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Marktentwicklung: Chemische Abfälle (CN 3825) — 2015–2025

Einleitung

Der Zolltarifcode 3825 umfasst ein breites Spektrum an Abfällen und Rückständen der chemischen Industrie sowie verwandter Industrien — darunter Siedlungsabfälle, Klärschlamm, klinische Abfälle, Abfälle von organischen Lösungsmitteln (halogeniert und nichthalogeniert), flüssige Abbeizmittel, Hydraulik- und Bremsflüssigkeiten sowie Gefrierschutzflüssigkeiten. Ausgenommen sind Abfälle, die überwiegend Erdöl oder Öle aus bituminösen Mineralien enthalten (Übersicht und Definitionen).

Der Handelszeitraum 2015–2025 war durch eine starke Dynamik gekennzeichnet: Die EU vergrößerte ihr Handelsdefizit bei diesem Warenbereich erheblich. Die Importe stiegen im Wert um 243,4 % (von 16,8 Mio. EUR auf 57,8 Mio. EUR), während die Exporte um 122,3 % wuchsen (von 10,7 Mio. EUR auf 23,9 Mio. EUR). Damit vertiefte sich das Handelsbilanzdefizit von −6,1 Mio. EUR auf −33,9 Mio. EUR. Die Mengenentwicklung folgte einem ähnlichen Muster: Importe wuchsen um 140,4 % (von 1,17 Mio. t auf 2,80 Mio. t), Exporte lediglich um 13,1 % (von 598.618 t auf 676.972 t).


1. Strukturelle Asymmetrie: Importwachstum übertrifft Exportentwicklung deutlich

Die Handelsbilanz hat sich kontinuierlich verschlechtert

Das Handelsbilanzdefizit der EU im Bereich CN 3825 hat sich über den gesamten Betrachtungszeitraum mehr als vervierfacht. Besonders auffällig ist der Sprung zwischen 2020 und 2022, als das Defizit von −18,5 Mio. EUR (2020) auf −49,2 Mio. EUR (2022) anstieg — den höchsten Wert im gesamten Zeitraum (Handelsübersicht).

Preis- und Mengentreiber weisen auf unterschiedliche Dynamiken hin

Die Steigerung bei den Importen lässt sich sowohl auf Mengen- als auch auf Preiseffekte zurückführen:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Importe – Volumen 1.165.734 t 2.802.656 t +140,4 %
Importe – Wert 16.817.764 EUR 57.751.888 EUR +243,4 %
Importe – Durchschnittspreis 14,43 EUR/t 20,61 EUR/t +42,8 %
Exporte – Volumen 598.618 t 676.972 t +13,1 %
Exporte – Wert 10.737.579 EUR 23.867.004 EUR +122,3 %
Exporte – Durchschnittspreis 17,94 EUR/t 35,25 EUR/t +96,6 %

Bei den Exporten stieg der Durchschnittspreis stärker als das Volumen — ein Indiz dafür, dass die EU zunehmend höherwertige Abfallfraktionen exportiert oder dass die Preise am Weltmarkt gestiegen sind. Bei den Importen hingegen war der Mengenzuwachs der dominierende Faktor, was auf eine wachsende physische Abhängigkeit von Drittlandslieferungen hindeutet.

Die COVID-19-Pandemie verursachte einen temporären Einbruch der Exportmengen

Das Exportvolumen sank 2020 auf 409.344 t — den niedrigsten Wert im gesamten Zeitraum —, erholte sich danach jedoch und erreichte 2025 mit 676.972 t einen neuen Höchststand. Die Importe blieben von der Pandemie weniger stark betroffen; das Importvolumen fiel 2020 nicht unter das Niveau von 2015.


2. Siedlungsabfälle als dominierende Produktgruppe und der Umbau der Subproduktstruktur

CN 382510 (Siedlungsabfälle) bestimmt das Handelsbild

Innerhalb der sieben Import-Unterpositionen und sieben Export-Unterpositionen dominiert die Kategorie 382510 – Siedlungsabfälle sowohl mengen- als auch wertmäßig. Im Jahr 2025 entfielen auf diese Position bei den Importen 2.216.359 t (79,1 % des Gesamtimportvolumens) im Wert von 33,5 Mio. EUR. Bei den Exporten machte sie 366.666 t (54,2 %) im Wert von 5,4 Mio. EUR aus (Produktvergleich).

Die Preise für Siedlungsabfälle sind volatil und haben sich strukturell erhöht

Der Importpreis für Siedlungsabfälle (382510) stieg von 3,72 EUR/t (2015) auf 15,13 EUR/t (2025), nach einem Höchststand von 18,74 EUR/t im Jahr 2023. Der Exportpreis lag 2025 bei 14,73 EUR/t, nachdem er 2021 mit 24,41 EUR/t einen Spitzenwert erreicht hatte. Diese Preisentwicklung spiegelt möglicherweise steigende Entsorgungskosten und regulatorische Anforderungen wider.

Weitere Subprodukte zeigen sehr unterschiedliche Verläufe

Position Beschreibung Imp. Menge 2015 (t) Imp. Menge 2025 (t) Exp. Menge 2015 (t) Exp. Menge 2025 (t)
382510 Siedlungsabfälle 813.736 2.216.359 328.808 366.666
382561 Organische Bestandteile, überwiegend 60.034 105.095 15.635 32.301
382590 Rückstände a.n.g. 216.588 362.795 15.511 206.924
382569 Sonst. chem. Abfälle 48.345 58.848 222.015 50.359
382549 Nichthalog. Lösungsmittel 12.781 33.629 3.673 5.616
382541 Halogenierte Lösungsmittel 4.252 9.353
382520 Klärschlamm 3.523 10.676 11.605 12.802

Auffällig ist die Position 382590 (Rückstände a.n.g.) bei den Exporten: Das Volumen stieg von 15.511 t (2015) auf 206.924 t (2025), was einem Anstieg von über 1.200 % entspricht. Der Exportwert dieser Position erreichte 2025 mit 10,0 Mio. EUR fast das Niveau der Siedlungsabfälle — ein deutlicher Strukturwandel.

Die Exportpreise bei nichthalogenierten Lösungsmitteln (382549) sind außergewöhnlich hoch

Mit einem Exportpreis von 538,42 EUR/t im Jahr 2025 (bei nur 5.616 t) handelt es sich um die mit Abstand teuerste Unterposition. Der Importpreis lag dagegen bei nur 93,23 EUR/t. Dies deutet darauf hin, dass die EU spezialisierte, hochwertige Lösungsmittelabfälle exportiert, während mengenmäßig günstigere Fraktionen importiert werden.


3. Geografische Konzentration und neue Handelskorridore

Das Vereinigte Königreich ist zum mit Abstand wichtigsten Importpartner aufgestiegen

Der mit Abstand dramatischste Wandel zeigt sich bei den Importen aus dem Vereinigten Königreich: Der Importwert stieg von 3,3 Mio. EUR (2015) auf 38,0 Mio. EUR (2025) — ein Plus von 1.064 %. Damit entfielen rund 65 % aller EU-Importe aus Drittländern auf das UK (Handelspartner). Diese Entwicklung ist eng mit dem Brexit verknüpft: Seit dem Austritt des UK aus dem EU-Binnenmarkt am 1. Februar 2020 werden Abfallströme, die zuvor als innergemeinschaftlicher Handel erfasst wurden, als Drittlandshandel ausgewiesen. Die hohe Volatilität (Variationskoeffizient von 1,04) unterstreicht die Sprunghaftigkeit dieser Umstellung.

Die Schweiz bleibt der stabilste bilaterale Handelspartner

Sowohl bei Importen als auch bei Exporten belegt die Schweiz vordere Plätze. Der Importwert verdoppelte sich von 4,3 Mio. EUR auf 9,1 Mio. EUR (+109 %), der Exportwert stieg von 3,9 Mio. EUR auf 7,6 Mio. EUR (+92,9 %). Mit einem Variationskoeffizienten von lediglich 0,11 bei den Exporten ist die Schweiz das stabilste Handelsverhältnis in diesem Segment — ein Ausdruck der engen geografischen und regulatorischen Verflechtung (Volatilität).

Die Ukraine ist als Exportziel explosionsartig gewachsen

Die EU-Exporte in die Ukraine stiegen von 4.750 EUR (2015) auf 7,2 Mio. EUR (2025) — eine Steigerung um über 151.000 %. Diese Entwicklung korreliert mit dem Beginn des russischen Angriffskriegs im Februar 2022 und dem damit verbundenen Bedarf an Entsorgungskapazitäten sowie der Zerstörung ukrainischer Infrastruktur. Der Variationskoeffizient von 1,68 bei den Exporten in die Ukraine spiegelt die damit einhergehende extreme Instabilität wider.

Die Herkunftskonzentration der Importe hat sich stark erhöht

Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe nach Wert stieg von 2.120 (2015) auf 4.681 (2025) — eine Zunahme um 120,8 %. Dies signalisiert eine erheblich höhere Konzentration der Importe auf wenige Partner, primär bedingt durch den dominanten Anteil des UK (Konzentrationsanalyse). Der Export-HHI stieg moderater von 2.105 auf 2.796 (+32,8 %).

Innerhalb der EU haben sich Schweden, Lettland und Irland zu den wichtigsten Importeuren entwickelt

EU-Mitgliedstaat Importwert 2015 (EUR) Importwert 2025 (EUR) Veränderung
Schweden 93.911 11.559.728 +12.209 %
Lettland 53.061 7.575.403 +14.177 %
Irland 218.931 8.946.342 +3.986 %
Niederlande 277.159 3.432.116 +1.138 %
Deutschland 4.642.913 5.755.529 +24,0 %

Besonders bemerkenswert ist der Anstieg bei Schweden, Lettland und Irland — drei Ländern, die 2015 noch marginale Importeure waren. Deutschland blieb zwar absolut ein wichtiger Markt, verlor aber relativ an Bedeutung (EU-Mitgliedstaaten).

Polen und Irland haben sich zu neuen Exportnationen entwickelt

Auf der Exportseite haben sich die Machtverhältnisse ebenfalls verschoben:

EU-Mitgliedstaat Exportwert 2015 (EUR) Exportwert 2025 (EUR) Veränderung
Polen 2.632 7.040.946 +267.420 %
Frankreich 472.261 3.253.556 +589 %
Irland 772 3.338.893 +432.399 %
Italien 976.462 2.783.322 +185 %
Deutschland 5.445.039 2.710.629 −50,2 %
Niederlande 956.067 372.254 −61,1 %

Deutschland, das 2015 mit 5,4 Mio. EUR der größte EU-Exporteur war, sank 2025 auf den fünften Rang. Polen und Irland stiegen dagegen von marginalen Werten auf Exportvolumina von jeweils über 3 Mio. EUR bzw. 7 Mio. EUR. Diese Verschiebung könnte auf Verlagerungen der Entsorgungsinfrastruktur, veränderte regulatorische Rahmenbedingungen oder Standortvorteile im Rahmen der Kreislaufwirtschaft hindeuten.

Spezialisierungsmuster zeigen klare Exportnischen

Der RCA/Spezialisierungsindex (RSCA) für 2025 zeigt, dass Lettland (RSCA: 0,935), Dänemark (0,729), Finnland (0,703) und Bulgarien (0,554) eine überproportionale Spezialisierung im Export von CN 3825 aufweisen — obwohl ihre absoluten Handelswerte klein sind. Litauen, Ungarn und Malta exportieren hingegen praktisch keine Produkte dieser Kategorie (Spezialisierung).


Schluss

Der EU-Handel mit chemischen Abfällen (CN 3825) hat sich zwischen 2015 und 2025 fundamental verändert. Drei zentrale Entwicklungen prägen das Bild:

Erstens hat sich die EU-Handelsbilanz bei diesem Segment erheblich verschlechtert — das Defizit verfünffachte sich nahezu auf −33,9 Mio. EUR, getrieben vor allem durch massiv gestiegene Importe von Siedlungsabfällen.

Zweitens ist die geografische Struktur des Handels durch den Brexit und den Ukraine-Krieg stark umgezeichnet worden. Das Vereinigte Königreich wurde zum dominierenden Importpartner, während die Ukraine zu einem der wichtigsten Exportziele avancierte. Gleichzeitig haben ost- und nordeuropäische Mitgliedstaaten wie Polen, Lettland und Schweden stark an Bedeutung gewonnen, während traditionelle Zentren wie Deutschland und die Niederlande an relativer Bedeutung verloren.

Drittens zeigt sich ein Strukturwandel innerhalb der Produktsegmente: Neben den weiterhin dominanten Siedlungsabfällen gewinnen die Positionen 382590 (Rückstände a.n.g.) bei den Exporten und 382541 (halogenierte Lösungsmittel) stark an Bedeutung — sowohl mengen- als auch wertmäßig.

Die steigende Konzentration der Importe (HHI-Verdopplung) birgt strategische Risiken für die EU-Abfallwirtschaft und unterstreicht die Notwendigkeit diversifizierter Lieferbeziehungen sowie ausreichender innergemeinschaftlicher Verarbeitungskapazitäten.

Erstellt am 2026-08-07. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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