Live-Daten erkunden

Marktentwicklung: Sojabohnen (CN 120190) — 2015–2025

Einleitung

Die Europäische Union ist einer der weltweit größten Importeure von Sojabohnen. Der Zollcode CN 120190 erfasst „Sojabohnen, auch geschrotet (ausg. Samen zur Aussaat)" und bildet somit den Handel mit Soja für die Verarbeitung – insbesondere als Futtermittel und für die Ölgewinnung – ab. Im Zeitraum 2015 bis 2025 weist der EU-Markt für dieses Produkt drei zentrale Dynamiken auf: ein persistentes und volumenstarkes Importdefizit bei gleichzeitiger Verschiebung der Lieferantenstruktur, eine zunehmende Konzentration des Handels auf wenige Partner sowie wachsende Volatilität und spektakuläre Preisschocks. Der folgende Bericht analysiert diese Entwicklungen anhand der vorliegenden Handelsdaten.


1. Strukturelle Importabhängigkeit: Ein anhaltend tiefes Handelsdefizit

Das Handelsvolumen ist von Importen dominiert

Die EU importiert Sojabohnen in einem Umfang, der die Exporte um ein Vielfaches übersteigt. Im Jahr 2015 beliefen sich die Importe auf rund 4.986 Mrd. EUR (ca. 13,5 Mio. t), während die Exporte lediglich 86 Mio. EUR (ca. 214.000 t) betrugen. Im Jahr 2025 lagen die Importe bei 5.585 Mrd. EUR (14,2 Mio. t) und die Exporte bei 145 Mio. EUR (309.000 t). Das Handelsdefizit vertiefte sich somit von −4.900 Mrd. EUR auf −5.440 Mrd. EUR (−11,0 %).

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Importwert (Mrd. EUR) 4,986 5,585 +12,0 %
Importmenge (Mio. t) 13,5 14,2 +5,1 %
Importpreis (EUR/t) 369 393 +6,6 %
Exportwert (Mio. EUR) 86,1 145,3 +68,6 %
Exportmenge (t) 214.359 309.120 +44,2 %
Exportpreis (EUR/t) 402 470 +16,9 %
Handelssaldo (Mrd. EUR) −4,900 −5,440 −11,0 %

Quelle: Gesamtübersicht

Der Preis- und Mengenverlauf zeigt einen Einbruch und eine Erholung

Sowohl bei Importen als auch bei Exporten lässt sich ein deutlicher Preiszyklus beobachten. Der Importpreis erreichte mit 594 EUR/t sein Maximum, der Exportpreis sogar mit 674 EUR/t. Diese Spitzenwerte fallen typischerweise in die Jahre 2022/2023, als globale Lieferkettenstörungen und der Krieg in der Ukraine die Agrarmärkte stark belasteten. Die Mindestpreise lagen bei 334 EUR/t (Import) bzw. 366 EUR/t (Export), was auf die Phase relativer Überversorgung in den Jahren 2018/2019 hindeutet.

EU-Mitgliedstaaten mit dem größten Importanteil

Innerhalb der EU konzentrieren sich die Sojabohnenimporte auf wenige Mitgliedstaaten:

Mitgliedstaat Import 2015 (Mio. EUR) Import 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Niederlande 1.578 1.462 −7,4 %
Spanien 1.305 1.218 −6,7 %
Deutschland 938 936 −0,2 %
Italien 345 855 +148,1 %
Portugal 285 336 +17,9 %
Frankreich 222 302 +36,1 %
Belgien 81 122 +50,6 %

Quelle: Importe nach EU-Mitgliedstaaten

Die Niederlande, Spanien und Deutschland bleiben die drei größten Importeure, verzeichnen aber leicht rückläufige Werte. Auffällig ist Italien, das seinen Importwert mehr als verdreifacht hat – ein Hinweis auf den Ausbau der Verarbeitungskapazitäten (v. a. Sojaöl und Futtermittel) in Oberitalien.


2. Verschiebung der Lieferantenstruktur: Südamerika weicht, Osteuropa gewinnt

Brasilien und die USA dominieren weiterhin

Brasilien und die Vereinigten Staaten sind mit großem Abstand die wichtigsten Handelspartner der EU bei Sojabohnenimporten. Im Jahr 2025 entfielen auf Brasilien 2.297 Mio. EUR (+17,4 % gegenüber 2015) und auf die USA 2.186 Mio. EUR (+30,9 %). Gemeinsam machten diese beiden Länder damit einen geschätzten Anteil von rund 80 % der EU-Importe aus.

Partnerland Import 2015 (Mio. EUR) Import 2025 (Mio. EUR) Spitzenwert (Mio. EUR) Veränderung
Brasilien 1.957 2.297 4.137 (Peak) +17,4 %
USA 1.670 2.186 3.181 (Peak) +30,9 %
Kanada 387 352 530 −9,0 %
Ukraine 135 627 627 +363,6 %
Paraguay 429 ~0 538 −100,0 %
Uruguay 296 ~0 296 −100,0 %
Serbien 24 4 54 −82,7 %

Quelle: Importe nach Partnerländern

Der dramatische Aufstieg der Ukraine als Sojalieferant

Die mit Abstand dynamischste Veränderung vollzog sich bei der Ukraine: Der Importwert stieg von 135 Mio. EUR (2015) auf 627 Mio. EUR (2025) – eine Steigerung um 363,6 %. Die Ukraine erreichte damit 2025 den vierten Platz unter den EU-Sojalieferanten. Dies spiegelt den allgemeinen Trend der EU, ihre agrarischen Lieferketten innerhalb Europas zu diversifizieren, und profitiert von der geografischen Nähe sowie dem Freihandelsabkommen EU–Ukraine.

Südamerikanische Nebenlieferanten brechen ein

Gleichzeitig verschwanden Paraguay und Uruguay praktisch vollständig aus dem EU-Importstrom: Beide Länder verloren 2015–2025 nahezu 100 % ihres Exportwerts an die EU (Paraguay von 429 Mio. EUR auf unter 1.500 EUR, Uruguay von 296 Mio. EUR auf unter 400 EUR). Die hohen Variationskoeffizienten dieser Handelsbeziehungen (Paraguay CV 1,40, Uruguay CV 1,35) bestätigen die extreme Instabilität. Ursächlich sind vermutlich sowohl veränderte Handelsströme (Umleitung nach Asien, insb. China) als auch Qualitätsspezifikationen der EU (z. B. entwaldungsfreie Lieferketten).

Die Konzentration des Importmarktes nimmt zu

Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für die Importe nach Wert stieg von 2.840 (2015) auf 3.391 (2025), was einer Zunahme um 19,4 % entspricht. Der HHI nach Volumen stieg sogar um 23,6 % (von 2.856 auf 3.529). Ein HHI über 2.500 gilt bereits als Zeichen eines mäßig konzentrierten Marktes; die Zunahme signalisiert eine wachsende Abhängigkeit von wenigen Lieferanten – insbesondere Brasilien und den USA.


3. Volatilität, Preisschocks und innerstaatliche Spezialisierung

Hohe Preisschwankungen bei den Exporten

Die Volatilitätsanalyse zeigt, dass die EU-Exporte von Sojabohnen erheblichen Schwankungen unterliegen. Besonders volatile Handelsbeziehungen bestehen mit:

Exportpartner Variationskoeffizient (CV)
Libanon 2,18
Norwegen 1,74
Ägypten 1,73
Türkei 1,18
Serbien 0,91

Auf der Importseite weisen Paraguay (CV 1,40), Uruguay (CV 1,35) und das Vereinigte Königreich (CV 1,53) die höchsten Schwankungen auf. Brasilien und die USA zeigen hingegen relativ stabile Handelsströme (CV 0,22 bzw. 0,17), was ihre Rolle als verlässliche Kernlieferanten unterstreicht.

Zwei signifikante Preisschocks im Export

Die Daten identifizieren zwei bemerkenswerte Preisschocks:

Schock Land Jahr Typ Preissprung Anteil am Exportwert
1 Serbien 2020 Preis +476,7 % 40,9 %
2 Vereinigtes Königreich 2021 Preis +85,0 % 17,7 %

Der serbische Preisschock von 2020 ist bemerkenswert: Der Exportpreis nach Serbien stieg um fast das Sechsfache, bei einem abnormalen Wert von 55,9. Dies könnte mit pandemiebedingten Lieferunterbrechungen, der Umstrukturierung regionaler Lieferketten oder einer Qualitätsverschiebung zusammenhängen. Der Anstieg der Exporte nach Serbien von 33 Mio. EUR (2015) auf 82 Mio. EUR (2025, +145 %) unterstreicht, dass Serbien zu einem der wichtigsten Abnehmer der EU geworden ist – auch wenn die Handelsbeziehung volatil bleibt (CV 0,91).

Norwegen als neu aufstrebender Exportmarkt

Ein weiteres auffälliges Muster ist der dramatische Anstieg der EU-Exporte nach Norwegen: von lediglich 289.000 EUR (2015) auf 23,6 Mio. EUR (2025) – eine Steigerung von über 8.000 %. Norwegen ist damit 2025 zum zweitgrößten Extra-EU-Exportmarkt für Sojabohnen aufgestiegen, noch vor dem Vereinigten Königreich und der Russischen Föderation. Gleichzeitig bleibt diese Beziehung extrem volatil (CV 1,74).

EU-interne Spezialisierungsmuster

Die Spezialisierungsanalyse für das Jahr 2025 zeigt, dass nur wenige EU-Mitgliedstaaten eine komparative Spezialisierung im Soja-Export aufweisen (RSCA > 0):

Mitgliedstaat RSCA RCA Produktanteil am Export
Slowenien 0,685 5,34 5,4 %
Kroatien 0,600 3,99 1,6 %
Slowakei 0,540 3,35 7,1 %
Rumänien 0,444 2,60 4,3 %
Ungarn 0,440 2,57 6,9 %

Im Gegensatz dazu weisen Irland (RSCA −1,00), Bulgarien (−1,00), Finnland (−1,00), Luxemburg (−0,99) und Litauen (−0,98) praktisch keine Spezialisierung auf. Die exportstarken Staaten sind überwiegend in Mittel- und Südosteuropa angesiedelt, wo der Sojaanbau in den letzten Jahren stark ausgebaut wurde.


Schlussfolgerung

Der EU-Markt für Sojabohnen (CN 120190) wird im Zeitraum 2015–2025 von drei strukturellen Merkmalen geprägt:

  1. Persistente Importabhängigkeit: Die EU importiert jährlich Sojabohnen im Wert von über 5 Mrd. EUR, wobei das Handelsdefizit trotz leicht steigender Exporte kaum abnimmt. Brasilien und die USA liefern zusammen rund vier Fünftel der Importe.

  2. Umschichtung der Lieferanten: Die Ukraine hat sich als bedeutender Sojalieferant etabliert (+364 %), während südamerikanische Nebenlieferanten wie Paraguay und Uruguay vollständig vom europäischen Markt verschwunden sind. Die Importkonzentration (HHI) ist um fast 20 % gestiegen – die EU wird nicht unbedingt abhängiger, aber ihre Abhängigkeit konzentriert sich stärker auf wenige Länder.

  3. Zunehmende Volatilität und regionale Exportdynamik: Die EU-Exporte, wenn auch mengenmäßig klein, zeigen erhebliche Preisschwankungen (Serbien 2020, Vereinigtes Königreich 2021) und eine zunehmende Konzentration (HHI-Export +58 %). Gleichzeitig sind neue Exportmärkte wie Norwegen und ausgewählte mittel- und osteuropäische Staaten entstanden.

Die zukünftige Marktentwicklung wird maßgeblich davon abhängen, wie sich die EU-Vorschriften zu entwaldungsfreien Lieferketten (EUDR), die geopolitische Lage in der Schwarzmeerregion und die europäische Sojaanbaupolitik weiterentwickeln.

Erstellt am 2026-08-08. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

Wenn Sie Beratung zur europäischen Handelspolitik benötigen oder Vertretung für Ihre Interessen in Brüssel, kontaktieren Sie mich bitte unter support@tradedashboard.eu. Sie finden meinen Lebenslauf unter dieser Adresse.