab 2022 zuzuordnen ist. Gleichzeitig stiegen die Exporte in die Schweiz um 465 % (von 0,4 Mio. EUR auf 2,4 Mio. EUR) und in die USA um 190 % (von 2,1 Mio. EUR auf 6,0 Mio. EUR). Der US-Exportmarkt war dabei sehr volatil (CV = 0,42), mit einem Höchststand von 6,6 Mio. EUR im Jahr 2022.
| Exportpartner | 2015 (EUR) | 2025 (EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Norwegen | 4.714.836 | 7.349.039 | +55,9 % |
| Unbestimmte Gebiete | 2.340.793 | 3.061.227 | +30,8 % |
| Schweiz | 424.773 | 2.401.244 | +465,3 % |
| Vereinigtes Königreich | 1.766.338 | 1.723.418 | −2,4 % |
| Ukraine | 1.394.623 | 417.013 | −70,1 % |
| Indien | 2.131.123 | 940.196 | −55,9 % |
| USA | 2.075.515 | 6.013.094 | +189,7 % |
Die Handelskonzentration auf der Importseite nimmt zu
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe nach Wert stieg von 5.344 (2015) auf 6.598 (2025) — ein Anstieg von 23,5 %. Werte über 2.500 gelten als hochkonzentriert. Die Zunahme spiegelt die wachsende Dominanz der Türkei wider. Im Gegensatz dazu bleibt die Exportkonzentration mit einem HHI von 1.238 deutlich geringer und stieg nur moderat (+29 %). Die EU exportiert also in eine breitere Palette von Märkten, aus der sie importiert.
III. Wachsende Importabhängigkeit und veränderte innereuropäische Produktionslandschaft
Die Nettostrom-Importabhängigkeit der EU steigt deutlich an
Der Anteil der Nettostrom-Importe am Gesamthandel erhöhte sich von 54,0 % (2015) auf 66,7 % (2025) — mit einem Höchstwert von 76,4 % im Jahr 2022. Das bedeutet, dass die EU heute für mehr als zwei Drittel ihres Borat-Verbrauchs auf Importe angewiesen ist. Die Exportquote stieg zwar von 13,9 % auf 45,6 %, was auf ein verstärktes Exportengagement hindeutet, doch dies konnte die wachsende Importabhängigkeit nicht kompensieren.
Die EU-Produktion von Boraten ist dramatisch eingebrochen
Die inländische EU-Produktion von Boraten (gemessen in B₂O₃) sank von 128,6 Mio. kg (2015) auf nur noch 20,0 Mio. kg (2025) — ein Rückgang von 84,4 %. Der Produktionswert fiel um 21,7 % (von 76,7 Mio. EUR auf 60,0 Mio. EUR). Der deutliche Unterschied zwischen Mengen- und Wertverlust weist darauf hin, dass die Produktion sich hin zu hochwertigeren Spezialboraten verlagert hat, während die Massenproduktion aufgegeben oder ins Ausland verlagert wurde. Der niedrigste Produktionswert wurde 2020 mit 23,4 Mio. EUR erreicht — möglicherweise eine COVID-19-Effekt.
Slowenien und die Niederlande als neue Spezialisierungszentren
Gemäß dem bereinigten symmetrischen Komparativen Vorteilsindex (RSCA) für das Jahr 2025 weisen zwei EU-Mitgliedstaaten eine herausragende Spezialisierung bei Boraten auf:
| Mitgliedstaat | RSCA 2025 | RCA 2025 |
|---|---|---|
| Slowenien | 0,79 | 8,68 |
| Niederlande | 0,62 | 4,23 |
| Polen | 0,13 | 1,29 |
| Frankreich | 0,05 | 1,10 |
Slowenien verzeichnete einen spektakulären Anstieg der Exporte: von lediglich 48.169 EUR (2015) auf 17.797.702 EUR (2025) — ein Anstieg von über 36.800 %. Gleichzeitig stiegen die niederländischen Importe von 14,0 Mio. EUR auf 55,7 Mio. EUR (+299 %). Die Niederlande fungieren dabei wahrscheinlich als europäisches Distributionszentrum: Ein großer Teil der türkischen Borate dürfte über Rotterdam in die EU gelangen und von dort aus verteilt werden.
Deutschland verliert als Importeur an Bedeutung
Bemerkenswert ist der Bedeutungsverlust Deutschlands auf der Importseite: Die deutschen Importe sanken von 14,3 Mio. EUR (2015) auf nur noch 3,3 Mio. EUR (2025) — ein Rückgang von 76,5 %. Deutschland war 2015 noch der zweitgrößte EU-Importeur und ist 2025 auf Platz fünf abgerutscht. Gleichzeitig stiegen die Importe in die Niederlande (+299 %), Italien (+133 %), Polen (+82 %) und Slowenien (+167 %) erheblich. Dies deutet auf eine Umverteilung der Importaktivität innerhalb der EU hin — möglicherweise bedingt durch veränderte Lieferketten und die zunehmende Rolle der Niederlande als Logistikdrehkreuz.
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für Borate und Perborate (CN 2840) hat sich zwischen 2015 und 2025 in mehrfacher Hinsicht grundlegend gewandelt. Erstens sind die Handelswerte trotz moderater Mengenentwicklung stark gestiegen — ein Trend, der auf globale Rohstoffpreiszyklen und die Verteuerung von Energie und Logistik zurückzuführen ist. Zweitens hat sich die geographische Struktur der Handelsbeziehungen verschoben: Die Türkei hat ihre Vormachtstellung als Lieferant weiter ausgebaut, während der Brexit den Handel mit dem Vereinigten Königreich fast zum Erliegen gebracht hat. Drittens und am bedeutsamsten ist die EU in den letzten zehn Jahren deutlich importabhängiger geworden — die inländische Produktion brach um über 80 % ein, und die Nettostrom-Importabhängigkeit stieg auf fast 67 %. Diese Entwicklungen werfen Fragen der Versorgungssicherheit auf, insbesondere angesichts der hohen Konzentration der Importe auf wenige Lieferländer (HHI von über 6.500). Für europäische Industrien, die auf Borate angewiesen sind — etwa die Glas-, Keramik- und Waschmittelindustrie — empfiehlt sich eine genauere Beobachtung dieser Abhängigkeiten und die Prüfung von Diversifizierungsstrategien.