Marktentwicklung: Abfälle und Schrott von Gold, einschl. Goldplattierungen, und andere Abfälle und Schrott, Gold oder Goldverbindungen enthaltend, von der hauptsächlich zur Wiedergewinnung von Edelmetallen verwendeten Art (ausg. Aschen sowie eingeschmolzener und zu Rohblöcken, Masseln oder zu ähnl. Formen gegossener Abfall und Schrott von Gold, andere Edelmetalle enthaltende Rückstände [Gekrätz] und Asche sowie Abfälle oder Schrott von elektrischen und elektronischen Geräten unter Pos. 8549) (CN 711291) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht untersucht die Entwicklung des EU-Handels mit Goldabfällen und -schrott (KN-Code 711291) im Zeitraum von 2015 bis 2025. Die betrachtete Ware umfasst Abfälle und Schrott von Gold, einschließlich Goldplattierungen sowie weitere goldhaltige Abfälle, die primär zur Wiedergewinnung von Edelmetallen bestimmt sind — ausgenommen Aschen, eingeschmolzene und zu Rohblöcken gegossene Formen sowie Elektronikschrott unter Position 8549. Der Bericht basiert vollständig auf den vorliegenden Handelsdaten der EU im Gesamtüberblick und analysiert drei zentrale Dynamiken: die durch den Goldpreisanstieg getriebene Wertexplosion, den Strukturwandel bei den Handelspartnern sowie die sich verändernde Marktkonzentration.
1. Die Goldpreis-Getriebene Entkopplung von Werten und Mengen
Die dominante Erkenntnis des untersuchten Zeitraums ist eine massive Entkopplung zwischen den Handelswerten und den tatsächlich gehandelten Mengen. Während die Werte teils dramatisch stiegen, blieben die Mengen weitgehend stabil oder sanken sogar erheblich — ein Phänomen, das unmittelbar auf den starken Anstieg des Goldpreises seit 2020 zurückzuführen ist.
1.1 Exportwerte vervielfachten sich, während Mengen nur moderat wuchsen
Die EU-Exporte von CN 711291 stiegen im Betrachtungszeitraum von 256,9 Mio. € (2015) auf 1.617,6 Mio. € (2025), was einer Steigerung von 529,7 % entspricht. Demgegenüber wuchs die exportierte Menge lediglich von 726,5 kg auf 949,2 kg (+30,6 %). Der durchschnittliche Exportpreis stieg entsprechend von 353.498 €/kg auf 1.703.843 €/kg (+382,0 %). Dies verdeutlicht, dass die Wertexplosion nahezu vollständig auf Preissteigerungen — und damit auf den Goldpreis — zurückzuführen ist, nicht auf eine substantielle Ausweitung der physischen Handelsströme.
| Indikator | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert (Mio. €) | 256,9 | 1.617,6 | +529,7 % |
| Exportmenge (kg) | 726,5 | 949,2 | +30,6 % |
| Exportpreis (€/kg) | 353.498 | 1.703.843 | +382,0 % |
1.2 Importwerte stiegen trotz Zusammenbruchs der Mengen
Noch deutlicher zeigt sich die Entkopplung bei den Importen: Der Importwert erhöhte sich von 508,3 Mio. € (2015) auf 1.193,3 Mio. € (2025, +134,8 %), während die importierte Menge von 1.364,7 kg auf nur noch 76,0 kg einbrach (−94,4 %). Der durchschnittliche Importpreis explodierte entsprechend von 371.840 €/kg auf 15.700.008 €/kg — eine Steigerung von 4.122,3 %. Dieser extreme Preisanstieg reflektiert nicht nur den Goldpreis, sondern auch eine qualitative Veränderung der Importströme: Offenbar wurden hochkonzentrierte, hochpreisige Goldabfälle importiert, während voluminöse, niedrigpreisige Ströme (insbesondere aus dem Vereinigten Königreich und der Türkei) zusammenbrachen.
| Indikator | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importwert (Mio. €) | 508,3 | 1.193,3 | +134,8 % |
| Importmenge (kg) | 1.364,7 | 76,0 | −94,4 % |
| Importpreis (€/kg) | 371.840 | 15.700.008 | +4.122,3 % |
1.3 Die Handelsbilanz kehrte sich vom Defizit zum Überschuss um
Die EU verzeichnete 2015 ein Handelsbilanzdefizit von −251,4 Mio. €. Im Laufe des Zeitraums pendelte die Bilanz — mit einem Tiefststand von −525,2 Mio. € (2019) — und kehrte sich 2024 erstmals in einen Überschuss von +351,6 Mio. € um, der 2025 auf +424,3 Mio. € anwuchs. Der Wendepunkt lässt sich strukturell erklären: Während die Exporte — angeführt von massiven Lieferungen nach Schweiz — in die Höhe schossen, brachen die Importmengen gleichzeitig ein.
2. Strukturwandel bei den Handelspartnern: Konzentration auf die Schweiz und Herausfall traditioneller Lieferanten
Der untersuchte Zeitraum zeigt einen tiefgreifenden Wandel der Handelspartnerlandschaft. Die Schweiz entwickelte sich sowohl auf der Export- als auch auf der Importseite zum dominierenden Partner, während mehrere traditionelle Handelspartner an Bedeutung verloren oder vollständig ausfielen.
2.1 Die Schweiz als zentraler Exportmarkt mit exponentiellem Wachstum
Die Schweiz war über den gesamten Zeitraum der mit Abstand wichtigste Exportmarkt der EU für Goldabfälle. Die Exporte in die Schweiz stiegen von 162,0 Mio. € (2015) auf 1.356,2 Mio. € (2025), was einer Steigerung von 737,3 % entspricht. Im Jahr 2025 entfielen damit rund 83,8 % des gesamten EU-Exportwerts auf die Schweiz. Besonders bemerkenswert ist die explosive Mengenentwicklung: Nachdem die Exportmenge in die Schweiz jahrelang zwischen 10 und 22 kg pendelte, schoss sie 2024 auf 786,0 kg und 2025 auf 921,3 kg — bei gleichzeitigem Preisverfall von über 30 Mio. €/kg auf rund 1,5 Mio. €/kg. Dies deutet auf eine massive Volumenumschichtung hin, die möglicherweise mit veränderten Recycling- und Raffinationskapazitäten in der Schweiz zusammenhängt.
2.2 Südafrika: Vom Boom zum vollständigen Lieferantenausfall als Importquelle
Südafrika stellte zwischen 2018 und 2019 eine der wichtigsten Importquellen der EU dar — mit Importwerten von 322,0 Mio. € (2018) bzw. 413,6 Mio. € (2019). Bereits ab 2020 brachen die Lieferungen jedoch drastisch ein, und die Daten zeigen ein klares Schockereignis: Die durchschnittliche Importmenge sank von 85,6 kg (Baseline 2015–2019) auf 1,0 kg (2020–2025), während der Preis pro kg von rund 9.563 € auf 44.207.886 € anstieg — ein Preisanstieg um 2.251 %. Dies deutet auf eine qualitative Verschiebung hin: Voluminöse, niedrigpreisige Lieferungen wurden durch sporadische, extrem hochpreisige Transaktionen ersetzt. 2025 lag der Importwert bei lediglich 15,9 Mio. €.
2.3 Rückgang der Importe aus dem Vereinigten Königreich bei steigenden Werten
Das Vereinigte Königreich blieb über den gesamten Zeitraum der größte EU-Importpartner nach Wert, mit einem Anstieg von 328,4 Mio. € (2015) auf 893,2 Mio. € (2024), bevor der Wert 2025 auf 441,8 Mio. € sank. Parallel dazu brach die Importmenge jedoch kontinuierlich ein — von 366,8 kg (2015) über 108,9 kg (2021) auf nur noch 9,3 kg (2025). Der durchschnittliche Importpreis stieg in diesem Zusammenhang drastisch: von 895.486 €/kg (2015) auf 47.271.382 €/kg (2025). Die Daten zeigen ein Preisschockereignis im Jahr 2022 mit einer Preisabweichung von 21,5 und einer Verschiebung um 1.076 % gegenüber der Baseline. Dies deutet auf eine fundamentale Veränderung der Handelsströme hin — möglicherweise bedingt durch den Brexit und veränderte Regulierungsanforderungen.
2.4 Neues Importland: Guyana als aufstrebende Quelle
Bemerkenswert ist das Auftreten Guyanas als neue Importquelle ab 2024. In diesem Jahr importierte die EU Goldabfälle im Wert von 130,3 Mio. € und 2025 im Wert von 225,7 Mio. € aus Guyana. Dieses Land war zuvor in den EU-Handelsdaten für CN 711291 nicht verzeichnet. Der rapide Aufstieg Guyanas als Lieferant spiegelt möglicherweise die wachsende Goldförderung des Landes wider und könnte mit der Diversifizierung der EU-Importquellen in Zusammenhang stehen.
2.5 Finnlands Exportexplosion 2024–2025
Finnland verzeichnete 2024–2025 einen außergewöhnlichen Anstieg der Exporte: Die exportierte Menge stieg von durchschnittlich 3,0–3,5 kg (2015–2023) auf 3,5 kg (2024) und dann sprunghaft — in den Gesamtdaten — auf ein Niveau, das Finnland zum drittgrößten EU-Exporteur machte. Der Exportwert Finnlands stieg von 20,4 Mio. € (2015) auf 734,6 Mio. € (2025, +3.509,8 %), was Finnland zum drittgrößten Exporteur innerhalb der EU aufsteigen ließ. Dieser Anstieg ist so signifikant, dass er die gesamte EU-Exportstatistik maßgeblich beeinflusst.
2.6 Frankreich als spezialisierter Exporteur mit höchster komparativer Spezialisierung
Die Spezialisierungsanalyse zeigt, dass Frankreich mit einem RSCA-Wert von 0,6509 und einem RCA-Wert von 4,7293 die mit Abstand höchste Spezialisierung im EU-Export von CN 711291 aufweist. Frankreichs Produktionsanteil an den EU-Exporten beträgt 37,0 %, obwohl der Anteil am gesamten EU-Handelsvolumen nur 7,8 % ausmacht. Die französischen Exporte stiegen von 25,6 Mio. € (2015) auf 384,8 Mio. € (2025, +1.401,3 %). Weitere spezialisierte Exporteure sind Estland (RSCA 0,47), die Slowakei (RSCA 0,38) und Dänemark (RSCA 0,28).
3. Marktkonzentration: Zunehmende Exportkonzentration trotz Diversifizierung der Importquellen
Die Analyse der Marktkonzentration mittels des Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) offenbart eine gegenläufige Entwicklung: Während sich die Importquellen diversifizierten, konzentrierten sich die Exporte zunehmend auf wenige Partnerländer.
3.1 Sinkende Importkonzentration — Diversifizierung der Bezugsquellen
Der HHI für Importe nach Wert sank von 4.590 (2015) auf 2.831 (2025), eine Reduktion von 38,3 %. Im Jahr 2019 erreichte der Index mit 2.794 seinen niedrigsten Stand. Diese Diversifizierung spiegelt sich auch in der Veränderung der Top-Importpartner wider: Neben dem Vereinigten Königreich und der Schweiz traten Guyana, Norwegen und Mauritius als relevante Quellen hinzu, während die Abhängigkeit von traditionellen Lieferanten wie den USA (Importwert: von 7,7 Mio. € auf 5.239 €, −99,9 %) und der Türkei (von 38.586 € auf 219 €, −99,4 %) nahezu vollständig verschwand.
3.2 Steigende Exportkonzentration — Fokussierung auf die Schweiz
Im Gegensatz dazu stieg der HHI für Exporte nach Wert von 4.516 (2015) auf 7.161 (2025), was einer Zunahme von 58,6 % entspricht. Der Höchstwert wurde 2025 erreicht. Diese zunehmende Konzentration ist fast ausschließlich auf die dominante Stellung der Schweiz als Exportmarkt zurückzuführen: Mit einem Anteil von 83,8 % am EU-Exportwert im Jahr 2025 hat die Schweiz eine quasi-monopolistische Stellung als Abnehmer. Gleichzeitig verloren die USA als Exportmarkt stark an Bedeutung (von 20,9 Mio. € auf 1,8 Mio. €, −91,3 %), und die Türkei als Exportziel sank von 12,3 Mio. € auf 0,9 Mio. € (−92,6 %). Die HHI-Entwicklung bei den Mengenexporten zeigt dagegen nur einen moderaten Anstieg von 8.482 auf 9.425 (+11,1 %), was darauf hindeutet, dass die Konzentration primär preisgetrieben ist.
3.3 Volatilität der Handelsströme: Hohe Schwankungen bei einzelnen Partnern
Die Volatilitätsanalyse zeigt, dass zahlreiche Handelspartner extrem schwankende Mengenströme aufweisen. Die höchste Variationskoeffizienten (CV) bei Importen finden sich bei den USA (CV 1,66), Brasilien (CV 1,43) und der Türkei (CV 1,25). Bei den Exporten sind die USA (CV 2,82), China (CV 2,22) und die Schweiz (CV 2,06) die volatilsten Partner. Besonders auffällig ist die Schweiz-Exportvolatilität: Die Daten zeigen ein vollständiges Recovery-Muster nach einer Phase rückläufiger Mengen (2020–2023), mit einer Massenumschichtung in den Jahren 2024–2025 — die Exportmenge stieg von rund 8–13 kg (2020–2023) auf 786 kg (2024) bzw. 921 kg (2025), bei gleichzeitigem Preisverfall von durchschnittlich 31 Mio. €/kg auf 1,5 Mio. €/kg.
3.4 Intra-EU-Spezialisierung: Große Unterschiede zwischen den Mitgliedstaaten
Die Spezialisierungskarte für 2025 zeigt erhebliche Unterschiede innerhalb der EU. Neben Frankreich (RSCA 0,65) weisen auch Estland (0,47), die Slowakei (0,38), Dänemark (0,28) und Finnland (0,27) eine positive Spezialisierung auf. Am anderen Ende des Spektrums steht Bulgarien (RSCA −0,97), Griechenland (−0,97) und Slowenien (−0,96) mit einer stark negativen Spezialisierung, was bedeutet, dass diese Länder beim Handel mit CN 711291 im Vergleich zum EU-Durchschnitt unterrepräsentiert sind. Deutschland trotz seines hohen Handelsvolumens (Exporte: 81,2 Mio. €, Importe: 432,7 Mio. €) zeigt einen negativen RSCA-Wert von −0,53, was darauf hindeutet, dass der Goldabfallhandel relativ zur gesamten deutschen Exportwirtschaft keine Spezialisierung darstellt.
Schlussfolgerung
Die Analyse des EU-Handels mit Goldabfällen und -schrott (CN 711291) im Zeitraum 2015–2025 zeigt einen Markt, der fundamental vom Goldpreis getrieben wird. Die Handelswerte haben sich vervielfacht, während die physischen Mengen weitgehend stabil blieben oder sogar einbrachen. Der EU-Außenhandel hat sich von einem strukturellen Defizit in einen Überschuss gewandelt, was maßgeblich auf den Rückgang der Importmengen und den Anstieg der Exporte in die Schweiz zurückzuführen ist. Die Schweiz hat sich als zentraler Dreh- und Angelpunkt des EU-Goldabfallhandels etabliert — sowohl als wichtigster Abnehmer als auch als relevanter Lieferant. Gleichzeitig ist eine zunehmende Exportkonzentration zu beobachten, die bei anhaltend hohen Goldpreisen ein gewisses Abhängigkeitsrisiko birgt. Auf der Importseite deutet die Diversifizierung — einschließlich des Aufstiegs Guyanas als neuer Lieferant — auf eine strategische Anpassung der EU-Beschaffungsstrategien hin. Die hohe Volatilität bei mehreren Handelspartnern unterstreicht die Sensitivität dieses Marktes gegenüber geopolitischen, regulatorischen und marktgetriebenen Schocks.