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Marktentwicklung: Mais (CN 100590) — 2015–2025

Einführung

Der vorliegende Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union im Zeitraum 2015 bis 2025 für die Zollnomenklatur CN 100590 — Mais (aussaatfähige Samen). Dieser Code erfasst Mais, der nicht zur Aussaat bestimmt ist, also den überwiegenden Teil des internationalen Mais-handels (Futter- und Industriemais). Der Zeitraum ist von erheblichen geopolitischen Erschütterungen geprägt: der COVID-19-Pandemie ab 2020, dem russischen Überfall auf die Ukraine ab Februar 2022 sowie den daraus resultierenden globalen Agrarpreisschocks. Die EU hat sich im untersuchten Zeitraum von einem Nettoimporteur in ein stark importabhängiges Wirtschaftsgebiet entwickelt, wobei sich sowohl die Partnerstruktur als auch die Preisbildung grundlegend verändert haben.

Detaillierte Übersicht auf dem EU Trade Dashboard — Übersicht.


1. Massive Verschiebung des Handelsbilanzdefizits

1.1 Das Defizit hat sich nahezu verdreifacht

Die EU wies bereits 2015 ein negatives Handelsbilanz bei Mais auf. Die Dimension hat sich im Beobachtungszeitraum jedoch dramatisch verschärft. Das Defizit vertiefte sich von rund −1,22 Mrd. EUR im Jahr 2015 auf rund −3,45 Mrd. EUR im Jahr 2025, was einer Verschlechterung von −182,3 % entspricht. Der tiefste Wert im gesamten Zeitraum lag bei rund −5,83 Mrd. EUR — ein Indikator für die außergewöhnliche Belastung in den Krisenjahren 2021/2022.

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Exporte (EUR) 726 Mio. 564 Mio. −22,3 %
Importe (EUR) 1.946 Mio. 4.010 Mio. +106,0 %
Handelsbilanz (EUR) −1.220 Mio. −3.445 Mio. −182,3 %

Quelle: Übersicht

1.2 Mengen- und Wertentwicklung laufen auseinander

Besonders bemerkenswert ist die Diskrepanz zwischen Mengen- und Wertschwankungen. Die Importmengen stiegen um 62,5 % (von 11,4 Mio. t auf 18,5 Mio. t), während die Importwerte um 106,0 % zunahmen. Dieses Missverhältnis spiegelt die deutlich gestiegenen Weltmarktpreise wider. Auf der Exportseite sanken die Mengen mit −41,4 % sogar stärker als die Werte (−22,3 %), was auf steigende Exportpreise trotz sinkender Volumina hindeutet.

Kennzahl Erster Wert Letzter Wert Minimum Maximum Veränderung
Importwert (EUR) 1.946 Mio. 4.010 Mio. 1.946 Mio. 6.963 Mio. +106,0 %
Importmenge (t) 11.391.643 18.515.317 11.391.643 23.701.909 +62,5 %
Exportwert (EUR) 726 Mio. 564 Mio. 406 Mio. 1.371 Mio. −22,3 %
Exportmenge (t) 4.270.172 2.501.924 2.402.511 5.349.265 −41,4 %

Quelle: Übersicht

1.3 Steigende Preise als dominanter Faktor

Sowohl Import- als auch Exportpreise sind im Zeitraum deutlich gestiegen. Der durchschnittliche Importpreis erhöhte sich von 171 EUR/t auf 217 EUR/t (+26,7 %), der Exportpreis von 170 EUR/t auf 226 EUR/t (+32,7 %). Die Preisentwicklung verlief nicht linear: Mit Maximalwerten von 294 EUR/t bei Importen bzw. 306 EUR/t bei Exporten in den Spitzenjahren 2021/2022 wurden die Agrarmärkte von den globalen Lieferkettenunterbrechungen und dem Ukraine-Krieg massiv getrieben.


2. Struktureller Wandel der Handelspartnerlandschaft

2.1 Ukraine dominiert die EU-Importe — aber die Diversifizierung nimmt zu

Die Ukraine war im gesamten Zeitraum der mit Abstand wichtigste Maislieferant der EU. Im Jahr 2025 machte sie mit 1.715 Mio. EUR den größten Anteil an den EU-Importen aus. Allerdings ist die absolute Abhängigkeit tendenziell rückläufig: Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für die Importkonzentration sank von 4.580 auf 2.899 (−36,7 %), was eine messbar diversifiziertere Importstruktur signalisiert.

Partner Importwert 2015 (EUR) Importwert 2025 (EUR) Veränderung
Ukraine 1.290 Mio. 1.715 Mio. +32,9 %
Brasilien 187 Mio. 583 Mio. +212,1 %
USA 72 Mio. 1.092 Mio. +1.424,7 %
Kanada 27 Mio. 421 Mio. +1.489,1 %
Serbien 121 Mio. 43 Mio. −63,9 %
Russland 91 Mio. 0 Mio. −100,0 %
Moldawien 28 Mio. 17 Mio. −41,2 %

Quelle: Handelspartner

2.2 Neuausrichtung der Importquellen: Amerika gewinnt, Osteuropa verliert

Die auffälligste Veränderung bei den Importpartnern betrifft die transatlantische Neuausrichtung. Die USA und Kanada haben ihre Maislieferungen an die EU um über 1.400 % gesteigert. Diese Entwicklung dürfte sowohl mit der Liberalisierung des bilateralen Handels als auch mit den durch den Ukraine-Krieg verursachten Lieferunterbrechungen zusammenhängen, die alternative Beschaffungsquellen attraktiver machten.

Gleichzeitig sind die Importe aus Russland (−100 %), Serbien (−63,9 %) und Moldawien (−41,2 %) erheblich zurückgegangen. Der vollständige Wegfall russischer Lieferungen ist klar auf die nach dem Überfall auf die Ukraine verhängten Sanktionen und Handelsbeschränkungen zurückzuführen.

2.3 Exportmärkte: Verlust traditioneller Abnehmer in Asien und Nahost

Die EU-Exporte haben sich strukturell verändert. Traditionelle Absatzmärkte im Nahen Osten und in Asien sind weitgehend verloren gegangen:

Partner Exportwert 2015 (EUR) Exportwert 2025 (EUR) Veränderung
Vereinigtes Königreich 154 Mio. 191 Mio. +23,6 %
Türkei 101 Mio. 86 Mio. −14,5 %
Iran 42 Mio. 10 Mio. −75,5 %
Südkorea 75 Mio. 0,1 Mio. −99,8 %
Ägypten 60 Mio. 17 Mio. −72,2 %
Libanon 29 Mio. 71 Mio. +145,4 %
Schweiz 29 Mio. 44 Mio. +53,5 %

Quelle: Handelspartner

Der Export in die Republik Korea ist praktisch zum Erliegen gekommen (−99,8 %). Ähnlich drastisch sind die Rückgänge im Iran (−75,5 %) und in Ägypten (−72,2 %). Diese Märkte wurden offenbar von billigeren Lieferanten — insbesondere aus den USA, Brasilien und der Ukraine — bedient. Nur wenige Märkte wie der Libanon (+145,4 %) und die Schweiz (+53,5 %) verzeichneten Zuwächse.

2.4 Verschiebungen innerhalb der EU: Neue Exporteure treten auf

Auch innerhalb der EU haben sich die Rollen verschoben. Rumänien bleibt der wichtigste Exporteur, hat aber stark verloren (−38,4 %). Gleichzeitig sind Polen (+3.334 %) und Irland (+2.133 %) zu relevanten Exporteuren aufgestiegen. Spanien hat seine Exporte ebenfalls um über 1.000 % gesteigert.

EU-Land (Exporteur) Exportwert 2015 (EUR) Exportwert 2025 (EUR) Veränderung
Rumänien 406 Mio. 250 Mio. −38,4 %
Frankreich 182 Mio. 128 Mio. −29,9 %
Bulgarien 51 Mio. 25 Mio. −50,9 %
Polen 2 Mio. 80 Mio. +3.334 %
Irland 1 Mio. 31 Mio. +2.133 %
Spanien 2 Mio. 25 Mio. +1.003 %

Quelle: EU-Reporter

Auch bei den Importen zeigt sich eine Konzentration auf wenige EU-Staaten: Spanien (+117,5 %), Italien (+196,8 %) und Irland (+225,6 %) haben ihre Importe stark ausgeweitet, was auf wachsenden Futterbedarf in der Tierhaltung dieser Länder hindeuten könnte.


3. Volatilität, Preisanstiege und geopolitische Schocks

3.1 Importpreis-Schock 2022 als Schlüsselereignis

Die Daten zeigen ein zentrales Schockereignis im Jahr 2022: Der Importpreis aus Kanada stieg in diesem Jahr um 73,5 % (Abnormalität: 4,4). Dieses Ereignis hatte einen Wertanteil von 7,4 % an den Gesamtimporten und fällt zeitlich mit dem Beginn des Ukraine-Krieges und der globalen Nahrungsmittelkrise zusammen. Der Krieg unterbrach die ukrainischen Maisexporte über das Schwarze Meer und trieb die Weltmarktpreise auf ein historisches Maximum.

Schock-Ereignis Typ Richtung Zeitpunkt Preisverschiebung Wertanteil
Israel Preis Exporte 2017 +328,7 % 4,5 %
Iran Preis Exporte 2017 +139,9 % 13,1 %
Kanada Preis Importe 2022 +73,5 % 7,4 %

Quelle: Supply-Shocks

Auch die Exportpreisschocks von 2017 — insbesondere bei Lieferungen an Israel (+328,7 %) und den Iran (+139,9 %) — sind bemerkenswert, auch wenn sie möglicherweise auf Einmaleffekte wie Sondersendungen oder Vertragsanpassungen zurückzuführen sind.

3.2 Hohe Volatilität bei strategischen Partnern

Die Schwankungsintensität (Variationskoeffizient, CV) variiert erheblich zwischen den Handelspartnern. Auf der Importseite zeigt sich bei den USA eine extrem hohe Volatilität (CV = 1,49), was die Schwankungsbreite der transatlantischen Maisströme unterstreichst. Auch die Türkei (CV = 1,33) und Südafrika (CV = 1,18) weisen hohe Schwankungen auf. Die Ukraine hingegen zeigt mit einem CV von 0,28 eine relativ stabile Lieferbeziehung.

Partner (Importe) Variationskoeffizient Bewertung
USA 1,49 Sehr hoch
Türkei 1,33 Sehr hoch
Südafrika 1,18 Hoch
Russland 0,79 Mittel
Ukraine 0,28 Stabil

Quelle: Volatilität

Auf der Exportseite ist China mit einem CV von 1,52 das volatilste Ziel, gefolgt von Marokko (CV = 1,30) und Südkorea (CV = 1,11). Die traditionellen Abnehmer wie das Vereinigte Königreich (CV = 0,22) und die Schweiz (CV = 0,21) sind hingegen äußerst stabile Handelspartner.

3.3 Importkonzentration sinkt, Exportkonzentration steigt

Ein bemerkenswerter struktureller Trend zeigt sich in der Entwicklung der Handelskonzentration (HHI):

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
HHI Importe (Wert) 4.580 2.899 −36,7 %
HHI Exporte (Wert) 976 1.719 +76,1 %

Quelle: Konzentration

Die Importe haben sich deutlich diversifiziert: Der HHI sank um 36,7 %. Dies spiegelt die verstärkte Diversifikation hin zu Lieferanten aus Nord- und Südamerika wider. Gleichzeitig wurden die Exporte konzentrierer (HHI +76,1 %), was bedeutet, dass die EU ihren Maisexport auf weniger Märkte fokussiert — ein Trend, der die Verwundbarkeit gegenüber dem Ausfall einzelner Märkte erhöht.

3.4 Spezialisierungsmuster innerhalb der EU

Die Analyse der komparativen Vorteile (RSCA) im Jahr 2025 zeigt, dass vor allem mittel- und osteuropäische Länder sowie Frankreich eine hohe Spezialisierung im Maissektor aufweisen:

Land RSCA RCA Interpretation
Kroatien 0,875 15,04 Sehr stark spezialisiert
Frankreich 0,663 4,94 Stark spezialisiert
Slowenien 0,660 4,88 Stark spezialisiert
Bulgarien 0,592 3,90 Deutlich spezialisiert
Ungarn 0,529 3,25 Deutlich spezialisiert

Quelle: Spezialisierung

Am anderen Ende des Spektrums stehen skandinavische Länder und Irland, die über keinerlei komparativen Vorteil im Maisanbau verfügen und dementsprechend stark auf Importe angewiesen sind.


Schlussfolgerung

Die Handelsentwicklung der EU bei Mais (CN 100590) zwischen 2015 und 2025 ist durch drei zentrale Dynamiken geprägt:

  1. Eine strukturell wachsende Importabhängigkeit. Das Handelsbilanzdefizit hat sich nahezu verdreifacht. Die EU importiert heute deutlich mehr Mais als noch vor zehn Jahren — sowohl mengen- als auch wertmäßig. Dieser Trend spiegelt den steigenden Futterbedarf der europäischen Tierhaltung bei gleichzeitig stagnierender inländischer Produktion wider.

  2. Eine tektonische Verschiebung der Handelspartner. Der Ukraine-Krieg 2022 hat die bestehende Importstruktur erschüttert und die Diversifizierung hin zu Lieferanten aus Amerika (USA, Kanada, Brasilien) beschleunigt. Gleichzeitig sind traditionelle Exportmärkte der EU in Asien und dem Nahen Osten verloren gegangen, da die EU-Preise gegenüber nord- und südamerikanischen sowie ukrainischen Anbietern an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt haben.

  3. Höhere Preise und gesteigerte Volatilität als neue Normalität. Die globalen Agrarpreisschocks der Jahre 2021–2022 haben die Maispreise auf ein neues Niveau gehoben. Die außergewöhnlichen Preisschocks bei Exporten in den Iran und nach Israel im Jahr 2017 sowie bei kanadischen Importen im Jahr 2022 unterstreichen die Exposition des EU-Maishandels gegenüber geopolitischen Ereignissen.

Die EU steht damit vor der Herausforderung, ihre Versorgungssicherheit bei einem strategischen Agrarrohstoff zu gewährleisten, während sich sowohl die Lieferantenstruktur als auch die Absatzmärkte in einem bemerkenswerten Wandel befinden. Die Diversifizierung der Importe ist zwar ein positiver Trend, doch die gleichzeitige Konzentration der Exporte auf weniger Märkte erhöht die Verwundbarkeit des europäischen Agrarsektors.

Erstellt am 2026-08-08. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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