Marktentwicklung: Gelatine (CN 3503) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht untersucht die Handelsentwicklung der EU im Zeitraum 2015 bis 2025 für den Zollcode 3503, der Gelatine und ihre Derivate, Hausenblase sowie andere tierische Leime umfasst. Die EU ist traditionell ein bedeutender Produzent und Nettoexporteur von Gelatineprodukten, wobei Deutschland, Frankreich und Belgien die führenden Produzenten sind. Im Analysezeitraum hat sich der Markt jedoch erheblich verändert: Während die EU-Exporte relativ stabil blieben, stiegen die Importe stark an, was zu einer signifikanten Verringerung des Handelsbilanzüberschusses führte. Gleichzeitig verzeichnete die EU-Produktion ein bemerkenswertes Wachstum, und neue Handelspartner gewannen an Bedeutung. Die folgenden Abschnitte analysieren diese Entwicklungen systematisch.
1. Stagnierende Exporte bei dynamisch wachsenden Importen — Ein sich verschiebendes Gleichgewicht
1.1 Die Exporte blieben über das Jahrzehnt weitgehend flach
Die EU-Exporte von Gelatine (CN 3503) entwickelten sich im Zeitraum 2015–2025 nur marginal. Der Exportwert stieg von 291,5 Mio. EUR im Jahr 2015 auf 300,0 Mio. EUR im Jahr 2025 — eine Veränderung von lediglich +2,9 %. Die exportierte Menge erhöhte sich im selben Zeitraum von 50.223 Tonnen auf 51.014 Tonnen (+1,6 %), während der durchschnittliche Exportpreis von 5.804 EUR/t auf 5.881 EUR/t kletterte (+1,3 %). Damit blieben sowohl Volumen als auch Wert der EU-Ausfuhren trotz globaler Nachfrageentwicklungen weitgehend stabil.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert (Mio. EUR) | 291,5 | 300,0 | +2,9 % |
| Exportmenge (t) | 50.223 | 51.014 | +1,6 % |
| Exportpreis (EUR/t) | 5.804 | 5.881 | +1,3 % |
Die Gesamtübersicht der Handelsströme zeigt, dass die EU-Exporte über den gesamten Zeitraum innerhalb einer vergleichsweise engen Bandbreite verharrten.
1.2 Die Importe hingegen nahezu verdoppelt
Im Gegensatz zu den Exporten verzeichneten die EU-Importe ein außerordentlich starkes Wachstum. Der Importwert stieg von 125,6 Mio. EUR (2015) auf 234,8 Mio. EUR (2025), was einem Anstieg von 86,9 % entspricht. Die importierte Menge erhöhte sich von 27.010 Tonnen auf 45.543 Tonnen (+68,6 %). Der durchschnittliche Importpreis stieg moderat von 4.651 EUR/t auf 5.155 EUR/t (+10,8 %). Der Zuwachs der Importe wurde somit überwiegend durch Mengenwachstum und nur in geringem Maße durch Preissteigerungen getrieben.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importwert (Mio. EUR) | 125,6 | 234,8 | +86,9 % |
| Importmenge (t) | 27.010 | 45.543 | +68,6 % |
| Importpreis (EUR/t) | 4.651 | 5.155 | +10,8 % |
1.3 Der Handelsbilanzüberschuss schrumpfte um über 60 %
Die divergierende Dynamik von Exporten und Importen führte zu einer erheblichen Erosion des Handelsbilanzüberschusses. Dieser sank von 165,9 Mio. EUR im Jahr 2015 auf lediglich 65,2 Mio. EUR im Jahr 2025 — ein Rückgang um 60,7 %. Dennoch bleibt die EU ein Nettoexporteur: Die Nettoimportabhängigkeit blieb im gesamten Zeitraum negativ (von −13,9 % auf −12,3 %), was bedeutet, dass die EU mehr ausführt als sie einführt. Der Überschuss hat sich jedoch deutlich verringert.
2. Neue Lieferanten, alte Muster — Strukturelle Verschiebungen bei den Handelspartnern
2.1 Die türkischen und argentinischen Importe explodierten
Der auffälligste Trend auf der Importseite ist der dramatische Anstieg der Lieferungen aus der Türkei. Der Importwert aus der Türkei wuchs von lediglich 3,7 Mio. EUR (2015) auf 46,3 Mio. EUR (2025), was einer Steigerung von 1.160 % entspricht. Die Türkei stieg damit vom Rang eines Nischenlieferanten zu einem der wichtigsten Importpartner der EU auf. Ebenfalls bemerkenswert ist die Entwicklung aus Argentinien, wo der Importwert von 6,2 Mio. EUR auf 25,9 Mio. EUR anstieg (+321 %).
| Lieferant | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Brasilien | 45,8 | 47,3 | +3,2 % |
| Türkei | 3,7 | 46,3 | +1.160 % |
| Schweiz | 19,1 | 19,4 | +1,6 % |
| Vereinigtes Königreich | 13,8 | 26,9 | +95,4 % |
| Indien | 10,0 | 10,7 | +6,4 % |
| Ägypten | 2,9 | 3,5 | +21,2 % |
| Argentinien | 6,2 | 25,9 | +321 % |
Die Top-Importpartner nach Wert zeigen, dass die Importe sich über den Zeitraum sowohl diversifizierten als auch konzentrierten: Während Brasilien seinen Spitzenplatz als größter Einzellieferant behielt, traten die Türkei und Argentinien als neue bedeutende Quellen hervor. Das Wachstum der türkischen und argentinischen Lieferungen ist wahrscheinlich auf den Ausbau der dortigen Gelatineproduktion — insbesondere aus Rinderhäuten — und wettbewerbsfähige Preise zurückzuführen. Der Anstieg der britischen Lieferungen (+95,4 %) könnte teilweise auf Handelsanpassungen nach dem Brexit zurückzuführen sein, bei denen Lieferketten umstrukturiert wurden.
2.2 Russische Exporte brachen nach dem Ukraine-Krieg vollständig zusammen
Auf der Exportseite ist der dramatischste Befund der fast vollständige Einbruch der Ausfuhren in die Russische Föderation. Der Exportwert sank von 17,1 Mio. EUR (2015) auf lediglich 473.000 EUR (2025) — ein Rückgang von 97,2 %. Dieser Zusammenbruch steht in direktem Zusammenhang mit den Sanktionen, die die EU nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine im Februar 2022 verhängte.
2.3 Traditionelle Abnehmermärkte blieben weitgehend stabil
Die wichtigsten Exportmärkte der EU — die Vereinigten Staaten und Japan — blieben über den gesamten Zeitraum die bedeutendsten Abnehmer. Die US-Exporte stiegen von 43,9 Mio. EUR auf 58,6 Mio. EUR (+33,6 %), während die japanischen Lieferungen von 49,6 Mio. EUR auf 53,0 Mio. EUR zunahmen (+6,9 %). Die Exporte in die Schweiz wuchsen ebenfalls moderat (+17,9 %). Hingegen gingen die Ausfuhren nach China (−11,5 %) und in das Vereinigte Königreich (−11,6 %) leicht zurück.
| Abnehmer | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigte Staaten | 43,9 | 58,6 | +33,6 % |
| Japan | 49,6 | 53,0 | +6,9 % |
| Vereinigtes Königreich | 41,6 | 36,8 | −11,6 % |
| Schweiz | 25,0 | 29,5 | +17,9 % |
| Russische Föderation | 17,1 | 0,5 | −97,2 % |
| China | 12,0 | 10,7 | −11,5 % |
| Vietnam | 8,9 | 10,4 | +17,1 % |
Die Top-Exportpartner nach Wert verdeutlichen, dass sich die EU-Exporte trotz des russischen Wegfalls weitgehend stabilisierten — die Verluste wurden offenbar durch Wachstum in anderen Märkten kompensiert.
2.4 Die Diversifizierung der Importquellen nahm zu, jene der Exportmärkte leicht ab
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe nach Wert sank von 1.992 auf 1.236 (−38,0 %), was auf eine deutlich geringere Konzentration der Importquellen hinweist. Im Exportbereich stieg der HHI dagegen leicht von 935 auf 1.036 (+10,8 %), was eine marginale Zunahme der Konzentration der Exportmärkte anzeigt. Die Konzentrationsindizes bestätigen somit, dass die EU ihre Importbeschaffung breiter aufgestellt hat, während die Exportseite etwas konzentrierter blieb.
3. Wachsende Produktionskapazitäten und Volatilität bei Schlüsselpartnern
3.1 Die EU-Gelatineproduktion hat sich mehr als verdoppelt
Trotz der stagnierenden Exporte und steigenden Importe wuchs die inländische EU-Produktion von Gelatineprodukten (gemessen über die PRODCOM-Daten) erheblich. Die Produktionsmenge stieg von 137,9 Mio. kg (2015) auf 335,8 Mio. kg (2025) — ein Anstieg von 143,5 %. Der Produktionswert erhöhte sich von 765,7 Mio. EUR auf 1.517,7 Mio. EUR (+98,2 %). Diese Dynamik spiegelt die steigende Nachfrage nach Gelatine in der Lebensmittelindustrie (Süßwaren, Milchprodukte), der Pharmazie (Kapseln) und der Technik wider. Die Tatsache, dass die Produktion stärker wuchs als die Exporte, deutet darauf hin, dass ein wachsender Teil der Produktion den europäischen Binnenmarkt bedient.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Produktionsmenge (Mio. kg) | 137,9 | 335,8 | +143,5 % |
| Produktionswert (Mio. EUR) | 765,7 | 1.517,7 | +98,2 % |
Die Produktionsvolumina zeigen, dass die EU weiterhin ein bedeutender globaler Produzent ist, mit Deutschland, Frankreich und Belgien als Kernländern der europäischen Gelatineindustrie.
3.2 Deutschland, Frankreich und Belgien dominieren die EU-weite Spezialisierung
Die Analyse der Spezialisierungsindizes im Jahr 2025 zeigt eine klare Rangfolge innerhalb der EU:
| Mitgliedstaat | RSCA | RCA | Anteil an EU-Produktion |
|---|---|---|---|
| Dänemark | 0,317 | 1,93 | 3,3 % |
| Frankreich | 0,302 | 1,87 | 14,6 % |
| Deutschland | 0,257 | 1,69 | 35,8 % |
| Belgien | 0,234 | 1,61 | 13,6 % |
| Spanien | 0,167 | 1,40 | 8,1 % |
Deutschland allein erzeugt über ein Drittel der EU-Produktion und ist sowohl der größte Exporteur als auch — seit dem untersuchten Zeitraum — der größte Importeur der EU. Dänemark weist die höchste relative Spezialisierung auf (RSCA: 0,317), was auf die Bedeutung dänischer Unternehmen wie z. B. Rousselot (Teil der Darling Ingredients Group) im globalen Gelatinemarkt zurückzuführen ist. Im Gegensatz dazu weisen Länder wie Schweden, Kroatien und Finnland praktisch keine Spezialisierung in diesem Segment auf.
3.3 Erhebliche Preisschocks bei Importen aus Argentinien und Indien
Die Volatilitätsanalyse identifiziert mehrere bemerkenswerte Schocks. Besonders hervorzuheben sind drei Ereignisse:
| Schock | Art | Richtung | Zeitpunkt | Abnormalität | Preisänderung |
|---|---|---|---|---|---|
| Argentinien | Preis | Import | 2022 | 7,1 | +39,8 % |
| Indien | Preis | Export | 2023 | 5,5 | +61,6 % |
| Indien | Preis | Import | 2023 | 5,2 | +68,9 % |
Der argentinische Preisschock bei den Importen (2022) fällt zeitlich mit der globalen Inflationswelle und steigenden Rohstoffpreisen zusammen. Die Gelatineproduktion ist rohstoffintensiv (Rinder- und Schweinehäute), und die argentinische Viehwirtschaft war durch Dürren und wirtschaftliche Instabilität betroffen. Der indische Preisschock (2023) deutet auf Lieferengpässe oder Nachfrageverschiebungen auf dem indischen Markt hin, der sowohl als Lieferant als auch als Abnehmer für die EU relevant ist.
Die höchste Volatilität (gemessen am Variationskoeffizienten) weisen bei den Importen die Handelsströme mit Mexiko (CV: 1,19) und den USA (CV: 0,60) auf, was auf gelegentlich stark schwankende Liefermengen hindeutet. Bei den Exporten zeigt sich die höchste Volatilität bei den Ausfuhren in die Ukraine (CV: 0,60) und nach Südkorea (CV: 0,49).
3.4 Frankreich verdrängte die Niederlande als zweitgrößter EU-Importeur
Innerhalb der EU verschoben sich die Importstrukturen erheblich. Deutschland verstärkte seine Position als größter EU-Importeur (von 43,9 Mio. EUR auf 117,5 Mio. EUR, +167,5 %), während Frankreich mit einem Anstieg von 5,2 Mio. EUR auf 30,2 Mio. EUR (+483,9 %) zum viertgrößten Importeur aufstieg. Im Gegensatz dazu brachen die niederländischen Importe von 27,2 Mio. EUR auf 6,5 Mio. EUR ein (−76,2 %).
| EU-Mitgliedstaat | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Deutschland | 43,9 | 117,5 | +167,5 % |
| Niederlande | 27,2 | 6,5 | −76,2 % |
| Spanien | 9,3 | 19,1 | +105,1 % |
| Frankreich | 5,2 | 30,2 | +483,9 % |
| Italien | 6,3 | 14,4 | +127,9 % |
| Belgien | 18,6 | 21,2 | +14,1 % |
| Dänemark | 5,2 | 4,9 | −6,5 % |
Auf der Reportersicht wird deutlich, dass die Importe sich innerhalb der EU stark verlagerten. Der Rückgang der Niederlande als Importeur könnte mit der Umstrukturierung von Handelskanälen oder der Verlagerung von Umschlagsaktivitäten zusammenhängen, während das starke Wachstum in Frankreich und Spanien auf eine zunehmende Nachfrage in diesen Märkten hindeutet.
Schlussfolgerung
Der EU-Gelatinemarkt (CN 3503) hat sich zwischen 2015 und 2025 in mehrfacher Hinsicht grundlegend verändert, auch wenn die EU ihre Stellung als Nettoexporteur beibehalten konnte.
Erstens hat sich das Handelsungleichgewicht erheblich verringert: Der Überschuss schrumpfte um über 60 %, da die Importe fast so stark wuchsen wie die inländische Produktion (die sich mehr als verdoppelte), während die Exporte stagnierten. Dies deutet darauf hin, dass ein wachsender Teil der EU-Nachfrage durch Importe gedeckt wird — möglicherweise aufgrund von Preisvorteilen oder der Erschließung neuer Lieferanten.
Zweitens haben sich die Handelspartnerstrukturen verschoben: Die Türkei und Argentinien sind zu bedeutenden Lieferanten aufgestiegen, während die Exporte in die Russische Föderation nach den Sanktionen kollabierten. Die traditionell starken Märkte USA und Japan blieben hingegen die tragenden Säulen der EU-Ausfuhren.
Drittens bleiben trotz dieser Veränderungen zentrale strukturelle Merkmale erhalten: Deutschland, Frankreich und Belgien dominieren weiterhin die Produktion und Spezialisierung innerhalb der EU, und der Markt zeigt eine bemerkenswerte Preisstabilität — mit Ausnahme einzelner Schocks bei Drittländerpartnern.
Die Handelsintensität der EU im Gelatinesegment stieg von 25,8 % auf 34,8 % (+35,0 %), was die zunehmende Verflechtung des EU-Marktes mit dem globalen Handel unterstreicht. Für Marktteilnehmer und politische Entscheidsträger ist insbesondere die Diversifizierung der Importquellen relevant: Der HHI für Importe sank um 38 %, was die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten reduziert und die Versorgungssicherheit erhöht.