Marktentwicklung: Silicomangan (CN 720230) — 2015–2025
Einführung
Ferrosiliciummangan (CN 720230) ist eine zentrale Ferrolegierung für die Stahlindustrie und wird als Desoxidations- und Legierungsmittel eingesetzt. Der vorliegende Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union mit Drittländern im Zeitraum 2015 bis 2025. Die Daten zeigen tiefgreifende strukturelle Verschiebungen: einen dramatischen Rückgang der heimischen Produktion, eine zunehmende Abhängigkeit von Importen, eine Neuausrichtung der Lieferantenstruktur sowie erhebliche Preisschocks in den Jahren 2021 und 2022. Die EU hat sich in diesem Jahrzehnt von einem bedeutenden Produzenten zu einem zunehmend importabhängigen Markt entwickelt.
Alle Daten beziehen sich auf den Gesamtüberblick im Trade Dashboard.
1. Vom Produzenten zum Nettoimporteur: Der strukturelle Wandel der EU-Silicomangan-Produktion
1.1 Kollaps der europäischen Inlandsproduktion
Die vielleicht auffälligste Entwicklung des gesamten Beobachtungszeitraums ist der dramatische Einbruch der EU-eigenen Silicomangan-Produktion. Die Produktionsmengen sind im Vergleich von erstem zu letztem Beobachtungsjahr um 82,2 % gefallen — von rund 352.886 Tonnen auf lediglich 62.960 Tonnen. Der Produktionswert sank im selben Zeitraum um 53,6 % von 151 Mio. EUR auf 70 Mio. EUR. Der maximale Produktionswert im Zeitraum lag bei 363 Mio. EUR, was den Höchststand der EU-Produktion noch vor dem Einbruch markiert.
| Kennzahl | Erster Wert | Letzter Wert | Minimum | Maximum | Veränderung |
|---|---|---|---|---|---|
| Produktionsmenge (kg) | 352.886.000 | 62.960.000 | 62.960.000 | 403.190.000 | −82,2 % |
| Produktionswert (EUR) | 151.018.478 | 70.000.000 | 70.000.000 | 362.652.734 | −53,6 % |
Quelle: Produktionsvolumen im Dashboard
1.2 Steigende Importabhängigkeit
Der Rückgang der heimischen Produktion spiegelt sich direkt in der zunehmenden Importabhängigkeit wider. Die Netto-Importabhängigkeit stieg von 61,5 % im Jahr 2015 auf 87,4 % im Jahr 2025 — eine Zunahme um 42,2 %. Der Höchststand lag bei 88,8 %. Damit deckt die EU mittlererweile fast neun Zehntel ihres Silicomangan-Bedarfs über Importe.
Gleichzeitig blieben die Importmengen mit einer Veränderung von lediglich +3,5 % (von 589.348 t auf 610.206 t) weitgehend stabil, während sich der Importwert um 25,2 % auf 587 Mio. EUR erhöhte. Dies deutet auf erhebliche Preissteigerungen hin — der durchschnittliche Importpreis stieg von 795 EUR/t auf 961 EUR/t (+20,9 %), mit einem Höchststand von 1.412 EUR/t.
| Handelskennzahl (EU vs. Drittländer) | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importwert (Mio. EUR) | 468,4 | 586,6 | +25,2 % |
| Importmenge (t) | 589.348 | 610.206 | +3,5 % |
| Importpreis (EUR/t) | 794,8 | 961,3 | +20,9 % |
| Exportwert (Mio. EUR) | 57,4 | 25,0 | −56,3 % |
| Exportmenge (t) | 65.238 | 22.151 | −66,0 % |
| Exportpreis (EUR/t) | 879,2 | 1.130,7 | +28,6 % |
| Handelsbilanz (Mio. EUR) | −411,1 | −561,6 | −36,6 % |
Quelle: Gesamtübersicht
1.3 Zusammenbruch der EU-Exporte
Parallel zum Produktionsrückgang sind auch die EU-Exporte von Silicomangan drastisch eingebrochen. Die Exportmengen fielen um 66,0 % von 65.238 t auf 22.151 t, der Exportwert um 56,3 % auf lediglich 25 Mio. EUR. Die Handelsbilanz verschlechterte sich um 36,6 % auf −562 Mio. EUR, wobei das tiefste Defizit bei −929 Mio. EUR lag. Die EU ist damit nicht nur ein Nettoimporteur, sondern ein zunehmend defizitärer Markt.
Besonders betroffen waren die traditionellen Exportmärkte:
| Exportpartner | 2015 (EUR) | 2025 (EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 20.112.923 | 2.050.737 | −89,8 % |
| USA | 18.230.017 | 7.879.806 | −56,8 % |
| Kanada | 939.315 | 44.426 | −95,3 % |
| Marokko | 1.713.248 | 293.416 | −82,9 % |
| Ukraine | 285.790 | 80.960 | −71,7 % |
Quelle: Top-Handelspartner nach Werten
2. Neuausrichtung der Lieferketten: Verschiebungen bei Handelspartnern und Spezialisierung
2.1 Wandel bei den wichtigsten Lieferanten der EU
Die Importpartnerstruktur der EU hat sich im Beobachtungszeitraum erheblich verschoben. Im Jahr 2015 war die Ukraine mit 75 Mio. EUR einer der wichtigsten Lieferanten; bis 2025 sank der Wert auf 49 Mio. EUR (−35,1 %). Gleichzeitig stieg Norwegen zum mit Abstand größten Lieferanten auf — mit einem Anstieg von 79 Mio. EUR auf 213 Mio. EUR (+169,8 %). Norwegen ist damit 2025 der dominierende Exporteur von Silicomangan in die EU.
| Importpartner | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Norwegen | 78,9 | 212,9 | +169,8 % |
| Indien | 122,3 | 163,1 | +33,4 % |
| Ukraine | 75,1 | 48,8 | −35,1 % |
| Georgien | 18,8 | 91,6 | +386,9 % |
| Südafrika | 59,7 | 16,3 | −72,7 % |
| Sambia | 0,9 | 4,2 | +356,7 % |
Quelle: Top-Handelspartner nach Werten
Georgien hat sich als neuer, relevanter Lieferant etabliert: Der Importwert stieg von 19 Mio. EUR auf 92 Mio. EUR (+386,9 %). Südafrika verlor hingegen stark an Bedeutung (−72,7 %). Die Importkonzentration gemessen am Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe nach Werten blieb mit Werten zwischen 2.047 und 3.403 auf einem moderaten Niveau — der Markt ist also nicht hochgradig monopolistisch strukturiert, aber auch nicht breit diversifiziert.
2.2 Binnenmarkt-Spezialisierung: Wer produziert noch?
Die Spezialisierungsanalyse für 2025 zeigt, dass nur noch wenige EU-Mitgliedstaaten eine nennenswerte Silicomangan-Produktion aufweisen:
| Land | RCA | RSCA | Anteil an EU-Produktion |
|---|---|---|---|
| Niederlande | 3,97 | 0,60 | 57,6 % |
| Slowakei | 2,68 | 0,46 | 5,7 % |
| Italien | 1,38 | 0,16 | 11,1 % |
| Spanien | 1,07 | 0,03 | 6,2 % |
| Polen | 0,91 | −0,05 | 6,0 % |
Die Niederlande dominieren mit über 57 % der EU-Produktion und einem starken komparativen Vorteil (RCA = 3,97). Fünf weitere Länder — Slowenien, Rumänien, Griechenland, Portugal und Lettland — weisen dagegen praktisch keine relevante Produktion mehr auf (RSCA nahe −1).
2.3 Veränderungen der Export- und Importländer auf EU-Binnenebene
Innerhalb der EU haben sich die Handelsströme ebenfalls verschoben. Italien, die Niederlande und Spanien sind die größten Importeure von Drittländern:
| Importland (EU) | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Italien | 99,3 | 153,9 | +55,0 % |
| Niederlande | 155,3 | 200,0 | +28,8 % |
| Polen | 59,1 | 53,6 | −9,3 % |
| Spanien | 21,2 | 45,8 | +115,8 % |
Beim Export in Drittländer fällt auf, dass Spanien (−75,5 %), die Niederlande (−59,7 %) und Frankreich (−58,2 %) erheblich an Bedeutung verloren haben. Polen verzeichnete zwar einen enormen prozentualen Anstieg der Exporte (+1.587,7 %), allerdings ausgehend von einem sehr niedrigen Niveau.
3. Preisschocks und Volatilität: Die Krisenjahre 2021–2022 als Wendepunkt
3.1 Identifizierte Preisschocks
Die Analyse der Marktvolatilität hat drei signifikante Preisschocks identifiziert, die allesamt in die Jahre 2021 und 2022 fallen:
| Ereignis | Typ | Richtung | Zeitpunkt | Abnormalität | Preisänderung | Wertanteil |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Südafrika | Preis | Import | 2022 | 11,4 | +95,7 % | 6,9 % |
| Ukraine | Preis | Import | 2021 | 8,3 | +35,9 % | 39,0 % |
| Ukraine | Preis | Export | 2022 | 6,4 | +62,9 % | 9,2 % |
Quelle: Top-Schockereignisse
Der schwerwiegendste Schock betraf die Importpreise aus Südafrika im Jahr 2022: Der Preis stieg nahezu um das Doppelte (+95,7 %). Der zeitlich am weitesten reichende Schock traf die EU-Importe aus der Ukraine, die bereits 2021 — also noch vor dem Beginn des russischen Angriffskriegs — einen Preisanstieg von 35,9 % verzeichneten. Angesichts des Wertanteils der Ukraine von 39 % an den EU-Importen war dies der mengenmäßig bedeutsamste Schock. Im Jahr 2022 setzte sich die Verwerfung fort: Die ukrainischen Exportpreise in die EU stiegen um 62,9 % — eine Entwicklung, die mit dem Ausbruch des Krieges und den damit verbundenen Lieferunterbrechungen zusammenhängt.
3.2 Volatilitätsprofile der Handelspartner
Nicht alle Handelspartner zeigten gleich hohe Preisschwankungen. Der Variationskoeffizient (CV) der Importwerte zeigt erhebliche Unterschiede:
| Importpartner | CV (Preis) | Bewertung |
|---|---|---|
| Kasachstan | 1,79 | Sehr hoch |
| Sambia | 1,06 | Hoch |
| Georgien | 0,97 | Hoch |
| Russische Föderation | 0,93 | Hoch |
| Indien | 0,45 | Moderat |
| Norwegen | 0,30 | Niedrig |
Quelle: Volatilitätsanalyse
Norwegen als wichtigster Lieferant weist mit einem CV von 0,30 die niedrigste Volatilität auf — ein für die EU positiver Befund, da stabile Lieferanten die Versorgungssicherheit erhöhen. Kasachstan, Sambia und Georgien zeigten dagegen extrem hohe Schwankungen, was ihre Rolle als zuverlässige Quellen einschränkt.
Auch bei den Exportmärkten ist die Volatilität hoch: Die EU-Exporte in die Ukraine (CV = 2,44) und nach Marokko (CV = 1,78) schwankten besonders stark.
3.3 Preisentwicklung als Ausdruck von Angebotsverknappung und Energiekrise
Die allgemeine Preisentwicklung spiegelt die Schockereignisse wider. Der durchschnittliche EU-Importpreis schwankte zwischen einem Tiefststand von 651 EUR/t und einem Höchststand von 1.412 EUR/t. Die Handelsintensität stieg im gleichen Zeitraum von 76,7 % auf 104,6 %, was bedeutet, dass der Handel mit Drittländern nunmehr den gesamten EU-Inlandsverbrauch übersteigt. Die Exportneigung stieg sogar von 32,0 % auf 143,5 % — ein Anstieg, der allerdings primär auf den dramatischen Rückgang der Binnenproduktion und die verbleibenden, in Relation dazu hochpreisigen Exporte zurückzuführen ist.
Die EU-Einfuhren aus Südafrika, die 2022 den stärksten Preisschock erfuhren, sind zugleich mengenmäßig stark zurückgegangen (−72,7 % im Wert). Die Energiekrise des Jahres 2022 — die Silicomangan-Produktion ist sehr energieintensiv — hat sich sowohl bei den Lieferantenpreisen als auch bei der europäischen Eigenproduktion niedergeschlagen.
Schlussfolgerung
Die Marktentwicklung von Silicomangan (CN 720230) in der EU zwischen 2015 und 2025 ist durch drei übergreifende Trends gekennzeichnet:
-
Strukturelle Deindustrialisierung der heimischen Produktion: Die EU-Silicomangan-Produktion ist um über 80 % eingebrochen. Nur noch wenige Mitgliedstaaten — allen voran die Niederlande — verfügen über nennenswerte Kapazitäten. Die Netto-Importabhängigkeit ist auf 87,4 % gestiegen.
-
Neuausrichtung der Lieferketten: Norwegen hat sich als dominantester und zugleich volatilitätsärmster Lieferant etabliert. Georgien ist als neuer Akteur aufgestiegen, während die Ukraine — einst ein Schlüsselpartner — durch den Krieg und steigende Preise an Zuverlässigkeit verloren hat. Die Importkonzentration bleibt auf moderatem Niveau, ist aber leicht angestiegen.
-
Preisschocks als systemisches Risiko: Die Jahre 2021 und 2022 brachten massive Preisverwerfungen, die sowohl mit der COVID-19-Pandemie als auch mit dem Krieg in der Ukraine zusammenhängen. Die hohe Importabhängigkeit macht die EU gegenüber solchen Angebotsschocks besonders verwundbar.
Die Daten legen nahe, dass die Versorgungssicherheit der EU mit Silicomangan mittelfristig ein strategisches Thema darstellt — insbesondere angesichts der gering verbleibenden Inlandsproduktion und der Konzentration auf wenige Lieferanten.