Marktentwicklung: Lebende Pflanzen und Stecklinge (CN 0602) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union mit lebenden Pflanzen, Stecklingen und Pfropfreisern (KN-Code 0602) im Zeitraum 2015 bis 2025. Die Warenposition 0602 umfasst ein breites Produktspektrum — von bewurzelten und unbewurzelten Stecklingen über Obstgehölze und Zierpflanzen bis hin zu Rhododendren, Rosen und Pilzmycel — und bildet damit einen wesentlichen Teil des europäischen Gartenbausektors ab. Die EU fungiert in diesem Segment als bedeutender Nettoexporteur, wobei die Niederlande die zentrale Drehscheibe des europäischen Pflanzenhandels darstellen. Im Untersuchungszeitraum zeigt sich eine bemerkenswerte Divergenz zwischen mengenmäßiger und wertmäßiger Entwicklung, die auf tiefgreifende strukturelle Verschiebungen im Markt hindeutet.
Produktübersicht und Definitionen
1. Steigende Wertschöpfung bei stagnierenden Mengen — ein Markt im Aufwertungsprozess
1.1 Der EU-Handelsüberschuss hat sich zwischen 2015 und 2025 mehr als verdoppelt
Die EU verzeichnete im gesamten Betrachtungszeitraum einen positiven und deutlich wachsenden Handelsbilanzüberschuss bei lebenden Pflanzen. Dieser stieg von rund 1,02 Mrd. EUR im Jahr 2015 auf 1,55 Mrd. EUR im Jahr 2025, was einem Anstieg von 52,5 % entspricht. Der Höchstwert wurde 2023 mit rund 1,62 Mrd. EUR erreicht. Diese Entwicklung unterstreicht die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Baumschul- und Zierpflanzenproduktion auf dem Weltmarkt.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exporte (Mrd. EUR) | 1,32 | 2,01 | +51,9 % |
| Importe (Mio. EUR) | 307 | 461 | +50,1 % |
| Handelsbilanz (Mrd. EUR) | 1,02 | 1,55 | +52,5 % |
1.2 Die Wertschöpfung wächst weit schneller als die exportierte Menge — die durchschnittliche Exportpreise sind um 37 % gestiegen
Besonders auffällig ist die Diskrepanz zwischen mengenmäßiger und wertmäßiger Entwicklung der Ausfuhren: Während die exportierte Menge von 722.252 Tonnen (2015) auf 802.569 Tonnen (2025) lediglich um 11,1 % zunahm, stieg der Exportwert um 51,9 %. Die durchschnittlichen Exportpreise erhöhten sich im selben Zeitraum von 1.834 EUR/t auf 2.507 EUR/t (+36,7 %). Dies deutet auf eine qualitative Aufwertung des Exportkorbs hin — die EU exportiert zunehmend hochwertigere Pflanzen, veredelte Gehölze und Spezialitäten zu höheren Stückpreisen. Auch die Importpreise stiegen, wenn auch moderater, von 3.325 EUR/t auf 3.744 EUR/t (+12,6 %), was auf steigende Beschaffungskosten insbesondere bei tropischen und subtropischen Pflanzenarten hindeuten kann.
1.3 Saisonale Schwankungen im Mengenexport zeigen die Grenzen der Wachstumsdynamik
Die exportierte Menge unterlag im Betrachtungszeitraum erheblichen Schwankungen. Die Höchstmenge wurde 2017 mit über 2,09 Mio. Tonnen erreicht, sank jedoch in den Folgejahren deutlich ab. Die niedrigste Menge wurde bereits 2015 mit 722.252 Tonnen verzeichnet. Ab 2021 stabilisierte sich das Mengenniveau bei rund 730.000–800.000 Tonnen. Diese Volatilität spiegelt unter anderem wetterbedingte Ernteausfälle, pandemiebedingte Logistikengpässe sowie strukturelle Verlagerungen wider.
2. Die Niederlande als unangefochtene Drehscheibe — und die geopolitische Neuausrichtung der Handelsströme
2.1 Die Niederlande dominieren als Exporteur und Importeur gleichermaßen
Die Niederlande sind mit großem Abstand der wichtigste EU-Mitgliedstaat im Pflanzenhandel mit Drittländern. Im Jahr 2025 exportierten sie lebende Pflanzen im Wert von 1,21 Mrd. EUR (+74,8 % gegenüber 2015), was einem Anteil von rund 60 % an den gesamten EU-Ausfuhren entspricht. Gleichzeitig importierten die Niederlande für 264 Mio. EUR (+44,4 %) — ein deutlicher Hinweis auf ihre Funktion als Umschlag- und Veredelungsplattform im europäischen Gartenbau.
| EU-Mitgliedstaat | Exporte 2015 (Mio. EUR) | Exporte 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Niederlande | 690 | 1.206 | +74,8 % |
| Italien | 132 | 202 | +52,7 % |
| Deutschland | 132 | 135 | +2,3 % |
| Spanien | 69 | 163 | +135,7 % |
| Belgien | 72 | 94 | +30,5 % |
| Dänemark | 61 | 39 | −35,4 % |
| Polen | 34 | 30 | −11,6 % |
2.2 Russland und Belarus als Märkte sind nahezu vollständig weggebrochen
Der dramatischste Strukturwandel zeigt sich bei den Exportzielen. Die Ausfuhren in die Russische Föderation sanken von 127 Mio. EUR (2015) auf lediglich 16 Mio. EUR (2025), was einem Rückgang von 87,8 % entspricht. Noch stärker betroffen ist Belarus, wo die EU-Exporte von 12 Mio. EUR auf 2 Mio. EUR einbrachen (−83,8 %). Diese Entwicklung korreliert klar mit den Sanktionsregimen nach 2014 (Krim-Krise) und insbesondere nach dem Februar 2022 (russischer Angriffskrieg auf die Ukraine). Die geopolitische Destabilisierung hat somit den traditionell wichtigen osteuropäischen Absatzmarkt für europäische Baumschulprodukte nahezu zum Verschwinden gebracht.
| Partnerland | Exporte 2015 (Mio. EUR) | Exporte 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 462 | 859 | +85,9 % |
| Schweiz | 257 | 326 | +26,6 % |
| Russische Föderation | 127 | 16 | −87,8 % |
| Norwegen | 101 | 91 | −9,2 % |
| Türkei | 48 | 59 | +23,5 % |
| Ukraine | 18 | 28 | +57,3 % |
| Belarus | 12 | 2 | −83,8 % |
2.3 Das Vereinigte Königreich ist nach dem Brexit zum wichtigsten Exportmarkt geworden — doch die Abhängigkeit wächst
Das Vereinigte Königreich entwickelte sich im Untersuchungszeitraum zum mit Abstand wichtigsten Exportziel der EU. Die Ausfuhren stiegen von 462 Mio. EUR (2015) auf 859 Mio. EUR (2025), ein Plus von 85,9 %. Damit entfielen 2025 rund 43 % der gesamten EU-Exporte auf Großbritannien. Gleichzeitig sanken die Importe aus dem VK von 24 Mio. EUR auf 17 Mio. EUR (−28,8 %). Der Brexit scheint die Handelsströme nicht nachhaltig gestört zu haben — im Gegenteil: Die geografische Nähe und die etablierten Lieferketten machen das VK weiterhin zum natürlichen Absatzmarkt für europäische Pflanzenprodukte. Allerdings birgt diese hohe Konzentration ein erhebliches Diversifizierungsrisiko, wie die steigende Exportkonzentration (HHI von 1.796 auf 2.177, Details zur Konzentration) belegt.
2.4 Neue Importquellen aus Nordafrika und dem Nahen Osten gewinnen an Bedeutung
Auf der Importseite zeigt sich eine bemerkenswerte Diversifizierung. Neben den etablierten Lieferanten China (59 Mio. EUR, +113,7 %) und Costa Rica (29 Mio. EUR) haben insbesondere Marokko (+317,1 %), die Türkei (+147,5 %) und Serbien (+604,5 %) stark an Bedeutung gewonnen. Marokko entwickelte sich von 5 Mio. EUR (2015) auf 20 Mio. EUR (2025), Serbien von 2 Mio. EUR auf 13 Mio. EUR. Diese Entwicklung spiegelt sowohl die Kostenvorteile klimatisch begünstiger Produktionsstandorte als auch die Intensivierung bilateraler Handelsbeziehungen wider.
| Importpartner | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| China | 28 | 59 | +113,7 % |
| Costa Rica | 29 | 29 | +1,4 % |
| Vereinigtes Königreich | 24 | 17 | −28,8 % |
| Marokko | 5 | 20 | +317,1 % |
| Serbien | 2 | 13 | +604,5 % |
| Türkei | 12 | 29 | +147,5 % |
3. Produktspezifische Dynamiken — Stecklinge als Hochpreissegment, Obstgehölze im Aufwind
3.1 Die Restkategorie 060290 dominiert den Handel, zeigt aber volatile Preisentwicklungen
Die Warenposition 060290 (übrige lebende Pflanzen und Pilzmycel) stellt mengenmäßig und wertmäßig das mit Abstand größte Segment dar. Die Importe beliefen sich 2025 auf 108.418 Tonnen im Wert von 273 Mio. EUR, die Exporte auf 726.666 Tonnen im Wert von 1,69 Mrd. EUR. Auffällig ist die extreme Preisvolatilität: Die durchschnittlichen Exportpreise schwankten zwischen 665 EUR/t (2017) und 2.327 EUR/t (2025), was einer Verdreifachung entspricht. Diese Entwicklung spiegelt möglicherweise eine Verschiebung hin zu hochwertigeren Pflanzenarten sowie steigende Produktionskosten wider.
| Segment | Importe 2025 (Wert, Mio. EUR) | Exporte 2025 (Wert, Mio. EUR) | Exportpreis 2025 (EUR/t) |
|---|---|---|---|
| 060290 – Übrige Pflanzen | 273 | 1.691 | 2.327 |
| 060210 – Stecklinge/Pfropfreiser | 166 | 28 | 9.529 |
| 060220 – Obstgehölze | 17 | 250 | 4.239 |
| 060240 – Rosen | 5 | 26 | 4.163 |
| 060230 – Rhododendren | 0,3 | 18 | 2.316 |
3.2 Stecklinge und Pfropfreiser sind das mit Abstand teuerste Segment — die EU ist hier Nettoimporteur
Das Segment 060210 (Stecklinge, unbewurzelt, und Pfropfreiser) zeichnet sich durch außergewöhnlich hohe Preise aus. Die Exportpreise lagen 2025 bei 9.529 EUR/t, die Importpreise bei 20.235 EUR/t. Mengenmäßig exportierte die EU lediglich 2.900 Tonnen, importierte jedoch 8.179 Tonnen. Damit ist die EU in diesem Segment trotz des hohen Preisniveaus Nettoimporteur — ein Hinweis darauf, dass die europäische Produktion den Bedarf an spezialisierten Veredelungsunterlagen und Vermehrungsmaterial nicht vollständig decken kann. Die Importpreise haben sich im Zeitraum von 14.043 EUR/t (2015) auf 20.235 EUR/t (2025) erhöht (+44 %), was auf zunehmende Knappheit und Spezialisierung hindeutet.
3.3 Obstgehölze verzeichnen das stärkste Exportwachstum unter den Subsegmenten
Das Segment 060220 (Bäume, Sträucher und Büsche von genießbaren Früchten oder Nüssen) entwickelte sich zum dynamischsten Wachstumsmarkt innerhalb der KN 0602. Die Exporte stiegen von 100 Mio. EUR (2015) auf 250 Mio. EUR (2025), was einem Plus von 151 % entspricht. Die exportierte Menge wuchs von 29.255 Tonnen auf 58.863 Tonnen (+101 %). Dieses überproportionale Wachstum spiegelt die zunehmende Nachfrage nach Obstpflanzen wider — ein Trend, der durch die wachsende Beliebtheit von Urban Gardening, Selbstversorgung und nachhaltiger Landwirtschaft befeuert wird. Gleichzeitig stiegen die Exportpreise von 3.401 EUR/t auf 4.239 EUR/t (+25 %).
3.4 Die Rosen- und Azaleenimporte wachsen in Stückzahlen, die Preise bleiben volatil
Die Einfuhren von Rosen (060240) entwickelten sich mengenmäßig stark: Die importierte Stückzahl stieg von 3,4 Mio. Stück (2015) auf 7,1 Mio. Stück (2025) — eine Verdopplung. Der Importwert erhöhte sich im gleichen Zeitraum von 2,5 Mio. EUR auf 5,1 Mio. EUR. Der Importpreis pro Stück blieb dabei relativ stabil und lag 2025 bei 0,71 EUR/Stück. Im Exportsegment hingegen sank die Stückzahl von 22,7 Mio. auf 18,1 Mio. Stück (−20 %), der Exportpreis pro Stück stieg jedoch von 1,05 EUR auf 1,45 EUR (+38 %). Dies deutet auf eine qualitative Aufwertung des EU-Rosenexports hin. Die Rhododendren/Azaleen-Importe (060230) blieben mengenmäßig gering (84 Tonnen) und unterlagen starken Preisschwankungen, was auf ein Nischenprodukt mit heterogenem Qualitätsangebot hindeutet.
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für lebende Pflanzen und Stecklinge (KN 0602) hat sich im Zeitraum 2015–2025 von einem mengenorientierten zu einem zunehmend wertorientierten Handelsmarkt entwickelt. Die EU hat ihren Handelsüberschuss trotz geopolitisch bedingter Exportrückgänge in Richtung Russland und Belarus um über 50 % ausbauen können, indem traditionelle Absatzmärkte kompensiert und neue Vertriebskanäle erschlossen wurden. Das Vereinigte Königreich hat sich trotz Brexit zum unverzichtbaren Hauptabsatzmarkt entwickelt, was allerdings die Konzentrationsrisiken erhöht. Auf der Importseite zeigen sich vielversprechende Diversifizierungstendenzen durch wachsende Lieferbeziehungen mit Marokko, Serbien und der Türkei. Innerhalb der Produktsegmente deuten die stark steigenden Preise bei Stecklingen/Pfropfreisern und das überproportionale Wachstum des Obstgehölzexports auf strukturelle Veränderungen hin, die sowohl durch Nachfrageverschiebung als auch durch steigende Produktionskosten bedingt sind. Insgesamt zeigt der Markt eine bemerkenswerte Resilienz und Anpassungsfähigkeit an geopolitische und wirtschaftliche Herausforderungen.