Marktentwicklung: Apparate und Geräte für Ozon-, Sauerstoff- oder Aerosoltherapie; Beatmungsapparate zum Wiederbeleben und andere Apparate und Geräte für Atmungstherapie, einschl. Teile und Zubehör (CN 901920) — 2015–2025
Einleitung
Der Zolltarifcode 901920 umfasst ein breites Spektrum medizintechnischer Produkte: von Sauerstoff- und Aerosoltherapiegeräten über Beatmungsgeräte zur Wiederbelebung bis hin zu mechanischen Beatmungsgeräten — einschließlich Teile und Zubehör. Der Zeitraum 2015 bis 2025 ist für diesen Markt von besonderer Relevanz, da die COVID-19-Pandemie im Jahr 2020 eine beispiellose Nachfrage nach Atemtherapiegeräten auslöste und bestehende Handelsstrukturen sowohl zwischen der EU und Drittländern als auch innerhalb der EU nachhaltig veränderte. Der vorliegende Bericht analysiert auf Basis der verfügbaren Handelsdaten die wichtigsten Marktdynamiken, die Verschiebungen in den Handelsströmen sowie die sich daraus ergebenden Implikationen für die strategische Autonomie der EU.
1. Pandemie als Strukturbruch: Von einem stetig wachsenden Markt zu einer dauerhaften Niveauverschiebung
1.1. Die Phase moderaten Wachstums (2015–2019)
Vor der Pandemie zeigte sich der EU-Außenhandel mit CN 901920 durch ein moderates, aber stetiges Wachstum geprägt. Die EU-Exporte stiegen von 816 Mio. € (2015) auf 1.030 Mio. € (2019), was einem kumulativen Anstieg von rund 26 % entspricht. Die Importe entwickelten sich parallel dazu von 952 Mio. € auf 1.198 Mio. € (+26 %). Der Handelsbilanzsaldo blieb in dieser Phase durchgehend negativ, was die EU als Nettoimporteur für Atemtherapiegeräte ausweist. Der Saldo schwankte zwischen −136 Mio. € (2015) und −278 Mio. € (2019).
| Jahr | Exporte (Mio. €) | Importe (Mio. €) | Saldo (Mio. €) |
|---|---|---|---|
| 2015 | 816 | 952 | −136 |
| 2016 | 834 | 1.076 | −243 |
| 2017 | 932 | 1.113 | −181 |
| 2018 | 918 | 1.165 | −247 |
| 2019 | 1.030 | 1.198 | −168 |
Quelle: General Overview — Trade
1.2. Der COVID-19-Schock im Jahr 2020
Das Jahr 2020 markiert eine fundamentale Zäsur. Die EU-Exporte verdoppelten sich nahezu auf 2.111 Mio. € (+105 % gegenüber 2019), die Importe sprangen auf 2.981 Mio. € (+149 %). Die Handelsbilanz verschlechterte sich drastisch auf −870 Mio. €. Gleichzeitig stiegen die durchschnittlichen Importpreise von 48.985 €/t auf 92.983 €/t, was auf extreme Knappheit und Preisdruck hinweist. Die exportseitigen Preise fielen hingegen von 98.706 €/t auf 137.728 €/t (2020), was auf einen Mix aus hochpreisigen Spezialgeräten und Volumenlieferungen zu Notfallpreisen hindeutet. Die exportseitigen Mengen stiegen 2020 auf 15.325 Tonnen und explodierten 2021 sogar auf 39.487 Tonnen — ein historischer Höchstwert, der die normale Größenordnung um das Vierfache übertraf.
1.3. Das „neue Normal" nach der Pandemie (2021–2025)
Entgegen einer möglichen Erwartung einer vollständigen Normalisierung blieb das Handelsvolumen nach 2020 auf einem deutlich höheren Niveau als vor der Pandemie. Im Jahr 2025 lagen die EU-Exporte bei 1.362 Mio. € und die Importe bei 1.511 Mio. € — das entspricht einem Anstieg von +67 % bzw. +59 % gegenüber 2015. Der Handelsbilanzsaldo bewegte sich in den Jahren 2022–2025 zwischen −149 Mio. € und −194 Mio. € und damit in einer ähnlichen Größenordnung wie in der Vor-Pandemie-Phase. Dies deutet darauf hin, dass die Pandemie zwar einen temporären Nachfrageüberhang erzeugte, das Handelsvolumen sich danach aber auf einem strukturell höheren Plateau einpendelte — vermutlich getrieben durch: (1) dauerhaft erhöhte Bestände an Beatmungsgeräten in Gesundheitssystemen, (2) einen beschleunigten Ausbau der häuslichen Sauerstofftherapie und (3) eine verstärkte Diversifizierung der Lieferketten.
| Jahr | Exporte (Mio. €) | Importe (Mio. €) | Saldo (Mio. €) |
|---|---|---|---|
| 2020 | 2.111 | 2.981 | −870 |
| 2021 | 1.555 | 1.352 | +203 |
| 2022 | 1.370 | 1.563 | −194 |
| 2023 | 1.417 | 1.482 | −64 |
| 2024 | 1.324 | 1.411 | −87 |
| 2025 | 1.362 | 1.511 | −149 |
Quelle: General Overview — Trade
Bemerkenswert ist, dass die EU im Jahr 2021 vorübergehend zum Nettoexporteur wurde (Saldo: +203 Mio. €). Die Netto-Importabhängigkeit sank 2021 auf −14,7 %, stieg dann 2022 wieder auf +12,3 % und pendelte sich 2025 bei +6,0 % ein. Dieses kurzfristige Übergewicht der Exporte im Jahr 2021 spiegelt wahrscheinlich den Abbau pandemiebedingt aufgebauter Lagerbestände wider, die als Exporte in Drittländer weitergegeben wurden.
2. Geopolitische Verschiebungen: Neue Lieferanten gewinnen an Gewicht, traditionelle Partner relativieren sich
2.1. Der Aufstieg Chinas und Singapurs als Importquellen
Die Importpartner-Struktur hat sich zwischen 2015 und 2025 erheblich verändert. China steigerte seine Exporte in die EU von 110 Mio. € (2015) auf 269 Mio. € (2025), was einem Zuwachs von +144 % entspricht. Der absolute Höhepunkt wurde pandemiebedingt 2020 mit 1.521 Mio. € erreicht — ein Anstieg um das 12,5-fache gegenüber dem Vorjahr. Singapur, als wichtiger Umschlagplatz und Produktionsstandort, vergrößerte seine Lieferungen in die EU von 97 Mio. € auf 300 Mio. € (+210 %). Damit hat Singapur die Vereinigten Staaten als zweitgrößten Importpartner überholt.
| Partner | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| China | 110 | 269 | +144 % |
| USA | 212 | 176 | −17 % |
| Vereinigtes Königreich | 143 | 194 | +36 % |
| Singapur | 97 | 300 | +210 % |
| Australien | 165 | 173 | +5 % |
| Mexiko | 38 | 115 | +206 % |
| Malaysia | 4 | 21 | +371 % |
Quelle: Top Partners — Imports
Zwei Entwicklungen fallen besonders auf:
- China hat seine Position als wichtigster Einzellieferant der EU trotz des Pandemie-Ausreißers (2020) konsolidiert. Die Mengenimporte aus China stiegen von 7.540 Tonnen (2015) auf 13.572 Tonnen (2025), was auf eine zunehmende Verflechtung der europäischen Gesundheitssysteme mit chinesischen Produktionskapazitäten hindeutet.
- Malaysia entwickelte sich von einem marginalen Lieferanten (4 Mio. €, 2015) zu einem relevanten Partner (21 Mio. €, 2025, +371 %). Die Mengenimporte stiegen dabei von 102 Tonnen auf 2.219 Tonnen — ein Indiz dafür, dass Produktionskapazitäten für Atemtherapiegeräte zunehmend nach Südostasien verlagert werden.
2.2. Die EU-Exportdestinationen: Atlantische Achse und asiatische Märkte
Die EU exportiert CN 901920-Produkte vor allem in die Vereinigten Staaten, das Vereinigte Königreich und die Schweiz. Im Zeitraum 2015–2025 haben sich die Exporte in die wichtigsten Zielländer wie folgt entwickelt:
| Zielland | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 106 | 258 | +143 % |
| USA | 161 | 348 | +116 % |
| Schweiz | 55 | 110 | +101 % |
| Russische Föderation | 38 | 28 | −26 % |
| China | 66 | 36 | −46 % |
| Japan | 48 | 64 | +35 % |
| Türkei | 31 | 45 | +47 % |
Quelle: Top Partners — Exports
Die Exportentwicklung zeigt ein heterogenes Bild:
- Die USA und das Vereinigte Königreich sind mit Abstand die wichtigsten Abnehmer; zusammen machten sie 2025 rund 44 % der EU-Exporte aus. Der starke Anstieg spiegelt sowohl die Nachfrage nach hochwertigen europäischen Beatmungsgeräten als auch die enge transatlantische Verflechtung im Medizintechniksektor wider.
- Die Exporte in die Russische Föderation sind seit 2021 rückläufig (von 113 Mio. € in 2020 auf 28 Mio. € in 2025, −75 %). Dies ist mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die nach dem 24. Februar 2022 verhängten Sanktionen und Exportbeschränkungen der EU zurückzuführen.
- Der Rückgang der Exporte nach China (von 66 Mio. € auf 36 Mio. €, −46 %) steht im Zusammenhang mit dem Aufbau eigener chinesischer Produktionskapazitäten für Beatmungsgeräte, die infolge der Pandemie massiv ausgeweitet wurden.
2.3. Veränderungen innerhalb der EU: Niederlande und Deutschland als zentrale Knotenpunkte
Innerhalb der EU haben sich die Niederlande als größter Importeur und zweitgrößter Exporteur etabliert. Die niederländischen Importe stiegen von 326 Mio. € (2015) auf 676 Mio. € (2025, +108 %), die Exporte von 160 Mio. € auf 339 Mio. € (+112 %). Deutschland blieb der größte Exporteur innerhalb der EU (417 Mio. € in 2025, +39 % gegenüber 2015) und zweitgrößter Importeur (270 Mio. €, +21 %).
Besonders bemerkenswert ist der Aufstieg Frankreichs als Exporteur: Die Exporte stiegen von 50 Mio. € (2015) auf 209 Mio. € (2025) — ein Plus von 316 %. Tschechien verfünffachte seine Exporte nahezu (von 12 Mio. € auf 55 Mio. €, +363 %), was auf den Aufbau neuer Produktionskapazitäten in Mitteleuropa hindeutet.
3. Schocks, Preisvolatilität und strukturelle Verwundbarkeiten
3.1. Pandemiebedingte Preisschocks im Importhandel
Die Volatilitätsanalyse identifiziert mehrere signifikante Preis- und Mengenschocks. Der gravierendeste Schock betraf die Importe aus China im Jahr 2020: Die durchschnittlichen Importpreise stiegen um 675 % von rund 15.171 €/t (2019) auf 119.562 €/t (2020), bei gleichzeitigem Mengenanstieg von 8.045 auf 12.723 Tonnen (+58 %). Dies reflektiert die akute globale Knappheit an Beatmungsgeräten zu Beginn der Pandemie und die damit verbundene Explosion der Preise. In den Folgejahren normalisierten sich die Preise wieder (2022: 20.881 €/t), blieben aber über dem Vor-Pandemie-Niveau.
| Schockereignis | Partner | Jahr | Preissprung | Mäß. Abnormalität |
|---|---|---|---|---|
| Preis-Schock | China (Importe) | 2020 | +675 % | 291,8 |
| Preis-Schock | Israel (Exporte) | 2020 | +356 % | 29,4 |
| Preis-Schock | Australien (Importe) | 2023 | +563 % | 23,2 |
| Preis-Schock | Kasachstan (Exporte) | 2020 | +170 % | 20,1 |
Quelle: Volatility & Shocks
3.2. Differenzierte Volatilität der Handelsströme
Die Volatilität (Variationskoeffizient, CV) der Mengenimporte variiert stark je nach Partnerland. Die höchste Volatilität weisen Australien (CV: 1,10) und Malaysia (CV: 1,02) auf, was auf sporadische Großaufträge oder projektbezogene Lieferungen hindeutet. Demgegenüber zeigen die traditionellen Partner Vereinigtes Königreich (CV: 0,18) und die Schweiz (CV: 0,14) die geringste Mengenvolatilität — ein Indiz für stabile, langfristig etablierte Handelsbeziehungen.
Im Exportbereich ist die Volatilität generell höher. China weist den höchsten CV (1,44) auf, was den starken Pandemie-Ausreißer (2021: 4.719 Tonnen, gegenüber 436 Tonnen im Jahr 2019) widerspiegelt. Die USA als größter Exportmarkt zeigen ebenfalls eine hohe Volatilität (CV: 0,97), getrieben durch den pandemiebedingten Ausreißer (2021: 9.447 Tonnen).
3.3. Spezialisierung und Produktion: Eine fragmentierte europäische Landschaft
Die Analyse der Spezialisierung zeigt, dass die Produktion von CN 901920-Produkten innerhalb der EU konzentriert ist:
| Land | RCA | RSCA | Anteil an EU-Produktion |
|---|---|---|---|
| Irland | 2,79 | 0,47 | 5,8 % |
| Niederlande | 2,42 | 0,42 | 35,2 % |
| Tschechien | 1,77 | 0,28 | 8,5 % |
| Rumänien | 1,59 | 0,23 | 2,6 % |
| Schweden | 1,50 | 0,20 | 3,6 % |
| Frankreich | 1,33 | 0,14 | 10,4 % |
| Deutschland | 1,13 | 0,06 | 23,9 % |
Quelle: Specialisation
Die Niederlande dominieren mit einem Anteil von 35,2 % an der EU-Produktion, gefolgt von Deutschland (23,9 %) und Frankreich (10,4 %). Die EU-Produktionsvolumina sind zwischen 2021 und 2024 jedoch rückläufig: Die Produktionsmenge sank von 696 Mio. Stück (2021) auf 464 Mio. Stück (2024, −33 %), der Produktionswert von 1.593 Mio. € auf 1.334 Mio. € (−16 %). Der durchschnittliche Produktionspreis stieg im selben Zeitraum von 2,29 € auf 2,87 € pro Stück (+25 %), was auf eine Verschiebung hin zu hochwertigeren Produkten oder steigende Inputkosten hindeuten könnte.
3.4. Konzentration und Abhängigkeiten
Die Importkonzentration, gemessen am Herfindahl-Hirschman-Index (HHI), sank von 1.358 (2015) auf 1.277 (2025), was auf eine leichte Diversifizierung der Importquellen hindeutet. Allerdings stieg der HHI der Exporte im selben Zeitraum von 802 auf 1.186 — die EU-Exporte werden also zunehmend auf weniger Märkte konzentriert.
3.5. Segmentstruktur: Heterogenes Produktspektrum
Die Aufschlüsselung nach Unterpositionen (Daten ab 2021) zeigt, dass die übrigen Atemtherapiegeräte (CN 90192090) sowohl bei Importen als auch bei Exporten dominieren:
| Unterposition | Importwert 2025 (Mio. €) | Exportwert 2025 (Mio. €) |
|---|---|---|
| 90192090 — Sonstige Atemtherapiegeräte | 1.196 | 876 |
| 90192020 — Nicht-invasive Beatmungsgeräte | 246 | 234 |
| 90192010 — Invasive Beatmungsgeräte | 69 | 253 |
Quelle: Product Segment Breakdown
Bei den invasiven Beatmungsgeräten (90192010) fällt die extreme Preisschwankung auf: Die durchschnittlichen Exportpreise schwankten zwischen 13.297 €/t (2021) und 325.314 €/t (2025) — ein Hinweis darauf, dass es sich bei einem Teil der Exporte um hochspezialisierte, volumenarme Geräte handelt. Die EU exportiert bei invasiven Beatmungsgeräten deutlich mehr, als sie importiert (253 Mio. € vs. 69 Mio. €), was auf eine starke Wettbewerbsposition in diesem Hochtechnologie-Segment hindeutet.
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für CN 901920 hat sich im Zeitraum 2015–2025 von einem moderat wachsenden Segment zu einem strategisch bedeutsamen Handelsbereich entwickelt, dessen Strukturen durch die COVID-19-Pandemie nachhaltig verändert wurden. Drei zentrale Erkenntnisse lassen sich zusammenfassen:
-
Pandemie als Katalysator und Strukturbruch: Die Pandemie hat das Handelsvolumen nicht nur temporär, sondern dauerhaft auf ein höheres Niveau angehoben. Die EU-Exporte liegen 2025 um 67 % und die Importe um 59 % über dem Niveau von 2015. Gleichzeitig hat sich die EU nur kurzfristig (2021) von ihrer Nettoimportabhängigkeit befreien können.
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Geopolitische Neuordnung der Lieferketten: China und Singapur haben ihre Stellung als Importquellen erheblich ausgebaut, während die Exporte in die Russische Föderation — bedingt durch Sanktionen — drastisch gesunken sind. Die Konzentration der Exporte auf wenige Zielländer (HHI-Anstieg von 802 auf 1.186) birgt strategische Risiken.
-
Produktionsrückgang in der EU bei gleichzeitigem Spezialisierungsgewinn: Die EU-Produktionsvolumina sind zwischen 2021 und 2024 um rund ein Drittel gesunken, während die Exporte auf hohem Niveau verblieben. Dies deutet auf eine zunehmende Spezialisierung der europäischen Produktion auf hochwertige Nischenprodukte — insbesondere invasive Beatmungsgeräte — hin, während Standardprodukte verstärkt importiert werden. Die Niederlande und Deutschland bleiben die Produktionskerne, doch neue Zentren wie Tschechien und Rumänien gewinnen an Bedeutung.