Marktentwicklung: Melasse (CN 1703) — 2015–2025
Einführung
Dieser Bericht untersucht die Handelsentwicklung der Europäischen Union im Zeitraum 2015–2025 für den Zollcode 1703 — Melassen aus der Gewinnung oder Raffination von Zucker. Melasse entsteht als Nebenprodukt bei der Zuckerherstellung und findet Verwendung in der Futtermittelindustrie, der Spirituosenproduktion, der Fermentation sowie zunehmend in biotechnologischen Anwendungen. Der analysierte CN-Code 1703 umfasst zwei Unterpositionen: Rohrzuckermelasse (170310) und Rübenzuckermelasse (170390). Der Betrachtungszeitraum erstreckt sich über elf Jahre und deckt damit auch die COVID-19-Pandemie, den Energiepreisschock 2022 sowie geopolitische Verschiebungen ab. Die Daten zeigen eine bemerkenswerte Transformation: Die EU wandelt sich von einem stark importabhängigen Markt zu einem zunehmend exportorientierten Akteur mit verbesserter Handelsbilanz.
1. Strukturelle Verschiebung: Vom Netto-Importeur zum aufstrebenden Exporteur
1.1 Die EU-Exporte haben sich im Beobachtungszeitraum mehr als verdoppelt
Die EU-Ausfuhren von Melasse verzeichneten zwischen 2015 und 2025 ein bemerkenswertes Wachstum. Der Exportwert stieg von 27,7 Mio. € auf 55,8 Mio. €, was einem Anstieg von 101,3 % entspricht. Noch deutlicher fällt die Entwicklung bei den Mengen aus: Die Exportmenge wuchs von 198.735 Tonnen auf 390.678 Tonnen (+96,6 %), erreichte ihren Spitzenwert 2024 mit 403.931 Tonnen und sank 2025 leicht. Bemerkenswert ist, dass die Exportpreise über den gesamten Zeitraum hinweg relativ stabil blieben — von 139,6 €/t auf 142,9 €/t (+2,4 %) — was darauf hindeutet, dass das Wachstum primär mengen- und nicht preisgetrieben war.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert | 27,7 Mio. € | 55,8 Mio. € | +101,3 % |
| Exportmenge | 198.735 t | 390.678 t | +96,6 % |
| Exportpreis | 139,6 €/t | 142,9 €/t | +2,4 % |
1.2 Die Importe sind mengenmäßig deutlich zurückgegangen, blieben aber wertstabil
Im Gegensatz zu den Exporten zeigen die EU-Einfuhren einen gegenläufigen Trend. Die Importmenge sank von 1.142.504 Tonnen auf 948.232 Tonnen (−17,0 %), erreichte 2019 mit 1.408.652 Tonnen ihren Höchststand und fiel 2020 auf nur noch 868.248 Tonnen — den niedrigsten Wert im Beobachtungszeitraum. Der Importwert ging lediglich um 6,1 % zurück (von 167,4 Mio. € auf 157,1 Mio. €), da die Importpreise um 13,1 % stiegen (von 146,5 €/t auf 165,7 €/t). Dieser Preisanstieg kompensierte den mengenmäßigen Rückgang und führte dazu, dass die Importausgaben trotz reduzierter Volumina relativ hoch blieben.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importwert | 167,4 Mio. € | 157,1 Mio. € | −6,1 % |
| Importmenge | 1.142.504 t | 948.232 t | −17,0 % |
| Importpreis | 146,5 €/t | 165,7 €/t | +13,1 % |
1.3 Die Handelsbilanz hat sich spürbar verbessert, bleibt aber deutlich negativ
Die Handelsbilanz verbesserte sich von −139,6 Mio. € im Jahr 2015 auf −101,3 Mio. € im Jahr 2025, was einer Verringerung des Defizits um 27,5 % entspricht. Der tiefste Defizitwert wurde 2015 erreicht (−255,6 Mio. €), wobei das Defizit seither kontinuierlich, wenn auch mit Schwankungen, abnahm. Die Netto-Importabhängigkeit sank von 23,8 % auf 18,9 % (−20,9 %). Gleichzeitig stieg die Exportneigung um beachtliche 66,3 % — von 8,6 % auf 14,4 % — was die zunehmende Exportorientierung des EU-Melassemarktes unterstreicht. Die Handelsintensität blieb mit einem leichten Plus von 8,8 % (von 34,7 % auf 37,8 %) relativ stabil.
2. Dramatische Umstrukturierung der Handelspartnerlandschaft
2.1 Traditionelle Melasse-Lieferanten wie Indien und Russland sind nahezu vom Markt verschwunden
Die gravierendste Veränderung im EU-Importmarkt liegt in der Neuzusammensetzung der Lieferantenländer. Indien, das 2015 mit 33,3 Mio. € einer der bedeutendsten Lieferanten war, verlor 99,4 % seines Handelsvolumens und belieferte die EU 2025 nur noch mit 0,2 Mio. €. Russland verlor ebenfalls drastisch an Bedeutung (von 12,9 Mio. € auf 2,7 Mio. €, −79,4 %), was auf die nach dem Jahr 2022 verhängten Sanktionen zurückzuführen sein dürfte. Belarus verlor rund die Hälfte seiner Exporte in die EU (von 9,8 Mio. € auf 4,9 Mio. €, −50,2 %).
| Herkunftsland | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Indien | 33,3 | 0,2 | −99,4 % |
| Russland | 12,9 | 2,7 | −79,4 % |
| Belarus | 9,8 | 4,9 | −50,2 % |
| Ägypten | 34,0 | 29,4 | −13,7 % |
| Guatemala | 13,3 | 13,8 | +3,4 % |
| USA | 6,2 | 9,7 | +55,4 % |
| Vereinigtes Königreich | 14,9 | 18,0 | +20,7 % |
2.2 Die EU exportiert in zunehmend neue und entlegene Märkte
Auf der Exportseite ist eine bemerkenswerte Diversifizierung zu beobachten. Der Hauptabnehmer bleibt das Vereinigte Königreich, das seine Einfuhren von EU-Melasse von 17,6 Mio. € auf 26,4 Mio. € steigerte (+50,5 %). Deutlich dynamischer entwickelten sich jedoch neue Absatzmärkte: Norwegen stieg von 1,7 Mio. € auf 8,8 Mio. € (+421 %), Kanada von 28.000 € auf 4,1 Mio. € (+14.411 %), Indonesien von 4.600 € auf 3,8 Mio. € (+81.470 %) und Vietnam sogar von 81 € auf 2,3 Mio. €. Diese Expansion in außereuropäische Märkte — insbesondere nach Südostasien und Nordamerika — deutet auf eine steigende Wettbewerbsfähigkeit der EU-Melasse auf dem Weltmarkt hin.
| Bestimmungsland | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 17,6 | 26,4 | +50,5 % |
| USA | 6,9 | 9,0 | +30,2 % |
| Norwegen | 1,7 | 8,8 | +421,0 % |
| Kanada | 0,03 | 4,1 | +14.411 % |
| Indonesien | 0,005 | 3,8 | +81.470 % |
| Vietnam | 0,0001 | 2,3 | — |
2.3 Die Konzentration des Marktes hat abgenommen — sowohl bei Importen als auch bei Exporten
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für den Importwert sank von 1.121 auf 855 (−23,7 %), was eine deutliche Entkonzentration der Lieferantenbasis anzeigt. Noch ausgeprägter war die Diversifizierung bei den Exporten: Der Export-HHI fiel von 4.660 auf 2.854 (−38,7 %). Der hohe Ausgangswert bei den Exporten spiegelt wider, dass die EU-Ausfuhren 2015 stark auf wenige Märkte — insbesondere das Vereinigte Königreich — konzentriert waren. Die deutliche Senkung des Index zeigt, dass die EU ihre Exporte seither erfolgreich auf eine breitere Basis gestellt hat.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| HHI Importe (Wert) | 1.121 | 855 | −23,7 % |
| HHI Exporte (Wert) | 4.660 | 2.854 | −38,7 % |
2.4 Innerhalb der EU haben sich die Import- und Exportzentren verschoben
Innerhalb der EU zeigen sich unterschiedliche Dynamiken bei den melasseimportierenden Mitgliedstaaten. Irland und Italien steigerten ihre Importe deutlich (Irland von 21,8 Mio. € auf 36,3 Mio. €, +66,2 %; Italien von 18,9 Mio. € auf 27,0 Mio. €, +43,2 %), während die Niederlande (von 34,1 Mio. € auf 14,5 Mio. €, −57,6 %) und Belgien (von 18,1 Mio. € auf 11,3 Mio. €, −37,4 %) stark zurückgingen. Bei den Exporten übernahm Polen mit Abstand die Führungsrolle: Der polnische Export stieg von 16,2 Mio. € auf 28,9 Mio. € (+78,2 %). Die Niederlande verdoppelten ihre Exporte nahezu (von 4,3 Mio. € auf 9,5 Mio. €, +117,8 %), und Schweden verfünffachte seine Ausfuhren (von 0,5 Mio. € auf 3,5 Mio. €, +574,3 %). Die Spezialisierungsanalyse zeigt, dass Lettland (RSCA: 0,89), Litauen (RSCA: 0,70), Kroatien (RSCA: 0,59) und Polen (RSCA: 0,40) die am stärksten auf Melasse-Exporte spezialisierten EU-Länder sind, während Portugal und Irland am wenigsten spezialisiert sind.
3. Preisschocks, Pandemie-Effekte und Rückgang der EU-Produktion
3.1 Die EU-Melasseproduktion ist mengenmäßig drastisch eingebrochen, wertmäßig aber gestiegen
Die inländische Melasseproduktion in der EU fiel von 5.612.763 Tonnen (2015) auf 3.153.032 Tonnen (2025), was einem Rückgang von 43,8 % entspricht. Der Tiefpunkt wurde mit 2.372.073 Tonnen erreicht. Der Produktionswert hingegen stieg im selben Zeitraum um 29,4 % — von 349 Mio. € auf 452 Mio. € — was auf signifikant gestiegene Preise für Melasse hindeutet. Dieser gegenläufige Trend zwischen sinkender Produktion und steigendem Produktionswert verweist auf eine strukturelle Verknappung des Angebots bei gleichzeitig gestiegener Nachfrage oder höheren Erzeugerpreisen.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Produktionsmenge | 5.612.763 t | 3.153.032 t | −43,8 % |
| Produktionswert | 349 Mio. € | 452 Mio. € | +29,4 % |
3.2 Die Jahre 2021–2022 markieren einen globalen Preisschock auf dem Melassemarkt
Die Daten zeigen drei signifikante Preisschock-Ereignisse:
- Pakistan, 2021 (Importe): Der Preis stieg um 432,5 % bei einer Anormalität von 20,0 — der stärkste im Datensatz erfasste Preisschock im Import. Dies fällt zeitlich mit der globalen Lieferkettenkrise nach der COVID-19-Pandemie zusammen.
- USA, 2022 (Exporte): Der EU-Exportpreis in die USA stieg um 139,2 % (Anormalität: 13,0), was auf den globalen Energiepreisschock nach dem Beginn des Ukraine-Konflikts und die damit verbundenen Kostensteigerungen im Zucker- und Melassesektor zurückzuführen sein dürfte.
- El Salvador, 2023 (Importe): Ein weiterer Preisschock mit 260 % Preissteigerung (Anormalität: 12,8).
Diese Ereignisse zeigen, dass der Melassemarkt trotz seiner Natur als Industrierohstoff erheblichen globalen Preisvolatilitäten unterliegt, die durch geopolitische Ereignisse, Pandemien und Energiepreisschwankungen verstärkt werden.
3.3 Die Preisvolatilität variiert stark je nach Handelspartner und Richtung
Die Volatilitätsanalyse (gemessen am Variationskoeffizienten, CV) zeigt ein differenziertes Bild. Bei den Importen weisen Pakistan (CV: 0,97), Marokko (CV: 0,83) und Indien (CV: 0,85) die höchsten Preisschwankungen auf. Bei den Exporten ist die Volatilität bei etablierten Märkten tendenziell niedriger — das Vereinigte Königreich (CV: 0,21) und Island (CV: 0,09) zeigen sehr stabile Preisbeziehungen. Neue Exportmärkte wie Vietnam, Südafrika und Marokko weisen hingegen extrem hohe Volatilitätswerte auf, was typisch für Handelsbeziehungen in der Aufbauphase ist, in denen Volumina und Preise noch stark schwanken.
3.4 Die Rübenmelasse dominiert die EU-Ausfuhren, Rohrzuckermelasse die Einfuhren
Die Produktsegment-Analyse offenbart eine klare Spezialisierungsmuster. Auf der Importseite dominiert Rohrzuckermelasse (170310), die 2015 mit 665.033 Tonnen (Wert: 105,7 Mio. €) den größten Teil der Einfuhren ausmachte, bis 2025 auf 477.753 Tonnen (Wert: 107,1 Mio. €) sank — ein mengenmäßiger Rückgang von 28,2 % bei leicht gestiegenem Wert. Rübenmelasse-Importe (170390) schwankten stärker, lagen 2025 bei 470.479 Tonnen (Wert: 50,1 Mio. €). Auf der Exportseite dominiert klar die Rübenmelasse: Der Export von Rübenmelasse stieg von 144.852 Tonnen auf 339.314 Tonnen (+134,2 %) und machte 2025 rund 87 % der gesamten EU-Melasseausfuhren aus. Dies ist konsistent mit der Tatsache, dass die EU ein bedeutender Rübenzuckerproduzent ist und Melasse als Nebenprodukt der Rübenzuckerherstellung im Überfluss anfällt.
Schlussfolgerung
Der EU-Melassemarkt (CN 1703) hat sich im Zeitraum 2015–2025 grundlegend transformiert. Drei zentrale Entwicklungen prägen das Bild: Erstens hat die EU ihre Exporte mehr als verdoppelt und ihre Netto-Importabhängigkeit von 23,8 % auf 18,9 % gesenkt, was auf eine gesteigerte Wettbewerbsfähigkeit und eine wachsende Rübenmelasse-Überproduktion hindeutet. Zweitens haben sich die Handelsströme sowohl bei Importen als auch bei Exporten massiv diversifiziert — die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten wie Indien und Russland wurde stark reduziert, während neue Exportmärkte in Skandinavien, Nordamerika und Südostasien erschlossen wurden. Drittens spiegelt der Rückgang der EU-Produktionsmenge (−43,8 %) bei gleichzeitig steigendem Produktionswert (+29,4 %) eine strukturelle Anpassung wider, die möglicherweise mit der Reform der EU-Zuckermarktordnung, veränderten Agrarpraktiken und der zunehmenden Verwendung von Melasse in Bioprozessen zusammenhängt. Die Preisschocks der Jahre 2021–2023 unterstreichen die Verletzlichkeit des Marktes gegenüber externen Schocks, während die gleichzeitige Entkonzentration der Handelspartner die Resilienz des EU-Melassemarktes langfristig verbessert haben dürfte.