Marktentwicklung: Sonstige Insektizide (CN 38089190) — 2015–2025
Einleitung
Der Zolltarifcode 38089190 erfasst Insektizide in Formen oder Aufmachungen für den Einzelverkauf oder als Zubereitungen, die nicht auf Pyrethroiden, Chlorkohlenwasserstoffen, Carbamaten oder organischen Phosphorverbindungen basieren. Damit bildet diese Position eine Restkategorie innerhalb des übergeordneten CN-Codes 380891 (Insektizide) und umfasst unter anderem biologische und neuartige Wirkstoffe, die außerhalb der klassischen chemischen Hauptgruppen liegen.
Im Zeitraum von 2015 bis 2025 hat sich der EU-Außenhandel mit dieser Produktgruppe in mehrfacher Hinsicht grundlegend gewandelt. Die folgende Analyse stützt sich auf die verfügbaren Handelsdaten der EU und beleuchtet drei zentrale Dynamiken: die zunehmende Entkopplung von Handelswert und -volumen, die geopolitische Neuausrichtung der Handelspartnerschaften sowie strukturelle Veränderungen hinsichtlich Marktkonzentration und Autonomie der EU.
Produktübersicht im Trade Dashboard
1. Sinkende Volumina bei steigenden Werten: Preissteigerungen als dominanter Markttrend
1.1 Die EU-Exporte verloren ein Drittel ihres Volumens, doch der Wert blieb nahezu stabil
Das auffälligste Merkmal der EU-Exportentwicklung ist die massive Diskrepanz zwischen Mengen- und Wertentwicklung. Während der Exportwert von rd. 785 Mio. EUR (2015) auf rd. 815 Mio. EUR (2025) um lediglich 3,7 % stieg, brach das exportierte Volumen von rd. 38.380 Tonnen auf rd. 25.496 Tonnen ein — ein Rückgang von 33,6 %. Der durchschnittliche Exportpreis kompensierte diesen Volumenverlust vollständig und stieg von rd. 20.458 EUR/t auf rd. 31.947 EUR/t (+56,2 %). Dies deutet auf eine signifikante Aufwertung der exportierten Güter hin — sei es durch höhere Wirkstoffkonzentrationen, veränderte Produktmixe oder schlicht steigende Produktions- und Inputkosten.
Kennzahlen zu Exporten und Importen
1.2 Die Importe wuchsen moderat — getrieben von Volumen und Preis
Im Gegensatz zu den Exporten verzeichneten die EU-Importe ein ausgewogeneres Wachstum. Der Importwert stieg von rd. 284 Mio. EUR auf rd. 364 Mio. EUR (+28,4 %), das Volumen von rd. 15.378 Tonnen auf rd. 18.432 Tonnen (+19,9 %). Der Importpreis lag 2025 bei rd. 19.755 EUR/t und damit deutlich unter dem Exportpreis — ein Indiz dafür, dass die EU tendenziell hochwertigere bzw. höherpreisige Insektizide ausführt und günstigere Basisprodukte importiert. Die Preisdifferenz zwischen Export- und Importpreis betrug 2025 rd. 12.192 EUR/t und hat sich gegenüber 2015 (rd. 2.012 EUR/t) damit fast versextfacht.
1.3 Der Handelsbilanzüberschuss bleibt trotz rückläufiger Tendenz positiv
Die EU weist im gesamten Betrachtungszeitraum einen erheblichen positiven Handelsbilanzüberschuss auf. Dieser ging jedoch von rd. 502 Mio. EUR (2015) auf rd. 450 Mio. EUR (2025) um 10,2 % zurück. Der Tiefpunkt wurde mit rd. 353 Mio. EUR erreicht. Die EU bleibt somit ein Nettoexporteur dieser Produktgruppe, doch das Verhältnis verschiebt sich zugunsten der Importe. Die Nettoimportabhängigkeit lag 2025 bei rd. −144 % und damit zwar weiterhin tief im negativen Bereich (d. h. die EU exportiert deutlich mehr als sie importiert), hat sich aber gegenüber 2015 (−5.365 %) drastisch abgeschwächt — was allerdings vor allem auf die relative Verschiebung zur EU-Produktion zurückzuführen ist.
2. Geopolitische Neuausrichtung der Handelspartnerschaften
2.1 Auf der Importseite verloren traditionelle Partner an Bedeutung, während neue Akteure aufstiegen
Die Zusammensetzung der wichtigsten Importpartner der EU hat sich zwischen 2015 und 2025 erheblich verschoben. Das Vereinigte Königreich, 2015 mit rd. 97 Mio. EUR noch größter Lieferant, verlor mit einem Rückgang von 61,8 % massiv an Bedeutung — ein Effekt, der auf den Brexit und die damit verbundenen Handelsbarrieren zurückzuführen sein dürfte. Ebenfalls rückläufig war die Schweiz (−53,6 %).
Demgegenüber verzeichneten die USA, China, die Türkei und Israel ein starkes Wachstum:
| Partnerland | Importwert 2015 (Mio. EUR) | Importwert 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 97,5 | 37,3 | −61,8 % |
| USA | 76,5 | 147,4 | +92,8 % |
| China | 8,7 | 32,1 | +267,5 % |
| Türkei | 1,6 | 11,8 | +655,7 % |
| Schweiz | 60,3 | 28,0 | −53,6 % |
| Indien | 10,9 | 18,0 | +64,8 % |
| Israel | 4,2 | 14,6 | +243,0 % |
Der rasanteste Zuwachs ging von der Türkei (+655,7 %) und China (+267,5 %) aus, was auf eine Diversifierung der EU-Importquellen und möglicherweise auf wettbewerbsfähigere Preise aus diesen Regionen hindeutet. Die USA wurden mit rd. 147 Mio. EUR 2025 zum mit Abstand wichtigsten Lieferanten — und damit auch zum potenziell größten Abhängigkeitsfaktor.
2.2 Auf der Exportseite brach Brasilien als größter Abnehmer ein — Afrika und Osteuropa gewannen an Bedeutung
Auch bei den Exportzielen vollzog sich ein tiefgreifender Wandel. Brasilien, 2015 mit rd. 191 Mio. EUR größter Einzelabnehmer, verlor 72,7 % seines Importwerts aus der EU und fiel auf rd. 52 Mio. EUR zurück. Dieser Einbruch könnte mit dem Aufbau lokaler Produktionskapazitäten, veränderten regulatorischen Anforderungen oder gestiegener Konkurrenz aus China zusammenhängen.
| Partnerland | Exportwert 2015 (Mio. EUR) | Exportwert 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Brasilien | 190,6 | 52,1 | −72,7 % |
| Russische Föderation | 47,5 | 39,1 | −17,7 % |
| Vereinigtes Königreich | 51,4 | 59,3 | +15,5 % |
| Schweiz | 37,4 | 61,0 | +63,1 % |
| Türkei | 33,6 | 39,2 | +16,6 % |
| Ukraine | 38,1 | 45,1 | +18,4 % |
| Marokko | 10,9 | 37,8 | +246,8 % |
Besonders bemerkenswert ist das Wachstum der EU-Exporte nach Marokko (+246,8 %), was auf die zunehmende agrarwirtschaftliche Integration des Maghreb-Landes in europäische Lieferketten hindeuten könnte. Die Russische Föderation verlor trotz eines Höchstwerts von rd. 154 Mio. EUR in einem Spitzenjahr an Bedeutung — Sanktionen und geopolitische Spannungen dürften hier eine Rolle spielen.
2.3 Innerhalb der EU verschoben sich die Produktions- und Exportzentren
Auch zwischen den EU-Mitgliedstaaten fanden beachtliche Verschiebungen statt. Bei den Exporten dominierte Frankreich zwar weiterhin mit rd. 175 Mio. EUR (2025), verlor aber gegenüber 2015 (rd. 282 Mio. EUR) rd. 38 % seines Exportwerts. Deutschland hingegen stieg zum zweitgrößten Exporteur auf (rd. 284 Mio. EUR, +35,8 %), während Spanien und Italien ebenfalls kräftig zulegten.
| EU-Staat | Exportwert 2015 (Mio. EUR) | Exportwert 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Frankreich | 282,1 | 175,2 | −37,9 % |
| Deutschland | 209,4 | 284,2 | +35,8 % |
| Spanien | 49,1 | 90,9 | +85,3 % |
| Italien | 39,2 | 82,7 | +111,0 % |
| Belgien | 96,1 | 17,6 | −81,7 % |
Besonders dramatisch war der Rückgang Belgiens, das von rd. 96 Mio. EUR auf nur noch rd. 18 Mio. EUR (−81,7 %) fiel. Dies könnte auf Verlagerungen innerhalb multinationaler Konzerne oder regulatorische Anpassungen zurückzuführen sein. Auf der Importseite stiegen insbesondere Frankreich (+67,5 %), Italien (+63,7 %) und Deutschland (+98,0 %) als Einfuhrländer innerhalb der EU.
3. Dezentralisierung des Marktes und wachsende Eigenständigkeit der EU
3.1 Die Marktkonzentration nahm auf Import- und Exportseite spürbar ab
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) als Maß für die Konzentration des Handels zeigt für beide Handelsrichtungen einen deutlichen Abwärtstrend. Bei den Importen sank der HHI (nach Wert) von rd. 2.419 auf rd. 2.120 (−12,4 %), bei den Exporten von rd. 907 auf rd. 701 (−22,6 %). Die Exportseite war dabei stets weniger konzentriert als die Importseite — die EU bezieht ihre Insektizide also aus weniger Quellen als sie ausführt.
Die sinkende Konzentration spiegelt die in Abschnitt 2 beschriebene Diversifierung der Handelspartner wider: Neue Lieferanten (China, Türkei, Indien) und neue Absatzmärkte (Marokko, Ukraine) trugen zu einer gleichmäßigeren Verteilung bei.
3.2 Exportquote und Handelsintensität sind deutlich gesunken — die EU wird autarker
Zwei zentrale Indikatoren für die Offenheit und Verflechtung des EU-Marktes zeigen gegenläufige, aber konsistente Trends:
| Indikator | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Handelsintensität | 124,7 % | 89,4 % | −28,3 % |
| Exportquote | 133,3 % | 86,5 % | −35,2 % |
Beide Kennzahlen sind unter 100 % gefallen, was bedeutet, dass die EU 2025 einen geringeren Anteil ihrer Produktion exportiert als noch 2015. Die EU-Produktion (nach PRODCOM-Daten) entwickelte sich dabei differenziert: Das Produktionsvolumen sank um 9,3 % (von rd. 198,8 Mio. auf rd. 180,3 Mio. Einheiten), während der Produktionswert um 14,5 % stieg (von rd. 1,30 Mrd. EUR auf rd. 1,49 Mrd. EUR). Dies korrespondiert mit der am Markt beobachteten Preisentwicklung — auch die Produktion verschiebt sich offenbar hin zu höherwertigen Erzeugnissen.
3.3 Preisvolatilität und vereinzelte Schocks kennzeichnen den Drittlandhandel
Die Volatilitätsanalyse (gemessen am Variationskoeffizienten der Import- bzw. Exportwerte) zeigt, dass bestimmte Handelspartner besonders starken Schwankungen unterliegen. Auf der Exportseite wiesen Brasilien (CV: 0,97), Algerien (0,39) und das Vereinigte Königreich (0,50) die höchste Volatilität auf. Auf der Importseite waren Tunesien (0,92), Kanada (0,81) und Indonesien (0,74) am instabilsten.
Handelsvolatilität nach Partner
Darüber hinaus wurden drei signifikante Preisschocks identifiziert:
| Land | Schocktyp | Richtung | Zeitpunkt | Preisänderung |
|---|---|---|---|---|
| Algerien | Preis | Exporte | 2022 | +188,5 % |
| China | Preis | Exporte | 2019 | +200,7 % |
| Mexiko | Preis | Exporte | 2020 | +66,8 % |
Diese Schocks traten allesamt bei Exporten auf und betrafen Nischenmärkte mit geringem Wertanteil (1,6–3,3 % des Gesamtexports). Sie deuten auf spezifische Marktengpässe, regulatorische Änderungen oder Wechselkurseffekte in den jeweiligen Zielländern hin, haben jedoch das Gesamtbild des EU-Handels nur punktuell beeinflusst.
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für sonstige Insektizide (CN 38089190) hat sich zwischen 2015 und 2025 in drei zentralen Dimensionen gewandelt:
Erstens hat sich der Marktwert zunehmend von den gehandelten Volumina entkoppelt. Die EU exportiert weniger Tonnen, aber zu deutlich höheren Preisen — ein Muster, das auf eine Verschiebung hin zu hochwertigeren, spezialisierten Produkten hindeutet. Zweitens haben sich die Handelspartnerschaften geopolitisch neu ausgerichtet: Der Brexit schwächte das Vereinigte Königreich als Handelspartner, China und die Türkei gewannen als Importquellen erheblich an Boden, und auf der Exportseite verschob sich die Nachfrage von Brasilien in Richtung Afrika und Osteuropa. Drittens ist der Markt dezentraler und die EU zunehmend eigenständig geworden: Die Handelskonzentration sank, die Exportquote fiel unter 100 %, und die Produktion verlagert sich hin zu höherwertigen Erzeugnissen.
Für die Zukunftsperspektive sind insbesondere die wachsende Abhängigkeit von US-amerikanischen Lieferanten, die anhaltende geopolitische Unsicherheit (Russland, China) und der Trend zur regulatorisch getriebenen Spezialisierung europäischer Produkte als strukturbildende Faktoren zu beobachten.