Marktentwicklung: Baumwoll-Nachtwäsche (CN 610831) — 2015–2025
Einleitung
Der vorliegende Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union für die Zolltarifposition 610831 — Baumwoll-Nachthemden und -Schlafanzüge für Damen und Mädchen (ausgenommen T-Shirts, Unterhemden und Négligés) — im Zeitraum von 2015 bis 2025. Die EU ist in diesem Segment traditionell eine Netto-Importeurin: Der Handelsdefizit belief sich zu Beginn des Untersuchungszeitraums auf rund 381 Mio. EUR und erreichte bis zum Ende 426 Mio. EUR (Handelsübersicht). Der Bericht gliedert sich in drei Hauptabschnitte, die zentrale Strukturverschiebungen, regionale Umorientierungen und die wachsende Abhängigkeit der EU von Drittlieferanten beleuchten.
1. Strukturwandel: Verfall der EU-Produktion und wachsende Importabhängigkeit
Die EU-Produktion von Baumwoll-Nachtwäsche ist drastisch eingebrochen
Die europäische Fertigung von CN 610831 hat zwischen 2015 und 2025 dramatisch abgenommen. Die Produktionsmenge sank von 26,9 Mio. Stück auf unter 9,7 Mio. Stück — ein Rückgang von 64 %. Der Produktionswert halbierte sich nahezu von 192 Mio. EUR auf 80 Mio. EUR (−58 %). Diese Entwicklung spiegelt den langfristigen Trend der Delokalisierung textiler Produktion aus Europa in kostengünstigere Produktionsstandorte wider (Produktionsvolumen).
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Produktionsmenge (Mio. Stück) | 26,9 | 9,7 | −64,0 % |
| Produktionswert (Mio. EUR) | 191,6 | 80,0 | −58,3 % |
| Importquote (Netto) | 62,6 % | 88,8 % | +41,7 % |
Die Importabhängigkeit hat sich auf fast 90 % erhöht
Die Netto-Importquote stieg von 62,6 % im Jahr 2015 auf 88,8 % im Jahr 2025 — ein Zuwachs um 41,7 %. Die EU ist damit bei Baumwoll-Nachtwäsche fast vollständig auf Importe angewiesen. Parallel dazu stieg die Handelsintensität von 80,3 % auf 97,9 %. Gleichzeitig verdoppelte sich die Exportquote nahezu von 39,6 % auf 79,5 % — ein Hinweis darauf, dass die verbliebene EU-Produktion zunehmend für Exportmärkte bestimmt ist, während der heimische Bedarf über Importe gedeckt wird.
Die Importkonzentration hat sich erhöht, die Exportkonzentration gelockert
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) bei den Importen nach Wert stieg von 2.028 auf 2.656 (+31 %), was auf eine zunehmende Konzentration der Lieferantenstruktur hindeutet. Im Gegensatz dazu fiel der Export-HHI von 1.751 auf 910 (−48 %), was eine breitere Streuung der Exportziele anzeigt.
2. Regionale Umorientierung: Von China nach Südasien und geopolitische Verschiebungen
Bangladesh ist zum dominierenden Lieferanten aufgestiegen
Die auffälligste Veränderung auf der Importseite ist der Aufstieg Bangladeshs. Mit einem Zuwachs von 85,9 % — von 105 Mio. EUR auf 196 Mio. EUR — entfielen 2025 rund 41,5 % der EU-Importe nach Wert auf Bangladesh (Handelspartner). Bangladesh erreichte mit 239 Mio. EUR im Jahr 2023 sogar einen historischen Höchstwert. Der Anstieg korreliert mit dem Preisschock von 2022, als die Importpreise aus Bangladesh um 35,7 % sprangen — ein abnormaler Wert von 13,2 — was auf steigende Energie- und Produktionskosten nach dem Ukraine-Konflikt und der weltweiten Inflationswelle zurückzuführen sein dürfte.
| Lieferant | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Bangladesh | 105,3 | 195,9 | +85,9 % |
| Indien | 118,1 | 130,7 | +10,7 % |
| China | 92,5 | 41,3 | −55,3 % |
| Türkei | 29,0 | 31,6 | +9,2 % |
| Kambodscha | 9,4 | 16,2 | +72,2 % |
| Pakistan | 6,6 | 6,0 | −10,0 % |
| Vereinigtes Königreich | 16,9 | 2,2 | −86,8 % |
China hat als Lieferant stark an Bedeutung verloren
Der Rückgang der chinesischen Lieferungen von 92,5 Mio. EUR auf 41,3 Mio. EUR (−55,3 %) spiegelt den langfristigen Trend der Lieferketten-Diversifizierung weg von China wider — ein Prozess, der durch US-chinesische Handelskonflikte, steigende chinesische Lohnkosten und die COVID-19-Pandemie beschleunigt wurde. China weist mit einem Variationskoeffizienten von 0,33 auch die höchste Volatilität unter den wichtigsten Lieferanten auf (Volatilität).
Der Brexit hat den Handel mit dem Vereinigten Königreich grundlegend verändert
Das Vereinigte Königreich zeigt die dramatischsten Veränderungen: Die EU-Importe aus dem VK brachen um 86,8 % ein (von 16,9 Mio. EUR auf 2,2 Mio. EUR), während die EU-Exporte in das VK um 55,7 % sanken (von 9,6 Mio. EUR auf 4,3 Mio. EUR). Die VK-Importe weisen mit einem CV von 1,12 die höchste Volatilität aller Handelspartner auf — ein klarer Hinweis auf die durch den Brexit verursachten Handelsreibungen und neuen Zollverfahren.
Geopolitische Ereignisse haben die Exportlandschaft neu geprägt
Auf der Exportseite sind bemerkenswerte Verschiebungen zu beobachten. Die Exporte in die Ukraine stiegen um 855 % von 0,5 Mio. EUR auf 4,8 Mio. EUR — ein Trend, der mit dem EU-Beitrittsprozess und der zunehmenden wirtschaftlichen Integration der Ukraine zusammenhängt. Gleichzeitig verloren die Exporte in die Russische Föderation 39,7 % ihres Werts (von 3,5 Mio. EUR auf 2,1 Mio. EUR), was mit den Sanktionen nach 2022 in Verbindung steht. Der Preisschock bei Russland-Exporten im Jahr 2022 (Anomaliewert 11,5, Preissprung 39,7 %) unterstreicht die destabilisierende Wirkung geopolitische Konflikte auf Handelsströme.
| Exportziel | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Schweiz | 9,5 | 9,7 | +2,4 % |
| Vereinigtes Königreich | 9,6 | 4,3 | −55,7 % |
| Ukraine | 0,5 | 4,8 | +855,2 % |
| Serbien | 0,3 | 3,4 | +1.264,6 % |
| Albanien | 1,7 | 2,1 | +22,4 % |
| Norwegen | 0,9 | 1,6 | +81,0 % |
| Russland | 3,5 | 2,1 | −39,7 % |
3. Preis- und Mengendynamik: Mehr Stücke, niedrigere Einheitspreise
Die Importmengen sind gewachsen, die Stückpreise jedoch gefallen
Obwohl die Importe nach Wert um 13,4 % stiegen (von 415 Mio. EUR auf 471 Mio. EUR), nahm die importierte Stückzahl mit 24,4 % deutlich stärker zu (von 116,7 Mio. auf 145,1 Mio. Stück). Der durchschnittliche Stückpreis bei den Importen sank von 3,56 EUR auf 3,24 EUR pro Stück (−8,9 %). Diese Entwicklung deutet auf eine Verschiebung hin zu preisgünstigeren Produktsegmenten — ein Trend, der durch die verstärkte Beschaffung aus Niedriglohnländern wie Bangladesh und Kambodscha begünstigt wird.
| Kennzahl (Importe) | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Wert (Mio. EUR) | 415,4 | 471,0 | +13,4 % |
| Menge (t) | 33.803 | 37.245 | +10,2 % |
| Stückzahl (Mio.) | 116,7 | 145,1 | +24,4 % |
| Stückpreis (EUR/Stück) | 3,56 | 3,24 | −8,9 % |
| Preis pro Tonne (EUR) | 12.289 | 12.644 | +2,9 % |
Auch die Exportpreise sind unter Druck geraten
Die EU-Exporte wuchsen nach Wert um 30,6 % (von 34,3 Mio. EUR auf 44,8 Mio. EUR), die Stückzahl stieg sogar um 63,3 % (von 4,4 Mio. auf 7,2 Mio. Stück). Der Export-Stückpreis sank jedoch um 20,0 % von 7,78 EUR auf 6,23 EUR — ein bemerkenswerter Gegentrend zum Tonnenpreis, der leicht von 24.735 EUR auf 25.562 EUR stieg. Dieses scheinbare Paradoxon lässt sich durch eine Verschiebung zu leichteren Produkten erklären: Das durchschnittliche Gewicht pro Stück sank, was die Massenmenge weniger stark ansteigen ließ als die Stückzahl.
| Kennzahl (Exporte) | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Wert (Mio. EUR) | 34,3 | 44,8 | +30,6 % |
| Menge (t) | 1.387 | 1.752 | +26,4 % |
| Stückzahl (Mio.) | 4,4 | 7,2 | +63,3 % |
| Stückpreis (EUR/Stück) | 7,78 | 6,23 | −20,0 % |
| Preis pro Tonne (EUR) | 24.735 | 25.562 | +3,3 % |
Innerhalb der EU verschiebt sich der Importverbrauch nach Osten
Die Analyse der EU-Mitgliedstaaten als Importeure offenbart eine bemerkenswerte Verschiebung: Polen verfünffachte seine Importe von 9,8 Mio. EUR auf 60,7 Mio. EUR (+522 %) und stieg damit von einem marginalen Importeur zu einem der größten Abnehmer auf. Spanien erhöhte seine Importe um 50 % auf 57,5 Mio. EUR. Im Gegensatz dazu sanken die Importe der Niederlande um 28,4 % und Belgiens um 60,3 %. Deutschland blieb mit 83,7 Mio. EUR der größte Importeur, allerdings praktisch unverändert. Diese Dynamik spiegelt sowohl die geografische Verschiebung der europäischen Textilverarbeitung als auch die unterschiedliche Konsumdynamik in den einzelnen Mitgliedstaaten wider.
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für Baumwoll-Nachtwäsche hat sich zwischen 2015 und 2025 fundamental gewandelt. Drei zentrale Entwicklungen prägen das Bild: Erstens die nahezu vollständige Aufgabe der heimischen Produktion zugunsten importierter Waren — die Netto-Importquote erreicht nunmehr 88,8 %. Zweitens die geografische Neuorientierung der Lieferketten von China und dem Vereinigten Königreich hin zu Bangladesch, Indien und Kambodscha, wobei Bangladesh nun fast die Hälfte aller Importe nach Wert stellt. Drittens ein Preisdruck nach unten, der trotz steigender Mengen zu sinkenden Einheitspreisen führt.
Diese Entwicklungen bergen erhebliche strategische Risiken: Die hohe und steigende Abhängigkeit von wenigen südasiatischen Lieferanten macht die EU anfällig für Lieferunterbrechungen, politische Instabilität in Herkunftsländern oder Handelskonflikte. Gleichzeitig signalisieren die Preisschocks von 2022 — insbesondere bei Bangladesch-Importen —, wie anfällig die Lieferketten für externe Schocks sind. Für die europäische Textilwirtschaft und -handelspolitik stellt sich die Frage, ob und wie eine strategische Diversifizierung der Beschaffungsquellen gelingen kann, ohne die Kostenvorteile der aktuellen Lieferstruktur vollständig aufzugeben.