Marktentwicklung: Polymere des Ethylens, in Primärformen (ausg. Polyethylen und Ethylen-Vinylacetat-Copolymere) (CN 390190) — 2015–2025
Einleitung
Der Zollcode 390190 erfasst als Restkategorie die Polymere des Ethylens in Primärformen, die nicht dem Standard-Polyethylen (CN 390110, 390120), den Ethylen-Vinylacetat-Copolymere (CN 390130) oder den Ethylen-alpha-Olefin-Copolymeren (CN 390140) zugeordnet sind. Diese Nische umfasst unter anderem Ionomerharze und A-B-A-Blockcopolymere (Scope & Definitions). Der vorliegende Bericht analysiert den EU-Außenhandel dieses Produkts über den Zeitraum 2015–2025 und beleuchtet drei zentrale Dynamiken: den Strukturwandel von Volumen und Preisen, die Umwälzung der Handelspartnerschaften sowie die sich verändernde Position der EU im globalen Marktgefüge.
1. Strukturwandel im Handel: Volumeneinbruch bei gleichzeitigem Preisanstieg
1.1 Die EU verliert mehr als die Hälfte ihrer Handelsvolumina
Der auffälligste Befund des untersuchten Zeitraums ist ein drastischer Rückgang sowohl der Export- als auch der Importvolumina. Die EU-Ausfuhren fielen von 798.159 Tonnen (2015) auf 294.326 Tonnen (2025), was einem Rückgang von 63,1 % entspricht. Der Wert sank im selben Zeitraum um 49,7 % von 1,31 Mrd. € auf 660 Mio. € (General Overview).
| Indikator | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert (Mrd. €) | 1,31 | 0,66 | −49,7 % |
| Exportmenge (t) | 798.159 | 294.326 | −63,1 % |
| Importwert (Mrd. €) | 0,82 | 0,45 | −44,6 % |
| Importmenge (t) | 528.765 | 230.951 | −56,3 % |
| Handelsbilanz (Mrd. €) | 0,49 | 0,21 | −58,1 % |
1.2 Der Wendepunkt 2017 markiert einen dauerhaften Niveauverlust
Die Daten zeigen, dass der eigentliche Einbruch nicht graduell, sondern sprunghaft im Jahr 2017 stattfand. Die Exportmenge fiel von 828.819 Tonnen (2016) auf nur 245.986 Tonnen (2017) — ein Rückgang um über 70 % in einem einzigen Jahr. Die Importmenge sank von 540.069 Tonnen (2016) auf 210.608 Tonnen (2017). Dieses Niveau wurde in den Folgejahren nie wieder erreicht: Sämtliche Jahre nach 2016 blieben deutlich unter den Ausgangswerten. Einzelne Preis-Schocks bei den USA-Importen und UK-Exporten im Jahr 2017 (Abnormalitätswerte von 43,4 bzw. 14,4) deuten darauf hin, dass hier eine marktstrukturelle Veränderung — möglicherweise eine Umklassifizierung von Warenpositionen oder regulatorische Änderungen — stattfand (Volatility & Shocks).
1.3 Die Preise steigen gegenläufig zu den Mengen
Während die Volumina schrumpften, stiegen die Einheitspreise signifikant. Der Exportpreis erhöhte sich von 1.643 €/t (2015) auf 2.243 €/t (2025, +36,5 %), mit einem Spitzenwert von 2.920 €/t im Jahr 2022. Der Importpreis folgte einem ähnlichen Muster: von 1.548 €/t auf 1.963 €/t (+26,8 %), mit einem Maximum von 2.741 €/t ebenfalls 2022. Der Preisschock des Jahres 2022 — vermutlich durch die Energiekrise nach dem russischen Überfall auf die Ukraine bedingt — traf sowohl Exporteure als auch Importeure gleichermaßen und spiegelt die damalige Verteuerung petrochemischer Vorprodukte wider.
2. Umwälzung der Handelspartnerschaften und regionale Verschiebungen
2.1 Saudi-Arabien und Singapur als Importquellen fast vollständig verschwunden
Die dramatischsten Veränderungen betreffen die Importseite. Saudi-Arabien, 2015 noch der zweitgrößte Lieferant der EU mit einem Volumen von 178.962 Tonnen (199,9 Mio. €), reduzierte seine Lieferungen auf lediglich 1.040 Tonnen (1,0 Mio. €) im Jahr 2025 — ein Rückgang um 99,5 %. Singapur folgte einem ähnlichen Pfad: von 39.722 Tonnen (58,2 Mio. €) auf 2.598 Tonnen (7,2 Mio. €, −87,6 %). Beide Märkte zeichnen sich durch extreme Volatilität aus (Variationskoeffizient Saudi-Arabien: 1,84; Singapur: 1,77), was auf episodische Handelsbeziehungen ohne Kontinuität hindeutet (Volatility & Shocks).
2.2 Großbritannien wird zum zentralen Handelspartner — in beide Richtungen
Großbritannien durchläuft eine bemerkenswerte Transformation. Als Importeur stieg es von 23,3 Mio. € (2015) auf 116,3 Mio. € (2025, +400 %) und wurde damit zum viertwichtigsten Lieferanten der EU. Der sprunghafte Anstieg ab 2022 (von zuvor 12,7–15,1 Mio. € auf über 150 Mio. €) korreliert mit dem Vollzug des Brexits und der damit verbundenen neuen Zollformalitäten. Gleichzeitig brachen die EU-Exporte nach Großbritannien ein: von 255,1 Mio. € (2015) auf 45,4 Mio. € (2025, −82,2 %), mit einem besonders starken Rückgang im Jahr 2017 (von 220,1 Mio. € auf 44,0 Mio. €). Der hohe Variationskoeffizient der Exportmengen (1,01) unterstreicht die Instabilität dieser Handelsbeziehung (Volatility & Shocks).
2.3 Russland als Exportmarkt faktisch entfallen
Russland war 2015 mit 127,6 Mio. € der zweitgrößte Exportmarkt der EU. Bereits vor dem Krieg war ein kontinuierlicher Rückgang erkennbar (2021: 57,6 Mio. €), der sich nach 2021 drastisch beschleunigte. 2025 betragen die Exporte nur noch 5,3 Mio. € (−95,9 %). Dieses Muster spiegelt die EU-Sanktionen gegen Russland wider. Parallel dazu fielen die Exporte nach Singapur von 105,1 Mio. € auf 11,5 Mio. € (−89,1 %), was ebenfalls auf geopolitische und logistische Verwerfungen im asiatischen Raum hindeutet.
2.4 China bleibt der stabilste Exportpartner, während sich die Importstruktur diversifiziert
China blieb als Exportziel erstaunlich stabil: von 133,1 Mio. € (2015) auf 161,5 Mio. € (2025, +21,3 %). Der Variationskoeffizient der Exportmengen nach China beträgt lediglich 0,25 — der niedrigste aller Top-Partner auf Exportseite. Auch die USA (−3,8 %) und die Türkei (−46,2 %) blieben trotz Rückgangs bedeutende Abnehmer. Auf der Importseite sank der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) von 2.633 auf 1.929 (−26,7 %), was eine zunehmende Diversifizierung der Bezugsquellen anzeigt (General Overview). Israel stieg von 32,3 Mio. € auf 56,7 Mio. € zum wichtigsten neuen Lieferanten auf. Auf der Exportseite hingegen nahm die Konzentration leicht zu (HHI: von 834 auf 1.004).
2.5 Belgien dominiert innerhalb der EU, aber neue Akteure gewinnen an Bedeutung
Innerhalb der EU bleibt Belgien der dominierende Knotenpunkt. 2025 entfallen 181,4 Mio. € der EU-Importe und 230,8 Mio. € der Exporte auf Belgien, das mit einem RCA-Wert von 4,75 und einem RSCA von 0,65 die mit Abstand stärkste Spezialisierung aufweist (Market Structure). Gleichzeitig haben kleinere Mitgliedstaaten an Boden gewonnen: Griechenland (Importe: +290,6 %), Polen (+317,3 %) und Schweden (Exporte: +114,4 %) entwickelten sich zu relevanten Akteuren. Italien stieg von praktisch null Exporten (8.249 €, 2015) auf 58,0 Mio. € (2025) — ein bemerkenswerter Aufbau neuer Produktionskapazitäten.
3. Vom Nettoexporteur zum Nettoimporteur: Strukturelle Verwundbarkeit nimmt zu
3.1 Die EU-Nettoimportabhängigkeit kehrt sich um
Der Indikator der Nettoimportabhängigkeit (Net Import Reliance) zeigt eine fundamentale Positionsverschiebung. 2015 lag die EU bei −7,7 % — sie war also Nettoexporteur. 2015–2016 verschärfte sich dieser Überschuss noch (bis −67,5 %), bevor er 2017 zusammenbrach. Seit 2019 pendelt die EU im Bereich leichter Nettoimportabhängigkeit. 2025 beträgt der Wert +11,0 % — die EU ist nun ein Nettoimporteur dieses Produktsegments. Parallel dazu stieg die Exportquote (Export Propensity) von 44,6 % (2006) auf 129,1 % (2025), was bedeutet, dass die EU inzwischen mehr exportiert als sie selbst produziert — ein Indiz für die Bedeutung von Re-Exporten und Veredelungshandel.
3.2 Die EU-Produktion bleibt weitgehend stabil, doch die Handelsstruktur verschiebt sich
Die EU-Produktionsmengen für CN 390190 bewegten sich zwischen 789,6 Mio. Tonnen (2022, Tiefstwert) und 1.467,0 Mio. Tonnen (2019, Höchstwert), wobei die Daten zum Teil auf Schätzungen beruhen (Market Structure). Im Gegensatz zu den dramatischen Handelsveränderungen blieb die Produktionsbasis also relativ konstant. Die Diskrepanz zwischen stabiler Produktion und schrumpfendem Handel legt nahe, dass ein zunehmender Teil der Produktion im Binnenmarkt verbleibt oder dass sich die Produktmischung innerhalb der CN-Position verschoben hat. Gleichzeitig deuten die steigenden Preise auf eine Verschiebung hin zu höherwertigen Spezialpolymeren innerhalb der Restkategorie.
3.3 Preis-Schocks zeigen erhöhte Anfälligkeit gegenüber globalen Störungen
Die Schockanalyse identifiziert mehrere signifikante Ereignisse (Volatility & Shocks):
| Schock | Typ | Zeitpunkt | Abnormalitätsindex | Preisänderung |
|---|---|---|---|---|
| USA-Importe | Preis | 2017 | 43,4 | +53,0 % |
| Malaysia-Exporte | Preis | 2021 | 28,1 | +289,3 % |
| Israel-Exporte | Preis | 2022 | 26,0 | +55,6 % |
| UK-Exporte | Preis | 2017 | 14,4 | +56,5 % |
Der USA-Schock von 2017 ist dabei am gewichtigsten: Die Importmenge von den USA halbierte sich von 151.517 Tonnen (2016) auf 65.652 Tonnen (2017), während der Preis um 53 % stieg. Die Mengen erholten sich in den Folgejahren nicht — sie stabilisierten sich bei lediglich 38.000–45.000 Tonnen. Der Malaysia-Schock von 2021 zeigt ein extremeres Muster: Die Exportmengen fielen von 27.443 Tonnen auf 7.618 Tonnen, während der Preis von 261 €/t auf 554 €/t stieg. Diese Schocks unterstreichen die Verwundbarkeit der EU-Außenhandelsbeziehungen in diesem Segment, insbesondere bei Lieferanten mit hohem Variationskoeffizienten (Saudi-Arabien: 1,84; VAE: 1,91).
Schlussfolgerung
Der EU-Außenhandel mit CN 390190 hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend gewandelt. Drei zentrale Entwicklungen prägen das Bild:
-
Ein Strukturbruch im Jahr 2017 führte zu einem dauerhaften Rückgang der Handelsvolumina um über 50 %, der sich nie wieder umkehrte. Dieser Bruch ging mit massiven Preis-Schocks bei den wichtigsten Handelspartnern einher.
-
Eine geopolitisch bedingte Neuausrichtung der Handelsbeziehungen ist erkennbar: Saudi-Arabien und Singapur als Lieferanten sind weitgehend verschwunden, Russland als Exportmarkt faktisch entfallen, und Großbritannien hat sich — Brexit-bedingt — zu einer neuen Schlüsselbeziehung in beide Richtungen entwickelt. China blieb als Exportpartner unerwartet stabil.
-
Die EU hat sich von einer Position als Nettoexporteur zu einem Nettoimporteur gewandelt, was die strategische Abhängigkeit in diesem Segment erhöht. Die gleichzeitig stabile Produktionsbasis und die steigenden Preise deuten jedoch darauf hin, dass sich die EU auf höherwertige Spezialprodukte innerhalb der Kategorie konzentriert — ein Muster, das mit einer Aufstieg in der Wertschöpfungskette vereinbar wäre.
Für Entscheidungsträger empfiehlt sich eine genauere Beobachtung der Lieferkettenstruktur, insbesondere angesichts der hohen Volatilität bei einzelnen Lieferanten und der zunehmenden geopolitischen Fragmentierung globaler Handelsbeziehungen.