Marktentwicklung: Kunstseidengewebe (CN 5408) — 2015–2025
Einleitung
Der Zolltarifcode 5408 umfasst Gewebe aus Garnen aus künstlichen Filamenten, einschließlich Monofilen von ≥ 67 dtex und einem größten Durchmesser von ≤ 1 mm. Die Position ist eine Sammelposition („bundling heading"), die neun Unterpositionen vereint — von Geweben aus hochfesten Viskose-Garnen (540810) über gefärbte, gebleichte, buntgewebte und bedruckte Qualitäten bis hin zu Mischgeweben mit weniger als 85 Gewichtsprozent künstlicher Filamente. In der EU wird die Branche hauptsächlich durch die Produzentenländer Italien, Spanien und Deutschland geprägt.
Der Betrachtungszeitraum 2015 bis 2025 ist von drei übergeordneten Entwicklungen gekennzeichnet: Erstens blieb die EU im gesamten Zeitraum Nettexporteur, doch die Handelsvolumina — sowohl bei Exporten als auch bei Importen — sind spürbar gesunken. Zweitens haben sich die Handelsströme geografisch deutlich verschoben: Marokko stieg zum wichtigsten Exportpartner auf, während traditionelle Beziehungen zu Großbritannien, der Türkei und Osteuropa an Bedeutung verloren. Drittens hat sich die Exportkonzentration innerhalb der EU stark erhöht, wobei Italien seine dominierende Stellung behauptete und Spanien als zweites Standbein aufstieg.
1. Volumenrückgang bei steigenden Preisen — ein struktureller Wandel im Handelsprofil
Die EU bleibt Nettexporteur, doch der Überschuss stagniert
Über den gesamten Zeitraum hinweg verzeichnete die EU einen positiven Handelsbilanzsaldo bei CN 5408. Dieser betrug im ersten verfügbaren Jahr 57,5 Mio. EUR und lag 2025 bei 59,0 Mio. EUR — ein Plus von lediglich 2,6 %. Die Netto-Importabhängigkeit lag durchgehend im negativen Bereich (zwischen −15,4 % und −1,3 %), was die konstante Exportstärke des EU-Marktes unterstreicht. Die Handelsbilanz schwankte allerdings: Den Höchststand erreichte der Überschuss mit 76,7 Mio. EUR, bevor er sich wieder abschwächte.
Exporte: Mengenverlust von fast einem Viertel, Preisanstieg von 13 %
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert | 207,6 Mio. EUR | 182,9 Mio. EUR | −11,9 % |
| Exportmenge | 8.799 t | 6.840 t | −22,3 % |
| Exportpreis (EUR/t) | 23.587 | 26.743 | +13,4 % |
| Exportmenge (m²) | 71,7 Mio. m² | 62,5 Mio. m² | −12,9 % |
Die Exporte verloren zwischen 2015 und 2025 rund 22 % ihres Gewichts und 12 % ihres Werts. Gleichzeitig stieg der durchschnittliche Exportpreis pro Tonne um 13 % — von 23.587 EUR/t auf 26.743 EUR/t, dem höchsten Wert im gesamten Zeitraum. Dies deutet auf eine qualitative Aufwertung der EU-Exporte hin: Es werden tendenziell hochwertigere, höherpreisige Gewebe exportiert, während das preisgünstige Volumen abnimmt.
Importe: Deutlicher Rückgang — Mengenverlust von über 23 %
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importwert | 150,1 Mio. EUR | 124,0 Mio. EUR | −17,4 % |
| Importmenge | 11.514 t | 8.831 t | −23,3 % |
| Importpreis (EUR/t) | 13.034 | 14.035 | +7,7 % |
| Importmenge (m²) | 107,8 Mio. m² | 85,7 Mio. m² | −20,5 % |
Auch die Importe zeigen einen deutlichen Rückgang — die Einfuhren verloren fast ein Viertel ihres Gewichts. Der durchschnittliche Importpreis lag mit 14.035 EUR/t im Jahr 2025 erstmals über 14.000 EUR/t, blieb damit aber deutlich unter dem Exportpreis (26.743 EUR/t). Das Preisgefälle zwischen Import- und Exportpreis — ein Verhältnis von nahezu 1:2 — unterstreicht, dass die EU vor allem hochwertige, weiterverarbeitete Gewebe ausführt und günstigere, oft rohstoffnahe Qualitäten einführt.
Besonders betroffene Unterpositionen bei den Importen
Innerhalb der Unterpositionen fielen zwei Segmente besonders auf:
| Unterposition | Beschreibung | Importmenge 2015 | Importmenge 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|---|
| 540810 | Hochfeste Viskose-Gewebe | 1.173 t | 238 t | −79,7 % |
| 540834 | Bedruckt, <85 % künstl. Filamente | 803 t | 113 t | −85,9 % |
| 540831 | Roh/gebleicht, <85 % künstl. Filamente | 1.499 t | 807 t | −46,2 % |
| 540824 | Bedruckt, ≥85 % künstl. Filamente | 609 t | 175 t | −71,3 % |
Der Import von Geweben aus hochfesten Viskose-Garnen (540810) brach von 1.173 t auf 238 t ein — ein Rückgang von fast 80 %. Noch dramatischer war der Einbruch bei bedruckten Mischgeweben (540834) mit −86 %. Diese Entwicklungen spiegeln sowohl strukturelle Verlagerungen in der EU-Bekleidungs- und Textilindustrie als auch den verstärkten Wettbewerb aus Drittländern wider.
2. Geografische Neuordnung — Marokko als neues Drehkreuz, Rückzug aus Großbritannien
Marokko: Vom mittleren Partner zum wichtigsten Exportmarkt
Die geografische Verschiebung der EU-Exporte ist eine der auffälligsten Entwicklungen im Betrachtungszeitraum. Marokko entwickelte sich zum mit Abstand wichtigsten Exportpartner:
| Rang | Exportpartner | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Marokko | 49,6 Mio. EUR | 86,4 Mio. EUR | +74,1 % |
| 2 | Türkei | 24,7 Mio. EUR | 16,2 Mio. EUR | −34,5 % |
| 3 | Tunesien | 9,8 Mio. EUR | 10,5 Mio. EUR | +7,6 % |
| 4 | Großbritannien | 19,4 Mio. EUR | 6,1 Mio. EUR | −68,8 % |
| 5 | Ukraine | 7,9 Mio. EUR | 3,3 Mio. EUR | −57,9 % |
Marokkos Anteil an den EU-Exporten stieg von 24 % auf 47 % — fast die Hälfte aller EU-Ausfuhren in dieses Produktsegment ging 2025 nach Marokko. Dieser Trend steht im Einkhang mit der etablierten Veredelungsindustrie in Marokko, wo EU-Gewebe zu Bekleidung und Heimtextilien weiterverarbeitet und anschließend in die EU oder in Drittmärkte re-exportiert werden. Die enge logistische Anbindung und die Freihandelsabkommen mit der EU begünstigen diese Wertschöpfungskette.
Importpartner: China hält, Türkei und Großbritannien verlieren
Auch auf der Importseite vollzog sich eine Umstrukturierung:
| Rang | Importpartner | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|---|
| 1 | China | 49,7 Mio. EUR | 53,3 Mio. EUR | +7,4 % |
| 2 | Türkei | 41,4 Mio. EUR | 24,1 Mio. EUR | −41,7 % |
| 3 | Südkorea | 14,4 Mio. EUR | 13,5 Mio. EUR | −5,7 % |
| 4 | Japan | 19,1 Mio. EUR | 13,6 Mio. EUR | −28,8 % |
| 5 | USA | 4,7 Mio. EUR | 7,3 Mio. EUR | +53,9 % |
| 6 | Großbritannien | 12,3 Mio. EUR | 1,0 Mio. EUR | −91,7 % |
| 7 | Marokko | 0,9 Mio. EUR | 3,5 Mio. EUR | +288,4 % |
China blieb der größte Importpartner mit leicht steigenden Werten (+7,4 %). Am dramatischsten war der Rückgang der Importe aus Großbritannien: von 12,3 Mio. EUR auf lediglich 1,0 Mio. EUR — ein Minus von 91,7 %. Dieser Einbruch ist eindeutig mit dem Brexit und den damit verbundenen Handelsbarrieren ab 2021 zu erklären. Auch die Importe aus der Türkei sanken um 42 %, was auf die gestiegene Wettbewerbsfähigkeit asiatischer Anbieter sowie auf die Aufwertung destürkischen Lira-Kurses zurückzuführen sein kann.
Gleichzeitig stiegen die Importe aus Marokko (+288 %) und den USA (+54 %) — beides Länder, die in diesem Segment zuvor nur eine untergeordnete Rolle spielten.
Volatilität: Brexit und Ukraine-Krieg als Schocks
Die Volatilitätsanalyse bestätigt die strukturellen Brüche. Bei den Exporten weisen Großbritannien (CV 0,51) und die Ukraine (CV 0,37) eine überdurchschnittliche Schwankung auf. Bei den Importen ist die Volatilität aus Großbritannien extrem hoch (CV 1,06) — ein Wert, der den abrupten Handelsrückgang nach dem Brexit widerspiegelt. Pakistan (CV 1,12) zeigt ebenfalls eine hohe Schwankung, was auf sporadische, mengenmäßig kleine Handelsströme hindeutet.
Drei signifikante Preisschocks wurden identifiziert:
| Schock | Land | Typ | Zeitpunkt | Abnormalität | Richtung |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | Großbritannien (Export) | Preis | 2019 | 39,4 | −17,6 % |
| 2 | Ukraine (Export) | Preis | 2023 | 36,2 | +18,0 % |
| 3 | Albanien (Export) | Preis | 2019 | 22,6 | +118,4 % |
Der Ukraine-Preisschock 2023 — ein Anstieg von 18 % — fällt zeitlich mit dem russischen Angriffskrieg zusammen, der Handelsrouten und Lieferketten in der Region stark belastete.
3. Italiens Dominanz und wachsende Konzentration im EU-Export
Italien dominiert, Spanien wird zum zweiten Standbein
Die Binnenverteilung der EU-Handelsströme zeigt eine klare Zweiteilung:
| EU-Mitgliedstaat | Exporte 2015 | Exporte 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Italien | 102,4 Mio. EUR | 73,0 Mio. EUR | −28,7 % |
| Spanien | 42,6 Mio. EUR | 76,5 Mio. EUR | +79,6 % |
| Deutschland | 25,7 Mio. EUR | 15,5 Mio. EUR | −39,5 % |
| Frankreich | 18,1 Mio. EUR | 8,0 Mio. EUR | −56,0 % |
Italien war 2015 mit 102,4 Mio. EUR der unbestrittene Exporteur und hielt rund 49 % der EU-Ausfuhren. Bis 2025 sank der Wert auf 73,0 Mio. EUR (−29 %), doch Italien behauptete weiterhin 40 % des EU-Exportvolumens. Der Revealed Symmetric Comparative Advantage (RSCA) Italiens liegt bei 0,78 — ein außerordentlich hoher Wert, der die Spezialisierung der italienischen Textilindustrie auf künstliche Filamentgewebe bestätigt.
Spanien hingegen verzeichnete ein bemerkenswertes Wachstum: Die Exporte stiegen von 42,6 Mio. EUR auf 76,5 Mio. EUR (+80 %). Damit überholt Spanien Italien 2025 erstmals als größter EU-Exporteur in diesem Segment. Gleichzeitig stiegen auch die spanischen Importe von 24,8 Mio. EUR auf 43,5 Mio. EUR (+76 %), was auf eine insgesamt stark wachsende Textilverarbeitungsindustrie hindeutet — möglicherweise begünstigt durch die Nähe zu Marokko und Nordafrika.
Deutschland und Frankreich verloren hingegen deutlich an Boden. Die deutschen Exporte sanken um 40 %, die französischen sogar um 56 %. Deutschland fiel damit von Platz 3 auf Platz 3 zurück, Frankreich von Platz 4 auf Platz 5.
Stark steigende Exportkonzentration
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für die Exporte verdoppelte sich nahezu:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| HHI Exporte (Wert) | 983 | 2.422 | +146 % |
| HHI Exporte (Volumen) | 1.009 | 3.064 | +204 % |
| HHI Importe (Wert) | 2.198 | 2.527 | +15 % |
| HHI Importe (Volumen) | 2.596 | 3.754 | +45 % |
Der Export-HHI stieg von unter 1.000 (niedrige Konzentration) auf über 2.400 (mäßige bis hohe Konzentration) — ein Anstieg von 146 %. Die EU-Exporte von Kunstseidengewebe werden damit zunehmend von wenigen Ländern getragen: 2025 entfielen Italien und Spanien zusammen auf rund 82 % der EU-Ausfuhren. Auch die Importkonzentration stieg, wenn auch weniger stark (+15 %).
EU-Produktion wächst stark — qualitative Verschiebung
Die EU-Produktion von CN 5408 verzeichnete ein bemerkenswertes Wachstum:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Produktionsmenge | 137,9 Mio. m² | 616,7 Mio. m² | +347 % |
| Produktionswert | 691,4 Mio. EUR | 1.285,4 Mio. EUR | +86 % |
Die Produktionsmenge versechsfachte sich nahezu, während der Produktionswert „nur" um 86 % stieg. Dies impliziert einen starken Rückgang des Produktionspreises pro Quadratmeter — von 5,01 EUR/m² auf 2,08 EUR/m². Hier ist allerdings Vorsicht geboten: Die Sprünge zwischen den Jahren sind zum Teil sehr groß, was auf Datenmeldungsverzerrungen, Umklassifizierungen oder methodische Änderungen der PRODCOM-Erhebung hindeuten könnte.
Exportneigung und Handelsintensität steigen
Die Exportneigung der EU-Industrie stieg von 33,9 % auf 38,0 %, die Handelsintensität von 45,3 % auf 51,1 %. Die EU-Textilwirtschaft in diesem Segment wird damit zunehmend außenhandelsorientiert. Die Exportneigung als dominierende Salienzkennzahl (Salience Score: 23,9 vs. 14,0 für Handelsintensität) zeigt, dass die Exportorientierung der bestimmende Faktor der EU-Marktstruktur ist.
Schlussfolgerung
Der EU-Handel mit Kunstseidengewebe (CN 5408) hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend gewandelt, auch wenn die EU ihre Position als Nettexporteur durchgehend behauptete. Die drei zentralen Trends sind:
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Volumenrückgang bei Preissteigerungen: Sowohl Export- als auch Importmengen sanken um über 20 %. Gleichzeitig stiegen die Preise — bei Exporten stärker (+13 %) als bei Importen (+8 %). Dies deutet auf eine qualitative Aufwertung der EU-Exporte und einen Rückgang preissensitiver Standardgewebe hin.
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Geopolitische Neuordnung der Handelspartner: Marokko wurde zum zentralen Exportmarkt (47 % der Ausfuhren), der Brexit führte zum fast vollständigen Zusammenbruch des Handels mit Großbritannien (Importe: −92 %), und die Türkei verlor als sowohl Import- als auch Exportpartner an Bedeutung. China hingegen stabilisierte seine Stellung als wichtigster Importeur.
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Zunehmende Konzentration innerhalb der EU: Die Exportkonzentration (HHI) verdoppelte sich nahezu. Italien und Spanien dominieren mit zusammen über 80 % der EU-Ausfuhren, während Deutschland und Frankreich stark an Boden verloren. Spaniens Aufstieg zum größten EU-Exporteur 2025 markiert einen historischen Perspektivwechsel in der europäischen Textilgeografie.
Die zukünftige Entwicklung wird maßgeblich davon abhängen, ob die EU-Produzenten ihre Positionierung im Premiumsegment verteidigen können und ob die zunehmende Konzentration auf wenige Länder und Partner Märkte die Widerstandsfähigkeit der Branche gegenüber künftigen Schocks — etwa durch Handelskonflikte oder Lieferkettenunterbrechungen — gefährdet.