Marktentwicklung: Nahtlose Stahlrohre (CN 730439) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union (EU) für nahtlose Rohre und Hohlprofile aus Eisen oder nichtlegiertem Stahl (Zollcode 730439) im Zeitraum von 2015 bis 2025. Das Produkt umfasst warmgefertigte Rohre mit kreisförmigem Querschnitt, die nicht für Pipelines oder Bohrzwecke im Öl- und Gassektor bestimmt sind. Der Untersuchungszeitraum ist von erheblichen geopolitischen und konjunkturellen Schwankungen geprägt, die sich deutlich in den Handelsströmen widerspiegeln.
1. Strukturelle Umkehr: Vom Nettoexporteur zum schrumpfenden Überschuss
Die EU verzeichnet über den betrachteten Zeitraum eine signifikante Verschiebung ihrer Handelsposition. Während sie 2015 noch einen deutlichen Überschuss aufwies, hat sich dieser bis 2025 fast halbiert. Dieser Trend resultiert aus fallenden Exportmengen bei gleichzeitig steigenden Importen.
- Der Handelsüberschuss ist um mehr als die Hälfte gesunken. Der Überschuss im Handel mit Drittländern sank von 269,8 Mio. EUR (2015) auf 121,0 Mio. EUR (2025), was einem Rückgang von -55,1 % entspricht. Die EU-Exporte verloren 17,9 % ihres Wertes, während die Importe um 38,4 % zunahmen.
- Der Verlust der Exporte ist vor allem ein Mengenphänomen. Das exportierte Volumen fiel von 343.478 Tonnen (2015) auf 200.132 Tonnen (2025), was einem Rückgang von -41,7 % entspricht. Die Importmengen blieben dagegen relativ stabil (+2,3 %).
- Steigende Einheitspreise prägen beide Handelsströme. Sowohl Import- als auch Exportpreise stiegen über den Zeitraum um über 35 %. Der durchschnittliche Exportpreis erhöhte sich von 1.305 EUR/t (2015) auf 1.838 EUR/t (2025). Dies deutet auf inflationäre Kostendrücke und/oder eine Verschiebung hin zu hochwertigeren Produkten hin.
2. Geopolitische Umwälzung der Handelspartnerschaften
Die traditionellen Handelsbeziehungen der EU haben sich durch Konflikte und Sanktionen grundlegend verändert. Dies zeigt sich in der starken Verschiebung bei den wichtigsten Lieferanten- und Abnehmerländern.
- Die Ukraine ist zum dominanten Importeur aufgestiegen. Die Importe aus der Ukraine verfünffachten sich nahezu von 49,2 Mio. EUR (2015) auf 124,0 Mio. EUR (2025). Die Ukraine stellte 2025 42,2 % des Importwertes und ist damit der mit Abstand wichtigste Lieferant, was die hohe Konzentration der Importe (HHI) erklärt.
- Der Export in die USA und Südkorea ist eingebrochen. Die USA bleiben zwar der wichtigste Exportmarkt, ihr Anteil schrumpfte aber von 96,7 Mio. EUR auf 71,6 Mio. EUR (-25,9 %). Der Export nach Südkorea sank sogar um 61,4 %.
- Russland und Belarus als Lieferanten sind nahezu weggebrochen. Die Importe aus Russland sanken um 70,5 %, die aus Belarus um 57,9 %. Dies ist eine direkte Folge der Sanktionen nach 2022.
| Partnerland (Top-Importeure) | Importwert 2015 (Mio. EUR) | Importwert 2025 (Mio. EUR) | Veränderung (%) |
|---|---|---|---|
| Ukraine | 49,2 | 124,0 | +152,2 |
| China | 68,4 | 86,1 | +26,0 |
| Belarus | 30,2 | 12,7 | -57,9 |
| Vereinigtes Königreich | 9,2 | 0,9 | -89,7 |
| Quelle: Handelspartner nach Wert |
3. Preisdruck, Lieferkettenrisiken und interne EU-Verschiebungen
Hinter den aggregierten Zahlen verbergen sich starke Schwankungen bei einzelnen Handelspartnern und eine Verschiebung der produktiven Kapazitäten innerhalb der EU.
- Extreme Preisvolatilität kennzeichnet den Zeitraum um 2022. Für mehrere Handelspartner wurden massive Preisschocks um das Jahr 2022 festgestellt. Besonders auffällig waren Exportpreissprünge nach Mexico (+89 %) und Australien (+52,4 %). Im Importbereich stiegen die Preise aus der Ukraine um 95,7 %, was die Lieferkosten erheblich verteuerte.
- Italien hat Deutschland als größter Importeur innerhalb der EU abgelöst. Italiens Importe stiegen um 35,3 % auf 77,9 Mio. EUR, während Deutschlands Importe ebenfalls stiegen, aber mit 47,8 Mio. EUR niedriger blieben. Auch Polen und Rumänien verzeichneten stark steigende Importe.
- Die EU-Produktion ist merklich geschrumpft. Die inländische Produktion von nahtlosen Rohren (nicht nur CN 730439) ist zwischen 2015 und 2025 um rund 28 % (von 2,08 Mrd. kg auf 1,50 Mrd. kg) eingebrochen. Dies korreliert mit dem starken Rückgang der EU-Exporte und erklärt die steigende Importabhängigkeit.
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für nahtlose Stahlrohre (CN 730439) hat sich zwischen 2015 und 2025 von einer Position des Überschusses in eine Phase gesteigerter Importabhängigkeit bewegt. Getrieben wurde dies durch einen dramatischen Rückgang der Exportmengen (-41,7 %) und eine geopolitisch bedingte Neuausrichtung der Lieferketten. Die Ukraine hat sich als zentraler Ersatz für russische und belarussische Lieferungen etabliert und dominiert nun den Importmarkt. Gleichzeitig ist die inländische EU-Produktion geschrumpft. Die steigenden Einheitspreise weisen auf anhaltende Kosten- und Wettbewerbsdrücke hin. Diese Entwicklungen unterstreichen die gestiegene Anfälligkeit der EU für Lieferunterbrechungen in diesem strategischen Industriezweig.