Marktentwicklung: Relais für eine Spannung von <= 60 V (CN 853641) — 2015–2025
Einleitung
Relais für Spannungen von höchstens 60 V (Zolltarifnummer 853641) sind Schlüsselkomponenten in der Elektro- und Elektronikindustrie und finden breite Anwendung in der Automobiltechnik, Industrieautomation, Telekommunikation und Haushaltsgeräten. Die Position gliedert sich in zwei Unterpositionen: Relais für ≤ 2 A (85364110) und Relais für > 2 A (85364190). Der vorliegende Bericht analysiert die Handelsentwicklung der EU mit Drittländern im Zeitraum 2015 bis 2025 und beleuchtet dabei die wichtigsten strukturellen Verschiebungen bei Importen, Exporten, Produktionsvolumina und Lieferkettenrisiken.
Übersicht und Definitionen auf dem Trade Dashboard
1. Vom Überschuss zum Defizit: Die wachsende Importabhängigkeit der EU
1.1 Importe wachsen deutlich schneller als Exporte
Im Zeitraum 2015–2025 stiegen die EU-Importe von Relais ≤ 60 V um 43,7 % (von 395 Mio. € auf 568 Mio. €), während die Exporte lediglich um 27,0 % zulegten (von 433 Mio. € auf 550 Mio. €). Damit hat sich die EU von einem leichten Handelsüberschuss im Jahr 2015 (+37,9 Mio. €) in ein Defizit von −17,9 Mio. € im Jahr 2025 bewegt. Der Höchststand des Defizits wurde 2022 mit −169,3 Mio. € erreicht, als die Importe im Zuge der post-pandemischen Nachfrageerholung auf 703 Mio. € sprangen.
Handelsübersicht auf dem Trade Dashboard
| Indikator | 2015 | 2020 | 2022 (Peak) | 2025 | Veränderung 2015→2025 |
|---|---|---|---|---|---|
| Importe (Mrd. €) | 0,395 | 0,444 | 0,703 | 0,568 | +43,7 % |
| Exporte (Mrd. €) | 0,433 | 0,413 | 0,534 | 0,550 | +27,0 % |
| Handelsbilanz (Mio. €) | +37,9 | −30,6 | −169,3 | −17,9 | Kehrtwende |
1.2 Mengenentwicklung und Preisanstieg
Die importierten Mengen stiegen im gleichen Zeitraum um 23,8 % (von 10.869 auf 13.454 Tonnen), die exportierten Mengen blieben mit rund 9.247 Tonnen nahezu unverändert (+0,1 %). Dies deutet darauf hin, dass der Anstieg der Importwerte sowohl mengen- als auch preisgetrieben war: Der durchschnittliche Importpreis legte um 16,1 % zu (von 36.366 €/t auf 42.218 €/t), während der Exportpreis sogar um 26,9 % stieg (von 46.847 €/t auf 59.461 €/t). Die EU exportiert also tendenziell hochwertigere Relais, importiert aber zunehmend größere Mengen aus kostengünstigeren Produktionsstandorten.
1.3 Erhöhte Handelsintensität und Exportquote
Die Handelsintensität (Exporte + Importe in % der Produktion) stieg von 65,1 % im Jahr 2003 auf über 103 % im Jahr 2024 — ein Indiz für die zunehmende Integration des EU-Marktes in globale Wertschöpfungsketten. Besonders auffällig ist der Anstieg der Exportquote (Exporte in % der Produktion) von rund 50 % (2003) auf über 106 % (2024), was bedeutet, dass die EU mittlerweile mehr Relais exportiert als sie selbst produziert — ein klares Zeichen für Re-Export-Aktivitäten und die Rolle der EU als Handelsdrehscheibe.
Handelsintensität und Exportquote
2. Geografische Umstrukturierung: Neue Lieferanten, neue Absatzmärkte und geopolitische Brüche
2.1 China dominiert die Importe — mit wachsender Konzentration
China war 2025 mit 251,7 Mio. € der mit Abstand wichtigste Importeur von Relais in die EU (44,3 % des Gesamtimports), gefolgt von Japan (84,3 Mio. €) und der Republik Korea (17,1 Mio. €). Die Importe aus China haben sich gegenüber 2015 (159,8 Mio. €) um 57,6 % erhöht. Der absolute Höhepunkt wurde 2022 mit 326,5 Mio. € erreicht — ein Jahr globaler Lieferkettenengpässe und Nachfrageüberhänge.
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe nach Wert stieg von 2.062 (2015) auf 2.323 (2025), was eine zunehmende Konzentration der Importquellen widerspiegelt. Die Konzentration nach Volumen nahm sogar um 35,5 % zu.
| Importpartner | 2015 (Mio. €) | 2022 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung 2015→2025 |
|---|---|---|---|---|
| China | 159,8 | 326,5 | 251,7 | +57,6 % |
| Japan | 55,8 | 105,6 | 84,3 | +51,1 % |
| Rep. Korea | 13,5 | 17,9 | 17,1 | +26,6 % |
| Philippinen | 42,3 | 31,7 | 19,3 | −54,4 % |
| Tunesien | 3,7 | 9,6 | 10,2 | +173,3 % |
| Serbien | 9,6 | 25,6 | 10,3 | +7,2 % |
| Thailand | 5,6 | 33,9 | 8,2 | +46,7 % |
Top-Importpartner auf dem Trade Dashboard
2.2 Südostasien: Aufstieg und Rückgang differenzierter Lieferanten
Die Philippinen und Thailand waren 2015–2022 relevante Importquellen, deren Anteil jedoch seit 2022 rückläufig ist. Die Importe aus den Philippinen sanken von 48,3 Mio. € (2017) auf 19,3 Mio. € (2025, −54,4 %), während Thailand nach einem Spitzenwert von 33,9 Mio. € (2022) auf 8,2 Mio. € (2025) zurückfiel. Vietnam hingegen gewinnt rasant an Bedeutung: Die Importe stiegen von 71 Tonnen (2015) auf 593 Tonnen (2025) — eine Verschiebung, die teilweise durch die Diversifizierungsstrategien japanischer und europäischer Hersteller erklärt werden kann.
2.3 Marokko als wichtigster Exportwachstumsmarkt
Marokko hat sich zum mit Abstand stärksten Wachstumsmarkt für EU-Exporte entwickelt: von 31,0 Mio. € (2015) auf 77,9 Mio. € (2025, +151,2 %). Die exportierten Mengen stiegen von 1.137 Tonnen auf 2.382 Tonnen. Dies reflektiert den Aufbau industrieller Kapazitäten in Marokko, insbesondere in der Automobilzulieferung, die EU-Relais als Vorprodukte benötigt. Die USA bleiben mit 91,7 Mio. € der größte einzelne Exportmarkt, gefolgt von China (51,4 Mio. €) und dem Vereinigten Königreich (43,9 Mio. €).
| Exportpartner | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| USA | 72,9 | 91,7 | +25,9 % |
| Marokko | 31,0 | 77,9 | +151,2 % |
| China | 62,8 | 51,4 | −18,1 % |
| Vereinigtes Königreich | 48,9 | 43,9 | −10,2 % |
| Tunesien | 5,6 | 19,4 | +244,5 % |
| Indien | 11,4 | 36,4 | +219,4 % |
Top-Exportpartner auf dem Trade Dashboard
2.4 Russland-Schock: Totaler Exporteinbruch durch Sanktionen
Einer der dramatischsten Brüche zeigt sich im Handel mit Russland. Die EU-Exporte von Relais nach Russland sanken von 16,7 Mio. € (2015) bzw. einem Höchststand von 24,1 Mio. € (2017) auf praktisch null im Jahr 2024 (39 €) — ein Rückgang von nahezu 100 %. Dieses Ereignis wurde als signifikanter „Supply-Shock" mit einer Abnormalität von 2,8 erkannt und führte zu einem vollständigen Marktexit. Die EU-Russland-Sanktionen nach dem Angriffskrieg gegen die Ukraine haben hier einen unwiderruflichen Handelsbruch verursacht, der einen Anteil von 3,5 % der EU-Exporte betraf.
Shock-Ereignisse auf dem Trade Dashboard
2.5 Ausgewogene Exportstreuung trotz Importkonzentration
Während die Importe zunehmend konzentriert sind (HHI: 2.323), bleiben die Exporte breit gestreut (HHI: 770). Die EU exportiert Relais in eine Vielzahl von Märkten, wobei die USA, Marokko, China, das Vereinigte Königreich und die Türkei die wichtigsten Absatzmärkte bilden. Diese Asymmetrie zwischen importseitiger Konzentration und exportseitiger Diversifizierung ist ein typisches Muster für hochentwickelte Industrieländer mit starker Zulieferabhängigkeit aus Asien.
2.6 Deutschland als Handelsdrehscheibe innerhalb der EU
Innerhalb der EU ist Deutschland mit Abstand der größte Importeur (218,5 Mio. € in 2025) und Exporteur (193,1 Mio. €) von Relais ≤ 60 V. Auffällig sind die stark wachsenden Importe der Niederlande (von 31,0 Mio. € auf 160,3 Mio. €, +417,7 %) und Tschechiens (von 6,8 Mio. € auf 31,6 Mio. €, +368,0 %), die auf die Rolle beider Länder als Logistik- und Produktionsstandorte innerhalb europäischer Lieferketten hindeuten.
Top-EU-Mitgliedstaaten auf dem Trade Dashboard
3. Strukturwandel der Produktion: Weniger Volumen, höhere Wertschöpfung
3.1 Dramatischer Rückgang der Produktionsmengen
Die EU-Produktion von Relais ≤ 60 V verlor zwischen 2015 und 2024 erheblich an Volumen: Die Produktionsmenge sank von 371,2 Mio. Stück (2015) auf 197,8 Mio. Stück (2024), was einem Rückgang von 62,4 % gegenüber dem Ausgangswert bzw. dem historischen Höchststand von 1,45 Mrd. Stück (2005) entspricht. Dieser Trend spiegelt die fortgesetzte Verlagerung von Fertigungskapazitäten nach Asien wider.
3.2 Steigende Wertschöpfung und Produktionspreise
Gleichzeitig stieg der Produktionswert von 404,1 Mio. € (2015) auf 503,8 Mio. € (2024), und der Produktionspreis vervielfachte sich von 1,09 €/Stück (2015) auf 2,55 €/Stück (2024). Diese gegenläufige Entwicklung von Menge und Wert zeigt, dass die verbleibende EU-Produktion zunehmend auf hochwertige, spezialisierte Relais ausgerichtet ist — ein Muster, das konsistent mit der Verlagerung einfacher Standardprodukte in Niedriglohnländer ist.
Produktionsvolumina auf dem Trade Dashboard
| Indikator | 2015 | 2020 | 2024 | Veränderung 2015→2024 |
|---|---|---|---|---|
| Produktionsmenge (Mio. Stück) | 371,2 | 297,9 | 197,8 | −46,7 % |
| Produktionswert (Mio. €) | 404,1 | 390,0 | 503,8 | +24,7 % |
| Produktionspreis (€/Stück) | 1,09 | 1,31 | 2,55 | +133,9 % |
3.3 Segmentanalyse: Hochstrom-Relais dominieren den Handel
Aufgeschlüsselt nach Unterpositionen dominieren die Hochstrom-Relais (> 2 A, 85364190) sowohl bei Importen als auch bei Exporten. Im Jahr 2025 entfielen 84,3 % des Importwertes (478,7 Mio. €) und 85,7 % des Exportwertes (471,5 Mio. €) auf diese Kategorie. Bemerkenswert ist, dass Niedrigstrom-Relais (≤ 2 A, 85364110) mit einem durchschnittlichen Exportpreis von 127.246 €/t deutlich teurer exportiert werden als Hochstrom-Relais (54.620 €/t), was auf einen höheren Anteil spezialisierter, hochwertiger Anwendungen in diesem Segment hindeutet.
3.4 Spezialisierungsmuster innerhalb der EU
Die Analyse der Spezialisierungsindizes (RSCA) für 2025 zeigt ein heterogenes Bild innerhalb der EU:
| Land | RSCA | RCA | Produktanteil |
|---|---|---|---|
| Malta | 0,787 | 8,40 | 0,3 % |
| Portugal | 0,683 | 5,31 | 7,3 % |
| Rumänien | 0,449 | 2,63 | 4,4 % |
| Deutschland | 0,269 | 1,73 | 36,7 % |
| Frankreich | 0,253 | 1,68 | 13,1 % |
Malta und Portugal weisen die höchste relative Spezialisierung auf, wobei Malta bei sehr kleiner absoluter Produktionsgröße einen extrem hohen RCA-Wert erreicht. Deutschland und Frankreich haben zwar moderate Spezialisierungswerte, dominieren aber aufgrund ihrer absoluten Größe den EU-weiten Markt. Die Mehrheit der EU-Länder (darunter Griechenland, Luxemburg, Irland, Kroatien) zeigt negative RSCA-Werte und ist somit Nettoimporteur.
Spezialisierungsanalyse auf dem Trade Dashboard
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für Relais ≤ 60 V hat sich zwischen 2015 und 2025 fundamental verändert. Drei zentrale Dynamiken prägen die Entwicklung:
-
Wachsende Asien-Abhängigkeit bei sinkender Eigenproduktion: Die EU ist trotz hoher Exportquoten zunehmend auf Importe angewiesen — insbesondere aus China und Japan. Die einheimische Produktionsmenge ist um fast die Hälfte gesunken, während die verbleibende Produktion hochwertiger wird.
-
Geopolitische Umbrüche verändern die Handelsströme: Der vollständige Verlust des russischen Marktes, die Diversifizierung hin zu Marokko und Indien sowie das Aufkommen Vietnams als neue Importquelle spiegeln geopolitische Verschiebungen wider, die über den betrachteten Zeitraum hinaus wirksam bleiben dürften.
-
Preisgetriebener Wertanstieg trotz Mengenstagnation: Sowohl bei der Produktion als auch beim Außenhandel steigen die Werte vor allem durch Preissteigerungen — ein Hinweis auf technologische Aufwertung, aber auch auf Kosteninflation in der Lieferkette.
Die Netto-Importabhängigkeit der EU lag 2024 mit 0,35 % nahe am Nullpunkt, nachdem sie 2022 mit 23,9 % einen historischen Höchstwert erreicht hatte. Die kurzfristige Erholung 2024–2025 sollte nicht über die langfristige strukturelle Abhängigkeit hinwegtäuschen: Ohne gezielte Industrialpolitik zur Stärkung der europäischen Fertigungskapazitäten bleibt der Markt für Relais ≤ 60 V anfällig für Lieferkettenunterbrechungen und geopolitische Konflikte.