Marktentwicklung: Munition und Geschosse (CN 9306) — 2015–2025
Einleitung
Der kombinierte Nomenklaturcode 9306 umfasst ein breites Spektrum an Munition und Geschossen — von Patronen für Gewehre mit glattem oder gezogenem Lauf über Jagdschrot bis hin zu Bomben, Granaten, Torpedos, Minen und Raketen. Im Zeitraum von 2015 bis 2025 hat sich der EU-Drittlandshandel in diesem Segment grundlegend gewandelt. War der Gesamthandel (Ausfuhren plus Einfuhren) 2015 noch mit rund 753 Mio. EUR zu beziffern, so erreichte er 2025 ein Volumen von über 5.159 Mio. EUR — eine Verfachfachung, die sowohl von geopolitischen Ereignissen als auch von strukturellen Veränderungen in der europäischen Verteidigungsindustrie getrieben wurde.
Die Gesamtübersicht zeigt drei zentrale Dynamiken: erstens ein exponentielles Wachstum der Handelswerte bei deutlich moderaterer Mengenentwicklung; zweitens eine radikale Umgestaltung der Handelspartnerlandschaft durch den Krieg in der Ukraine; und drittens einen tiefgreifenden Strukturwandel bei den Produktsegmenten und der heimischen EU-Produktion.
1. Rekordwachstum: Die Handelswerte steigen weitaus stärker als die realen Mengen
1.1 Die EU-Ausfuhren haben sich mehr als verfünffacht
Im Beobachtungszeitraum stiegen die EU-Ausfuhren im Segment CN 9306 von 490,8 Mio. EUR (2015) auf 2.756,5 Mio. EUR (2025), was einem Anstieg von 461,6 % entspricht. Der Höchstwert wurde 2024 mit 3.414,1 Mio. EUR erreicht. Parallel dazu wuchsen die Einfuhren noch stärker: von 262,3 Mio. EUR auf 2.403,1 Mio. EUR (+816,2 %). Damit hat sich der EU-Gesamthandel in diesem Segment in elf Jahren fast versiebenfacht.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Ausfuhren (Wert, Mio. EUR) | 490,8 | 2.756,5 | +461,6 % |
| Einfuhren (Wert, Mio. EUR) | 262,3 | 2.403,1 | +816,2 % |
| Handelsbilanz (Mio. EUR) | +228,6 | +353,4 | +54,6 % |
| Ausfuhren (Menge, t) | 57.184 | 83.712 | +46,4 % |
| Einfuhren (Menge, t) | 28.301 | 59.240 | +109,3 % |
1.2 Preisanstiege erklären den Großteil der Wertexplosion
Ein Blick auf die Mengenentwicklung relativiert das nominale Wachstum erheblich. Die exportierten Mengen stiegen lediglich um 46,4 % (von 57.184 t auf 83.712 t), die importierten Mengen um 109,3 % (von 28.301 t auf 59.240 t). Der Löwenanteil des Wertwachstums ist auf drastisch gestiegene Stückpreise zurückzuführen: Die durchschnittlichen Exportpreise erhöhten sich von 8.506 EUR/t auf 32.928 EUR/t (+287,1 %), die Importpreise von 9.244 EUR/t auf 40.565 EUR/t (+338,8 %). Diese Preisentwicklung spiegelt sowohl eine Verschiebung hin zu hochpreisigen Produktsegmenten — insbesondere schwere Waffenmunition — als auch generelle Preissteigerungen in der Verteidigungsindustrie wider, die durch die sprunghaft gestiegene globale Nachfrage befeuert wurden.
1.3 Die EU bleibt Nettexporteur, der Überschuss schwankt jedoch deutlich
Die EU weist im gesamten Zeitraum eine positive Handelsbilanz auf und ist somit durchgehend Nettexporteur. Der Überschuss schwankte jedoch erheblich: von 228,6 Mio. EUR (2015) über einen Höchstwert von 1.702,6 Mio. EUR (2024) bis hin zu 353,4 Mio. EUR (2025). Der Netto-Importabhängigkeitsindikator bestätigt dies: Er lag 2015 bei −3,2 % und 2025 bei −16,8 % (negative Werte kennzeichnen einen Nettexporteur). Der Spitzenwert von −69,3 % wurde 2024 erreicht, als die Exporte ihren Höhepunkt hatten und die Einfuhren noch nicht in gleichem Maße nachgezogen waren.
Gleichzeitig stieg die Handelsintensität von 12,8 % auf 41,7 % und die Exportquote von 8,3 % auf 31,7 % — ein Beleg dafür, dass der Munitionshandel weit überproportional zum Gesamthandel der EU gewachsen ist.
2. Geopolitische Umbrüche verändern die Handelspartnerstruktur radikal
2.1 Die Ukraine ist zum mit Abstand wichtigsten Exportmarkt der EU geworden
Die dominanteste Entwicklung im untersuchten Zeitraum ist der Aufstieg der Ukraine zum wichtigsten Abnehmer europäischer Munitionsexporte. Wurden 2015 lediglich 1,8 Mio. EUR (0,4 % der Gesamtausfuhren) in die Ukraine exportiert, so erreichte der Wert 2025 — nach einem Spitzenwert von 2.603,3 Mio. EUR im Jahr 2024 — 1.995,2 Mio. EUR. Das entspricht einem Anstieg von über 112.000 %. Die Ukraine machte 2025 damit rund 72 % aller EU-Munitionsexporte aus. Der Zeitpunkt des explosionsartigen Anstiegs (ab 2022) korrespondiert unmittelbar mit dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022.
Details zu den Handelspartnern
| Exportpartner | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Ukraine | 1,8 | 1.995,2 | +112.119 % |
| Vereinigte Staaten | 135,4 | 190,8 | +40,9 % |
| Türkei | 13,7 | 108,1 | +691,4 % |
| Vereinigtes Königreich | 54,5 | 97,4 | +78,6 % |
| Australien | 8,4 | 22,1 | +162,7 % |
| Schweiz | 11,3 | 17,9 | +57,4 % |
| Saudi-Arabien | 21,3 | 13,6 | −36,1 % |
Bei den Einfuhren haben sich ebenfalls neue Dynamiken herausgebildet. Die wichtigsten Importquellen sind die Vereinigten Staaten (Anstieg von 78,4 Mio. EUR auf 535,5 Mio. EUR, +583,3 %) und die Türkei (von 15,3 Mio. EUR auf 242,5 Mio. EUR, +1.480 %). Die Importe aus der Russischen Föderation sind dagegen von 7,1 Mio. EUR auf 2,5 Mio. EUR gesunken (−64,5 %), was angesichts der nach 2022 verhängten Sanktionen zu erwarten war. Bemerkenswert ist zudem ein Preisschock bei US-Importen im Jahr 2023: Der Preis sprang um +127,2 %, wobei die USA mit 55,9 % den mit Abstand größten Anteil am EU-Importwert hielten — ein Indikator für die zunehmende Kostenintensität und die Abhängigkeit von dieser zentralen Lieferquelle.
2.2 Die Exportkonzentration hat sich auf ein historisch hohes Niveau erhöht
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für die Exportpartner stieg von 1.118 auf 5.340 — ein Anstieg von 377,5 %. Ein HHI über 2.500 gilt in der Wettbewerbsökonomie als hoch konzentriert; der erreichte Wert von 5.340 bedeutet eine extreme Konzentration der EU-Ausfuhren auf ein einziges Bestimmungsland. Die Importseite zeigt dagegen eine weitgehend stabile Konzentration (HHI von 1.429 auf 1.545, +8,1 %), was auf eine weiterhin diversifizierte Bezugsstruktur hindeutet.
| Konzentrationsindikator (HHI) | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exporte (nach Partnern) | 1.118 | 5.340 | +377,5 % |
| Einfuhren (nach Partnern) | 1.429 | 1.545 | +8,1 % |
2.3 EU-Mitgliedstaaten in Mittel- und Osteuropa werden zu zentralen Handelsknoten
Nicht nur die Handelspartner außerhalb der EU haben sich verschoben — auch innerhalb der EU haben sich neue Zentren herausgebildet. Besonders auffällig ist die Entwicklung Polens und der Slowakei, die sich zu den führenden Exporteuren und Importeuren entwickelt haben.
Details zu den EU-Mitgliedstaaten als Handelsakteure
Einfuhren (Auswahl):
| EU-Mitgliedstaat | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Polen | 51,9 | 1.105,7 | +2.030 % |
| Rumänien | 140,7 | 221,8 | +57,7 % |
| Estland | 13,9 | 182,2 | +1.208 % |
| Slowakei | 7,1 | 177,8 | +2.392 % |
| Spanien | 13,3 | 147,5 | +1.008 % |
| Niederlande | 15,9 | 96,4 | +508 % |
| Deutschland | 43,3 | 75,0 | +73,0 % |
Ausfuhren (Auswahl):
| EU-Mitgliedstaat | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Polen | 57,8 | 1.115,1 | +1.828 % |
| Slowakei | 13,9 | 427,2 | +2.972 % |
| Rumänien | 676,2 | 385,4 | −43,0 % |
| Spanien | 77,9 | 339,0 | +335 % |
| Italien | 88,9 | 119,9 | +34,9 % |
| Deutschland | 72,7 | 87,0 | +19,7 % |
| Frankreich | 80,1 | 37,8 | −52,8 % |
Polen und die Slowakei zusammen machten 2025 über 56 % der EU-Gesamtausfuhren aus. Rumänien, das 2015 mit 676,2 Mio. EUR der mit Abstand größte Exporteur war, verlor hingegen an relativer Bedeutung (−43,0 %), blieb aber weiterhin ein relevanter Akteur. Frankreichs Rückgang (−52,8 %) steht beispielhaft für den relativen Bedeutungsverlust westeuropäischer Rüstungsexporteure in diesem Segment.
Die Spezialisierungsanalyse bestätigt diese Verschiebung: Die Slowakei weist 2025 mit einem RCA-Wert von 30,4 und einem RSCA von 0,94 die mit Abstand höchste Spezialisierung auf Munitionsexporte in der EU auf, gefolgt von Kroatien (RSCA 0,44), Spanien (0,40), Rumänien (0,36) und Griechenland (0,25). Gleichzeitig sind traditionelle Handelsdrehscheiben wie die Niederlande (RSCA −0,97) und Polen (RSCA −0,86) trotz ihrer absoluten Handelsvolumina kaum auf Munition spezialisiert — sie fungieren primär als logistische Umschlagplätze.
3. Strukturelle Verschiebungen bei Produktsegmenten und heimischer Produktion
3.1 Schwere Munition (CN 930690) verdrängt Patronenmunition als dominantes Segment
Die Aufschlüsselung nach Produktsegmenten zeigt eine fundamentale Verlagerung des Handelsgewichts. Im Jahr 2015 waren die vier Teilsegmente noch relativ ausgewogen; bis 2025 dominierte das Segment 930690 (Bomben, Granaten, Torpedos, Raketen und sonstige Geschosse) sowohl den Export- als auch den Importhandel.
Anteile am Exportwert:
| Segment | Beschreibung | Anteil 2015 | Anteil 2025 |
|---|---|---|---|
| 930690 | Bomben, Granaten, Raketen etc. | 28,6 % | 65,5 % |
| 930630 | Patronen für gezogene Läufe | 31,9 % | 25,0 % |
| 930621 | Patronen für glatte Läufe | 24,1 % | 6,4 % |
| 930629 | Teile von Patronen | 15,4 % | 3,2 % |
Anteile am Importwert:
| Segment | Beschreibung | Anteil 2015 | Anteil 2025 |
|---|---|---|---|
| 930690 | Bomben, Granaten, Raketen etc. | 33,2 % | 69,6 % |
| 930630 | Patronen für gezogene Läufe | 53,5 % | 28,2 % |
| 930629 | Teile von Patronen | 8,5 % | 1,6 % |
| 930621 | Patronen für glatte Läufe | 4,5 % | 0,5 % |
Das Segment 930690 stieg bei den Exporten von 140,2 Mio. EUR auf 1.805,4 Mio. EUR, bei den Einfuhren von 87,2 Mio. EUR auf 1.672,1 Mio. EUR. Besonders auffällig ist die Preisentwicklung bei den Importen in diesem Segment: Die durchschnittlichen Einfuhrpreise kletterten von 10.673 EUR/t auf 95.357 EUR/t (+793 %), was auf den Import hochwertiger, technologisch anspruchsvoller Waffensysteme hindeutet. Gleichzeitig wurde die EU im Patronensegment (930630) von einem klaren Nettexporteur (2015: Exportüberschuss von 16,4 Mio. EUR) zu einem weitgehend ausgeglichenen Markt (2025: Exportüberschuss von nur 11,8 Mio. EUR).
3.2 Die heimische EU-Produktion ist trotz steigender Nachfrage rückläufig
Paradoxerweise weist die EU-Produktion (erfasst über PRODCOM-Code 25.40.13.00: „Patronen und andere Munition und Geschosse — nicht zu Kriegszwecken") im selben Zeitraum einen deutlichen Rückgang auf:
| Produktionskennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Menge (t) | 5.602.692 | 1.200.000 | −78,6 % |
| Wert (Mio. EUR) | 2.978 | 1.650 | −44,6 % |
Dass der Produktionswert weniger stark sank als die Menge (−44,6 % vs. −78,6 %), zeigt, dass die verbleibende Produktion sich hin zu teureren, technologisch anspruchsvolleren Erzeugnissen verlagert hat. Allerdings ist bei der Interpretation Vorsicht geboten: Der PRODCOM-Code erfasst ausdrücklich nur zivile Munition („nicht zu Kriegszwecken"). Der beobachtete Produktionsrückgang könnte daher teilweise auf eine Verschiebung hin zu militärischer — und damit im PRODCOM-System nicht erfasster — Produktion zurückzuführen sein. Die Diskrepanz zwischen rückläufiger ziviler Produktion und explodierendem Handel legt zudem nahe, dass ein wachsender Teil des EU-Munitionshandels über internationale Lieferketten und Drittlandbeschaffung abgewickelt wird.
3.3 Volatilität und Preisschocks kennzeichnen den Handel mit zentralen Partnern
Die Volatilitätsanalyse zeigt, dass der Handel mit mehreren Partnern starken jährlichen Schwankungen unterliegt. Besonders hohe Variationskoeffizienten (CV) weisen die Exporte in die Schweiz (CV 2,17) und die Ukraine (CV 1,35) auf, was den diskontinuierlichen Charakter von Rüstungslieferungen widerspiegelt. Bei den Importen fallen Indien (CV 2,02) und Serbien (CV 1,09) durch hohe Volatilität auf, wobei diese Partner nur einen kleinen Anteil am Gesamthandel haben.
Zwei bemerkenswerte Preisschocks wurden identifiziert:
- Importe aus den USA (2023): Ein anomaler Preisanstieg von +127,2 % bei einem Anteil von 55,9 % am Gesamtimportwert — zeitgleich mit der Hochphase der europäischen Aufrüstung und Munitionsbeschaffung.
- Exporte nach Tunesien (2017): Ein extremer Preisausreißer mit einer Anomalie von 92.137, allerdings bei nur 0,4 % Anteil am Exportwert und daher volkswirtschaftlich von geringer Bedeutung.
Fazit
Der Markt für Munition und Geschosse (CN 9306) hat sich zwischen 2015 und 2025 in beispiellosem Ausmaß verändert. Die Handelswerte sind um ein Vielfaches stärker gestiegen als die realen Mengen, was auf eine Kombination aus geopolitischer Nachfrageexplosion, steigenden Rüstungspreisen und einer Verschiebung hin zu hochpreisigen Produktsegmenten zurückzuführen ist.
Drei Kernbefunde stechen hervor:
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Der Ukraine-Krieg als Strukturbrecher: Der russische Angriffskrieg ab Februar 2022 hat die Ukraine zum mit Abstand dominierenden Abnehmer gemacht (72 % der EU-Exporte 2025) und die Exportkonzentration auf ein historisch hohes Niveau getrieben (HHI 5.340). Die EU-Ausfuhren in das Segment Bomben und Raketen (930690) stiegen von 140 Mio. EUR auf über 1,8 Mrd. EUR.
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Polen und die Slowakei als neue Zentren der europäischen Rüstungsindustrie: Innerhalb der EU haben sich Polen und die Slowakei — beides Staaten mit direkter geostrategischer Nähe zum Kriegsgebiet — zu den führenden Exporteuren und Importeuren entwickelt und traditionelle Produzenten wie Rumänien und Frankreich überholt.
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Ein wachsendes Paradox zwischen Handel und heimischer Produktion: Die zivile EU-Produktion ist massiv zurückgegangen, während der Handel explodierte. Dies deutet auf eine zunehmende Verflechtung internationaler Lieferketten und eine mögliche Beschaffungsabhängigkeit von Drittstaaten hin — ein strategischer Aspekt, der angesichts der europäischen Debatte um Rüstungsautarkie und die Umsetzung des „Readiness 2030"-Plans besonderer Aufmerksamkeit bedarf.