Marktentwicklung: Munition und Geschosse (CN 930690) — 2015–2025
Einleitung
Der Zolltarifcode 930690 umfasst Bomben, Granaten, Torpedos, Minen, Raketen sowie andere Munition und Geschosse (ausgenommen Patronen), einschließlich Teilen davon. Der Beobachtungszeitraum 2015 bis 2025 deckt eine Phase erheblicher geopolitischer Umbrüche ab — vom Beginn der russischen Aggression gegen die Ukraine im Jahr 2014 über die Eskalation ab Februar 2022 bis hin zu den massiven Aufrüstungsanstrengungen in der gesamten EU. Der vorliegende Bericht analysiert die Handelsströme der Europäischen Union mit Drittländern in diesem Segment und identifiziert die zentralen strukturellen Veränderungen.
1. Exponentielles Wachstum: Vom Nischenmarkt zum Milliardengeschäft
1.1 Die Gesamthandelsvolumen sind seit 2015 um ein Vielfaches gestiegen
Die EU-Ausfuhren in der Kategorie 930690 stiegen im Berichtszeitraum von 140,2 Mio. € (2015) auf 1.805 Mrd. € (2025), was einem Anstieg von 1.188 % entspricht. Die Einfuhren entwickelten sich noch dynamischer: von 87,2 Mio. € auf 1.672 Mrd. € (+1.818 %). Damit hat sich der Markt in weniger als einem Jahrzehnt um eine Größenordnung skaliert.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Ausfuhren (Wert, Mio. €) | 140,2 | 1.805,4 | +1.188 % |
| Ausfuhren (Menge, t) | 4.076 | 33.305 | +717 % |
| Einfuhren (Wert, Mio. €) | 87,2 | 1.672,1 | +1.818 % |
| Einfuhren (Menge, t) | 8.131 | 17.535 | +116 % |
Quelle: Übersicht
1.2 Das Wachstum war nicht linear, sondern sprungartig
Das Exportwachstum verteilte sich ungleichmäßig auf den Zeitraum. Bis 2021 lagen die Ausfuhrwerte noch unter 200 Mio. € (mit einem Minimum von 138,1 Mio. €). Ab 2022 setzte ein rapider Anstieg ein, der seinen Höhepunkt 2024 mit einem Exportvolumen von 2.764 Mrd. € erreichte. Auch bei den Einfuhren folgte der Großteil des Wachstums erst ab 2022, mit einem besonders starken Sprung 2024 und 2025.
1.3 Die Handelsbilanz zeigt die EU als Nettoexporteur — mit abnehmendem Vorsprung
Die EU verzeichnete im gesamten Zeitraum überwiegend einen positiven Handelsbilanzsaldo. Der Saldo erreichte seinen Höchstwert mit rund 1.825 Mrd. € (in einem Jahr zwischen 2022 und 2024). Im letzten Berichtsjahr 2025 schmolz der Überschuss jedoch auf 133,2 Mio. € zusammen — ein deutliches Zeichen dafür, dass die Einfuhren die Ausfuhren inzwischen fast eingeholt haben.
2. Ukraine-Krieg als Wendepunkt: Partnerschaften und Konzentration
2.1 Die Ukraine wurde zum mit Abstand wichtigsten Exportpartner
Die dramatischste Veränderung im Handelsgefüge der EU betrifft die Ukraine. Die EU-Ausfuhren in die Ukraine stiegen von lediglich 104.234 € (2015) auf 1,492 Mrd. € (2025) — eine Steigerung von mehr als 1,4 Mio. Prozent. Im Jahr davor (2024) lag der Wert sogar bei 2,478 Mrd. €. Die Ukraine war damit im letzten Jahr mit großem Abstand der wichtigste Abnehmer mit einem Anteil an den gesamten Drittlandexporten, der weit über der Hälfte lag.
| Exportpartner | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Ukraine | 0,1 | 1.491,7 | +1.431.004 % |
| Saudi-Arabien | 6,1 | 4,3 | −29 % |
| Vereinigtes Königreich | 11,2 | 43,1 | +283 % |
| Vereinigte Staaten | 10,3 | 65,7 | +535 % |
| Irak | 44,1 | 8,1 | −82 % |
| Türkei | 0,03 | 82,1 | +288.784 % |
| Marokko | 0,3 | 15,2 | +4.348 % |
Quelle: Länderpartner
2.2 Die Exportkonzentration hat sich massiv erhöht
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Exporte nach Wert stieg von 1.799 (2015) auf 6.880 (2025) — ein Anstieg von 282 %. Werte über 2.500 gelten als hochkonzentriert. Die EU exportiert Munition und Geschosse heute in einem Maße in die Ukraine, das die Handelsstruktur fast monopsonistisch macht. In einigen Jahren lag der HHI sogar über 8.000.
Die Einfuhren blieben hingegen deutlich diversifizierter: Der HHI stieg moderat von 1.704 auf 2.346.
2.3 Auch die Einfuhrseite zeigt eine geopolitische Neuausrichtung
Auf der Einfuhrseite ist ein deutlicher Partnerwechsel erkennbar:
| Importpartner | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigte Staaten | 12,9 | 401,2 | +3.000 % |
| Türkei | 1,1 | 197,4 | +18.330 % |
| Ukraine | 0,7 | 36,9 | +5.159 % |
| Russische Föderation | 2,6 | 2,5 | −5 % |
| China | 2,0 | 4,4 | +123 % |
| Kanada | 6,3 | 0,6 | −91 % |
Quelle: Länderpartner
Die Vereinigten Staaten und die Türkei sind zu den dominierenden Lieferanten aufgestiegen. Russland hingegen, das 2015 noch ein relevanter Partner war, verlor an Bedeutung — passend zu den Sanktionen nach 2014 und 2022. Kanada verlor von 6,3 Mio. € auf 0,6 Mio. €.
2.4 Innerhalb der EU verschiebt sich das Gewicht nach Osten
Poland wurde zum mit Abstand wichtigsten EU-Importeur mit 869,0 Mio. € im letzten Jahr (von 37,2 Mio. € in 2015, +2.239 %). Auch Estland (+2.399 %) und Spanien (+11.465 %) verzeichneten außergewöhnliche Zuwächse bei den Importen. Bei den Exporten führte Polen ebenfalls mit 1.052 Mio. € (von 51,6 Mio. €), gefolgt von Spanien (+3.241 %).
Quelle: Berichterstattende Länder
3. Struktureller Wandel: Preise, Produktion und Abhängigkeit
3.1 Die Einfuhrpreise haben sich fast versechsfacht
Während die Exportpreise moderat stiegen (von 34.196 €/t auf 54.207 €/t, +59 %), explodierten die Einfuhrpreise: von 10.673 €/t auf 95.357 €/t (+793 %). Dies deutet darauf hin, dass die EU zunehmend hochwertige, spezialisierte Waffensysteme importiert — möglicherweise Lenkwaffensysteme und komplexe Munition — statt günstigerer Standardmunition.
| Kennzahl | 2015 (€/t) | 2025 (€/t) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportpreis | 34.196 | 54.207 | +59 % |
| Importpreis | 10.673 | 95.357 | +793 % |
Quelle: Übersicht
3.2 Kriegsmunition dominiert den Segmentmix
Die Untergliederung nach Verwendungszweck zeigt eine klare Dominanz des Segments 93069010 (Kriegsmunition). Bei den Exporten stieg der Wert in 93069010 von 55,7 Mio. € auf 1.762,7 Mio. €, während das zivile Segment 93069090 weitgehend stagnierte (84,5 Mio. € auf 42,7 Mio. €). Die Exportmenge an Kriegsmunition verzwanzigfachte sich nahezu (von 2.049 t auf 32.074 t). Bei den Importen dominiert 93069010 ebenfalls mit 1.504,9 Mio. € im letzten Jahr — bei einer importierten Menge von 13.009 t.
3.3 Die inländische Produktion ist drastisch geschrumpft
Trotz des explosionsartigen Handelswachstums sank die EU-Produktion in diesem Segment massiv: Die Produktionsmenge fiel von 5.603 Mio. kg (2015) auf 1.200 Mio. kg (2025), ein Rückgang von 79 %. Der Produktionswert sank um 45 % von 2.978 Mio. € auf 1.650 Mio. €. Dies deutet auf eine Verlagerung der Produktionskapazitäten hin oder auf Engpässe in der europäischen Rüstungsindustrie, die den Anstieg der Importe erklären.
Quelle: Produktionsvolumen
3.4 Die EU bleibt Nettlexporteur — aber die Autonomie nimmt ab
Der Nettoimportabhängigkeitssaldo lag 2015 bei −3,2 % (die EU war leichter Nettoexporteur). Im Verlauf des Zeitraums schwankte er stark, erreichte ein Minimum von −69,3 % (maximale Exportdominanz) und endete 2025 bei −16,8 %. Parallel dazu stiegen sowohl die Handelsintensität (von 12,8 % auf 41,7 %, +226 %) als auch die Exportquote (von 8,3 % auf 31,7 %, +283 %) erheblich. Der EU-Markt für Munition ist heute wesentlich stärker in den globalen Handel eingebunden als noch vor zehn Jahren — und damit auch anfälliger für externe Schocks.
3.5 Spezialisierung und Volatilität verdeutlichen die geopolitische Lage
Länder wie die Slowakei (RSCA: 0,87), Spanien (0,77) und Rumänien (0,70) weisen eine hohe Exportprodukt-Spezialisierung in diesem Segment auf. Bei den Volatilitätsindikatoren zeigen vor allem die Türkei (CV: 2,62 bei Exporten) und die Ukraine (CV: 1,47 bei Exporten, 1,91 bei Importen) extreme Schwankungen. Drei signifikante Preisschocks wurden erkannt: bei Importen aus der Türkei (2019, +604 %), Israel (2020, +1.406 %) und Indien (2019, +354 %) — Ereignisse, die mit regionalen Konflikten und Lieferengpässen zusammenhängen dürften.
Fazit
Der Markt für Munition und Geschosse (CN 930690) hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend transformiert. Was ein relativ kleines, stabiles Handelssegment war, entwickelte sich zu einem milliardenschweren Markt, der heute maßgeblich durch geopolitische Ereignisse — insbesondere den Krieg in der Ukraine — getrieben wird. Drei zentrale Trends prägen die Entwicklung:
- Ein exponentielles Handelswachstum, das vor allem ab 2022 einsetzte und sowohl Importe als auch Exporte auf ein Vielfaches des Ausgangsniveaus anhob.
- Eine extreme Konzentration der Exporte auf die Ukraine, die den Markt vulnerabel für politische Veränderungen macht.
- Ein Strukturwandel hin zu Hochpreisimporten bei gleichzeitigem Rückgang der inländischen Produktion, was auf eine zunehmende Abhängigkeit der EU von externen Lieferanten — insbesondere den USA und der Türkei — hindeutet.
Die europäische Rüstungsindustrie steht vor der Herausforderung, Produktionskapazitäten aufzubauen, um die gesteigerte Nachfrage sowohl für eigene Bestände als auch für Unterstützungsleistungen an Partnerländer zu decken. Derzeit deutet einiges darauf hin, dass die Nachfrage das inländische Angebot deutlich übersteigt.