Marktentwicklung: Baumwollstrümpfe (CN 611595) — 2015–2025
Einleitung
Der Zolltarifcode 611595 erfasst Strümpfe, Kniestrümpfe, Socken und andere Strumpfwaren aus Baumwolle (ausschließlich Produkte mit degressiver Kompression, Strumpfhosen, Damenstrümpfe mit einem Garn-Titer unter 67 dtex sowie Strumpfwaren für Kleinkinder). Dieses Segment gehört zur Familie der Kleidung und Bekleidungszubehör aus Gewirken oder Gestricken (KN 61). Der vorliegende Bericht analysiert die EU-Handelsentwicklung im Zeitraum 2015 bis 2025 und beleuchtet die wesentlichen strukturellen Veränderungen bei Importen, Exporten, Handelspartnern sowie Preis- und Volatilitätsdynamiken.
1. Wachsendes Handelsdefizit und steigende Importabhängigkeit
Das Handelsdefizit hat sich in zehn Jahren um fast 50 % vertieft
Der EU-Außenhandel mit Baumwollstrümpfen ist durch ein beständig wachsendes Defizit gekennzeichnet. Der Handelsbilanzsaldo (Wert in EUR) verschlechterte sich von −846,8 Mio. EUR (2015) auf −1.258,7 Mio. EUR (2025), was einer Verschlechterung um 48,6 % entspricht. Im Tiefpunkt lag das Defizit bei −1.455,8 Mio. EUR. Die Handelsbilanz im Überblick zeigt, dass diese Dynamik kontinuierlich verlief.
Die Netto-Importabhängigkeit hat sich mehr als verdoppelt
Der Netto-Importabhängigkeitsindikator stieg von 21,4 % (2015) auf 53,5 % (2025) — eine Steigerung um 150,2 %. Dies bedeutet, dass die EU heute mehr als die Hälfte ihres Baumwollstrumpf-Bedarfs über Importe aus Drittländern deckt. Der Höchstwert wurde mit 58,2 % erreicht.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Handelsbilanz (Mio. EUR) | −846,8 | −1.258,7 | −48,6 % |
| Netto-Importabhängigkeit (%) | 21,4 | 53,5 | +150,2 % |
| Handelsintensität (%) | 40,5 | 74,5 | +83,8 % |
| Exportquote (%) | 15,3 | 35,9 | +135,2 % |
Die EU-Produktion von Baumwollstrümpfen ist dramatisch eingebrochen
Hinter der steigenden Importabhängigkeit steht ein massiver Rückgang der heimischen Produktionsvolumina. Die Produktion in Stück (Paar) fiel von 1,42 Mrd. Paar (2015) auf lediglich 445,8 Mio. Paar (2025) — ein Rückgang um 68,5 %. Der Produktionswert hingegen sank nur um 4,0 % (von 1,47 Mrd. EUR auf 1,41 Mrd. EUR), was auf eine deutliche Verschiebung hin zu höherwertigen Produkten oder gestiegene Produktionskosten hindeutet. Die EU produziert also weniger, aber zu höheren Preisen pro Paar.
Importe wachsen sowohl mengen- als auch wertmäßig stark
Die EU-Importe stiegen im Wert von 999,0 Mio. EUR auf 1.488,6 Mio. EUR (+49,0 %) und in der Menge (Nettogewicht) von 105.305 t auf 173.924 t (+65,2 %). In Paaren ausgedrückt wuchsen die Importe von 2,09 Mrd. auf 3,11 Mrd. Paar (+48,5 %). Die Exporte stiegen im Wert von 152,2 Mio. EUR auf 230,0 Mio. EUR (+51,1 %), allerdings sank die exportierte Menge um 9,5 % — ein Zeichen dafür, dass EU-Exporte zunehmend in höherpreisigen Segmenten positioniert sind.
2. Verschiebungen bei Handelspartnern und geografische Diversifizierung
China und die Türkei dominieren die Importseite, aber neue Akteure gewinnen an Bedeutung
Die Partneranalyse nach Warenwert zeigt, dass China mit einem Importwert von 608,7 Mio. EUR (2025) mit Abstand der wichtigste Lieferant bleibt — ein Plus von 62,2 % gegenüber 2015. Die Türkei folgt mit 431,7 Mio. EUR (+24,8 %). Beide Länder zusammen decken rund zwei Drittel der EU-Importe ab.
| Lieferant | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| China | 375,4 | 608,7 | +62,2 % |
| Türkiye | 345,9 | 431,7 | +24,8 % |
| Pakistan | 83,6 | 193,2 | +131,1 % |
| Indonesien | 74,0 | 49,4 | −33,2 % |
| Vietnam | 3,6 | 38,6 | +959,7 % |
| Vereinigtes Königreich | 38,9 | 10,6 | −72,9 % |
| Indien | 15,6 | 15,4 | −1,3 % |
Pakistan und Vietnam sind die dynamischsten Wachstumsmärkte
Pakistan verdoppelte seine Exporte in die EU von 83,6 Mio. EUR auf 193,2 Mio. EUR (+131,1 %) und ist damit zum drittwichtigsten Lieferanten aufgestiegen. Der spektakulärste Zuwachs gelang jedoch Vietnam: Die Importe aus Vietnam stiegen von nur 3,6 Mio. EUR auf 38,6 Mio. EUR — eine Steigerung um 959,7 %. Dies spiegelt den allgemeinen Trend der Diversifierung asiatischer Textil-Lieferketten wider.
Der Brexit hat den Handel mit dem Vereinigten Königreich stark verändert
Der Austritt des Vereinigten Königreichs aus dem EU-Binnenmarkt hat die Handelsströme erheblich beeinflusst. Die EU-Importe aus dem UK sanken von 38,9 Mio. EUR auf 10,6 Mio. EUR (−72,9 %), während die EU-Exporte in das UK von 67,0 Mio. EUR auf 40,5 Mio. EUR (−39,5 %) fielen. Der Volatilitätskoeffizient der UK-Importe ist mit 1,60 der höchste aller Partner — ein Ausdruck der durch den Brexit verursachten strukturellen Brüche.
Auf der Exportseite gewinnen die Schweiz, Bosnien-Herzegowina und Nordeuropa an Gewicht
| Bestimmungsland | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 67,0 | 40,5 | −39,5 % |
| Schweiz | 23,7 | 58,9 | +149,2 % |
| Bosnien-Herzegowina | 0,7 | 32,7 | +4.459,8 % |
| Russische Föderation | 11,2 | 13,0 | +16,0 % |
| Norwegen | 4,5 | 15,0 | +233,8 % |
| Serbien | 3,2 | 7,0 | +121,2 % |
| USA | 9,9 | 11,4 | +14,4 % |
Die Schweiz ist zum wichtigsten Exportmarkt der EU aufgestiegen (58,9 Mio. EUR), was den engen Wirtschaftsverflechtungen und der Kaufkraft des Schweizer Marktes geschuldet ist. Der außergewöhnliche Anstieg der Exporte nach Bosnien-Herzegowina (+4.459,8 %) dürfte mit der Integration dieses Landes in EU-Lieferketten (Outward Processing Traffic) zusammenhängen. Die Exporte nach Norwegen wuchsen ebenfalls stark (+233,8 %), was auf die Bedeutung des EWR-Marktes für Premium-Produkte hindeutet.
Die Exportkonzentration ist deutlich gesunken, die Importkonzentration bleibt hoch
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Exporte fiel von 2.321 auf 1.311 (−43,5 %), was eine breitere Streuung der Exportmärkte signalisiert. Bei den Importen blieb der HHI mit 2.870 relativ unverändert (+4,0 %) — die EU bezieht Baumwollstrümpfe weiterhin aus wenigen konzentrierten Quellmärkten, was potenzielle Lieferrisiken birgt.
Innerhalb der EU zeigt sich eine klare Spezialisierungspyramide
Die Spezialisierungsanalyse (RSCA) für 2025 zeigt, dass Kroatien (RSCA: 0,77), Portugal (0,43), Belgien (0,30) und die Niederlande (0,29) die stärkste komparative Spezialisierung im Baumwollstrumpf-Segment aufweisen. Kroatien hat zudem als EU-Exporteur eine dramatische Aufholjagd vollzogen: Die Exporte stiegen von 0,3 Mio. EUR auf 36,6 Mio. EUR (+12.919 %). Am anderen Ende der Skala weisen Irland, Malta und Finnland die geringste Spezialisierung auf.
3. Preisdynamik, Lieferketten-Schocks und Volatilität
Die Schere zwischen Export- und Importpreisen hat sich weit geöffnet
Ein zentrales Merkmal der Marktentwicklung ist die zunehmende Preisdifferenz. Der durchschnittliche Exportpreis (pro Tonne) stieg von 18.142 EUR/t auf 30.288 EUR/t (+67,0 %), während der Importpreis von 9.486 EUR/t auf 8.558 EUR/t (−9,8 %) sank. Pro Paar betragen die Exportpreise 1,48 EUR/Paar und die Importpreise 0,48 EUR/Paar. Dies unterstreicht die Positionierung der EU als Exporteur von hochwertigen Nischenprodukten (z. B. medizinische Kompressionsstrümpfe, Premium-Marken) und als Importeur von Massenware.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportpreis (EUR/t) | 18.142 | 30.288 | +67,0 % |
| Importpreis (EUR/t) | 9.486 | 8.558 | −9,8 % |
| Exportpreis (EUR/Paar) | 1,04 | 1,48 | +42,4 % |
| Importpreis (EUR/Paar) | 0,48 | 0,48 | +0,3 % |
Drei wesentliche Preisschocks prägen den Zeitraum
Die Analyse von Lieferketten-Schocks identifiziert drei signifikante Ereignisse:
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Russland-Exportpreisschock 2022 (Abnormalität: 7,1σ, Preissprung: +55,0 %): Die Sanktionen nach dem russischen Überfall auf die Ukraine führten zu einem drastischen Anstieg der Exportpreise in die Russische Föderation. Trotz der Sanktionen bestehen offensichtlich weiterhin Handelsströme, die zu stark verzerrten Preisen abgewickelt werden.
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Bosnien-Herzegowina-Preisschock 2018 (Abnormalität: 6,3σ, Preissprung: +44,3 %): Der rasante Aufbau der Exportbeziehungen zu Bosnien-Herzegowina ging mit einem sprunghaften Preisanstieg einher, der mit der Integration in EU-Näherei-Lieferketten zusammenhängen dürfte.
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China-Importpreisschock 2022 (Abnormalität: 3,2σ, Preissprung: +30,6 %): Die Lieferkettenstörungen infolge der chinesischen Null-Covid-Politik und die gestiegenen Frachtkosten führten zu einem temporären Preisanstieg bei Importen aus China — dem mit 45,8 % Anteil wichtigsten Lieferanten.
Pakistan zeigt die höchste Volatilität unter den wichtigsten Lieferanten
Der Volatilitätskoeffizient (CV) misst die Schwankungsintensität der Handelsströme. Auf der Importseite weisen neben dem bereits erwähnten UK (CV: 1,60) auch Kambodscha (0,99), Myanmar (0,91), Vietnam (0,67) und Sri Lanka (0,66) hohe Volatilitätswerte auf. Diese Länder sind als neuere, kleinere Lieferanten naturgemäß stärkeren Schwankungen unterworfen. China (CV: 0,15) und die Türkei (CV: 0,10) als etablierte Großlieferanten zeigen dagegen sehr stabile Handelsströme.
Auf der Exportseite ist die Volatilität bei Bosnien-Herzegowina (CV: 0,91) am höchsten — ein Reflex des raschen Handelsaufbaus. Die Schweiz (CV: 0,20) als wichtigster Exportmarkt zeigt hingegen eine bemerkenswert stabile Nachfrage.
Die polnischen Importe sind das am stärksten gewachsene Binnenmarkt-Phänomen
Innerhalb der EU-Mitgliedstaaten ragt Polen als Importeur besonders heraus: Die Einfuhren stiegen von 16,6 Mio. EUR auf 99,6 Mio. EUR (+498,0 %). Dies reflektiert Polens Rolle als aufstiegender Konsummarkt in der EU sowie möglicherweise die verstärkte Nutzung als Umschlagplatz für Drittland-Ware. Auch die Niederlande (+62,7 %), Spanien (+54,7 %) und Italien (+50,9 %) verzeichneten überdurchschnittliche Importzuwächse.
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für Baumwollstrümpfe (KN 611595) durchlebt einen tiefgreifenden Strukturwandel. Die heimische Produktion ist in zehn Jahren um fast 70 % (gemessen in Paaren) eingebrochen, was zu einer Verdopplung der Netto-Importabhängigkeit auf über 53 % geführt hat. Die EU positioniert sich zunehmend als Hochpreis-Exporteur (durchschnittlich 1,48 EUR/Paar) und Niedrigpreis-Importeur (0,48 EUR/Paar) — ein Muster, das typisch für fortgeschrittene Volkswirtschaften in reifer Textilindustrie ist.
China und die Türkei bleiben die dominierenden Lieferanten, doch die Diversifierung schreitet voran: Pakistan und Vietnam sind die am schnellsten wachsenden Quellmärkte. Der Brexit hat den bilateralen Handel mit dem Vereinigten Königreich nachhaltig gestört. Auf der Exportseite profitieren vor allem die Schweiz und das westliche Balkangebiet (insbesondere Bosnien-Herzegowina und Serbien).
Die identifizierten Preisschocks — Sanktionen gegen Russland, Covid-bedingte Lieferkettenstörungen in China und der rasante Handelsaufbau mit Bosnien-Herzegowina — unterstreichen die Anfälligkeit des Marktes für geopolitische und logistische Ereignisse. Angesichts der hohen Importkonzentration (HHI ≈ 2.870) und der steigenden Abhängigkeit von Drittländern bleibt die Versorgungssicherheit der EU ein strategischer Beobachtungspunkt für die kommenden Jahre.