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Marktentwicklung: Organische Thioverbindungen (ausg. Thio- und Dithiocarbamate, Thiurammono-, -di- oder -tetrasulfide, Methionin, 2-(N,N-Diethylamino)ethanethiol, Bis(2-hydroxyethyl)sulfid (Thiodiglycol) (INN)), Aldicarb (ISO), Captafol [ISO], Methamidophos [ISO] und 2-(N,N-Dimethylamino)ethanthiol) (CN 293090) — 2015–2025

Einleitung

Der Zollcode 293090 fasst eine heterogene Gruppe organischer Schwefelverbindungen zusammen — darunter Cystein und seine Derivate, DL-2-Hydroxy-4-„methylthio"buttersäure (eine Methionin-Alternative in der Tierernährung), Thioether-Antioxidantien sowie diverse sonstige organothiochemische Spezialitäten. Der Code ist als Restposition innerhalb der Unterposition 2930 (organische Thioverbindungen) definiert, nachdem Produkte wie Methionin (293040), Thiocarbamate (293020) oder bestimmte PSM-Wirkstoffe (293080) ausgenommen wurden.

Im Zeitraum 2015 bis 2025 bewegte sich der EU-Außenhandel mit diesen Erzeugnissen in einem Volumenbereich von rund 450 bis 800 Mio. Euro jährlich und war geprägt von mehreren einschneidenden Ereignissen: der Covid-19-Pandemie (2020), dem Energiepreisschock 2022, geopolitischen Sanktionen gegenüber Russland sowie dem nachhaltigen Strukturwandel durch den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU. Der vorliegende Bericht analysiert die wichtigsten Handelsdynamiken, die geografische Neuorientierung der Handelsströme und die sich wandelnde Marktstruktur der EU in diesem Segment.


1. Gesamthandel im Wandel: Volumenwachstum bei Imports, Exportrückgang und ein sich vergrößerndes Defizit

Der EU-Außenhandelsüberschuss verwandelte sich in ein wachsendes Defizit

Im Jahr 2015 betrug das Handelsbilanzdefizit der EU im Segment 293090 rund −81 Mio. Euro. Bis 2025 weitete sich dieser Saldo auf −130 Mio. Euro aus (Verschlechterung um 60,7 %). Die Ursache liegt in einer gegenläufigen Entwicklung: Während die Einfuhren in Tonnen um 28,2 % stiegen (von 104.336 t auf 133.763 t), sanken die Ausfuhren um 7,0 % (von 98.789 t auf 91.875 t).

Kennzahl 2015 2022 (Peak) 2025 Veränderung 2015→2025
Ausfuhren (Mio. €) 551,9 599,6 493,7 −10,5 %
Einfuhren (Mio. €) 633,1 800,6 624,2 −1,4 %
Ausfuhrmenge (t) 98.789 102.438 91.875 −7,0 %
Einfuhrmenge (t) 104.336 117.276 133.763 +28,2 %
Handelsbilanz (Mio. €) −81,2 −201,0 −130,5 −60,7 %

Der Preis-Schock von 2022 und seine Nachwirkungen

Das Jahr 2022 markierte einen deutlichen Wendepunkt. Die Einfuhren erreichten mit 800,6 Mio. Euro einen historischen Höchststand — getrieben durch den starken Anstieg der Energie- und Rohstoffkosten nach dem russischen Überfall auf die Ukraine. Parallel dazu sank der EU-Produktionswert (basierend auf PRODCOM-Daten) keineswegs, sondern explodierte: von 756 Mio. Euro (2020) auf 1.200 Mio. Euro (2022) bei nahezu konstanter Menge (320.000 bis 326.000 t). Dies weist darauf hin, dass der Preisanstieg weitgehend als Kostendurchreichung zu interpretieren ist. Ab 2023 normalisierten sich die Preise wieder, blieben aber über dem Vorkrisenniveau: Der durchschnittliche Einfuhrpreis sank von einem Spitzenwert von ca. 6.820 €/t (2022 geschätzt) auf 4.664 €/t im Jahr 2025, lag damit aber immer noch unter dem Ausgangsniveau von 2015 (6.067 €/t).

Die Preisdynamik divergiert zwischen Ein- und Ausfuhren

Ein auffälliges Merkmal des Untersuchungszeitraums ist die asymmetrische Preisentwicklung. Der durchschnittliche Ausfuhrpreis sank zwischen 2015 und 2025 um lediglich 3,9 % (von 5.585 €/t auf 5.369 €/t), während der Einfuhrpreis um 23,1 % fiel (von 6.067 €/t auf 4.664 €/t). Dies deutet darauf hin, dass die EU ihre Exporte zunehmend in höherwertigen Produktsegmenten positioniert, während die Einfuhren verstärkt aus kostengünstigeren Quellen bezogen werden. Die Preiskonvergenz zwischen Ein- und Ausfuhrpreisen — die 2015 noch bei rund 500 €/t Differenz lag — hat sich 2025 auf nur noch ca. 700 €/t erhöht, wobei die Einfuhren nunmehr günstiger sind als die Ausfuhren.


2. Geopolitische Umbrüche und geografische Verschiebungen der Handelspartner

China festigt seine Position als wichtigster Einfuhrpartner der EU

Die mit Abstand dynamischste Entwicklung vollzog sich im Handel mit China. Die EU-Einfuhren aus China stiegen von 174,3 Mio. Euro (2015) auf 250,4 Mio. Euro (2025) — ein Plus von 43,7 %. Noch eindrucksvoller ist die Mengenentwicklung: Die importierte Menge aus China wuchs von 24.250 t auf 62.353 t, was einer Steigerung von 157 % entspricht. China hat damit seinen Anteil an den EU-Einfuhren in diesem Segment erheblich ausgebaut. Im selben Zeitraum sank der durchschnittliche Einfuhrpreis aus China kontinuierlich, was auf eine starke preisliche Wettbewerbsfähigkeit der chinesischen Anbieter hindeutet.

Partner Einfuhren 2015 (Mio. €) Einfuhren 2025 (Mio. €) Veränderung Menge 2015 (t) Menge 2025 (t)
China 174,3 250,4 +43,7 % 24.250 62.353
USA 154,5 155,4 +0,5 % 47.027 46.714
Indien 93,1 82,9 −11,0 % 7.478 7.658
Japan 56,6 44,6 −21,1 % 7.412 6.238
Israel 9,8 26,2 +166,2 % 1.757 4.008
Vereinigtes Königreich 63,0 6,2 −90,1 % 9.325 407
Südkorea 18,9 4,1 −78,4 % 2.695 859

Der Brexit-Effekt: Zusammenbruch des Handels mit dem Vereinigten Königreich

Eine der gravierendsten strukturellen Veränderungen war der Einbruch des Handels mit dem Vereinigten Königreich. Die EU-Einfuhren aus dem VK fielen von 63,0 Mio. Euro (2015) auf 6,2 Mio. Euro (2025) — ein Rückgang von 90,1 %. Mengenmäßig brachen die Importe von 9.325 t auf lediglich 407 t ein. Der Koeffizient der Variation (CV) der Importmengen aus dem VK liegt bei 0,93 und damit weit über dem Durchschnitt anderer Partner, was die extreme Volatilität dieser Handelsbeziehung nach dem Brexit widerspiegelt. Parallel dazu sanken auch die EU-Ausfuhren ins VK von 46,6 Mio. Euro auf 42,9 Mio. Euro (−8,1 %), doch dieser Rückgang war deutlich moderater — das VK bleibt ein relevanter Absatzmarkt, auch wenn die Handelsreibung gestiegen ist.

Russland: Sanktionsbedingter Exportkollaps

Der Handel mit Russland zeigt eines der dramatischsten Schockereignisse im gesamten Untersuchungszeitraum. Die EU-Ausfuhren nach Russland lagen zwischen 2015 und 2021 relativ stabil bei rund 3.800 bis 4.900 t jährlich. Nach dem Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine im Februar 2022 sank die Menge 2022 bereits auf 1.319 t und brach 2023 auf 78 t ein — ein Rückgang von 99 % gegenüber dem Basiswert. 2024 und 2025 waren praktisch keine Ausfuhren mehr zu verzeichnen. Der verbliebene Mindesthandel zu extrem hohen Preisen (2023: 22.430 €/t vs. Baseline ca. 3.279 €/t) dürfte auf Restmengen mit Sondergenehmigungen oder Umklassifizierungen zurückzuführen sein. Das Schockereignis wird im Datenmaterial als Exit mit einer Abnormalität von 8,4 klassifiziert.

Israel als wachsender Lieferant und Südkorea als schrumpfende Quelle

Zwei weitere bemerkenswerte Entwicklungen betreffen Israel und Südkorea. Die EU-Einfuhren aus Israel stiegen von 9,8 Mio. Euro (2015) auf 26,2 Mio. Euro (2025) — ein Plus von 166,2 %. Die Mengenentwicklung war dabei stark schwankend (CV = 0,43), mit einem Spitzenwert von 4.385 t im Jahr 2022 und einem Einbruch auf 1.059 t im Jahr 2023. Umgekehrt sanken die Einfuhren aus Südkorea von 18,9 Mio. Euro auf 4,1 Mio. Euro (−78,4 %), mit einer kontinuierlichen Abwärtsentwicklung ab 2017. Der hohe CV von 0,40 bei den südkoreanischen Importen bestätigt die zunehmende Irrelevanz dieser Quelle.

Umverteilung innerhalb der EU: Deutschland verliert, Südeuropa und Irland gewinnen

Auch innerhalb der EU verschoben sich die Handelsströme erheblich:

EU-Mitgliedstaat Einfuhren 2015 (Mio. €) Einfuhren 2025 (Mio. €) Δ Ausfuhren 2015 (Mio. €) Ausfuhren 2025 (Mio. €) Δ
Deutschland 195,5 123,2 −37,0 % 221,7 124,0 −44,1 %
Belgien 170,6 118,4 −30,6 % 119,0 122,1 +2,7 %
Frankreich 61,8 61,9 +0,2 % 65,7 86,6 +31,7 %
Niederlande 39,3 70,4 +79,3 % 29,3 20,5 −30,1 %
Spanien 41,7 59,1 +41,6 % 14,3 43,1 +200,7 %
Irland 12,3 36,1 +193,0 %
Italien 61,1 62,0 +1,5 % 50,5 50,2 −0,4 %

Deutschland, 2015 noch mit Abstand der größte Ein- und Ausführer innerhalb der EU, verlor in beiden Dimensionen stark an Boden. Die deutschen Exporte fielen um 44,1 % — der stärkste Rückgang aller großen EU-Länder. Gleichzeitig stiegen die Einfuhren und Ausfuhren Spaniens um 41,6 % bzw. 200,7 %, was auf eine zunehmende Bedeutung iberischer Produktions- und Logistikstandorte hindeutet. Irland verzeichnete bei den Einfuhren ein Plus von 193 % — ein Zusammenhang, der möglicherweise mit der Pharmazie- und Biotechnologiesektor des Landes zusammenhängt, in dem Schwefelverbindungen als Synthesebausteine verwendet werden.


3. Marktstruktur, Konzentration und strategische Verwundbarkeit

Zunehmende Konzentration der Handelsbeziehungen

Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) als Maß für die Konzentration der Handelspartner stieg bei den Einfuhren von 1.828 (2015) auf 2.496 (2025) — eine Steigerung von 36,5 %. Damit hat sich der Markt von einem moderat konzentrierten zu einem hoch konzentrierten Zustand bewegt (ein HHI über 2.500 gilt gemeinhin als hochkonzentriert). Die Ursache liegt im oben beschriebenen Aufstieg Chinas als dominantem Lieferanten: Chinas Anteil an den gesamten Extra-EU-Einfuhren stieg von 27,5 % (2015) auf 40,1 % (2025). Die drei größten Einfuhrquellen (China, USA, Indien) kontrollierten 2025 zusammen rund 78 % des Marktes.

Jahr HHI Einfuhren HHI Ausfuhren
2015 1.828 1.151
2018 1.809 1.082
2020 2.030 1.159
2022 2.260 1.417
2025 2.496 1.557

Auch bei den Ausfuhren nahm die Konzentration zu (HHI von 1.151 auf 1.557, +35,2 %), was den schwindenden Einfluss Russlands und die zunehmende Fokussierung auf die USA als Hauptabnehmer erklärt. Die USA nahmen 2025 rund 34,5 % der EU-Ausfuhren ab.

Spezialisierungsmuster innerhalb der EU

Die Analyse der Spezialisierung im Jahr 2025 zeigt ein klares Muster: Belgien weist mit einem RCA von 4,29 und einem RSCA von 0,62 die mit Abstand höchste Spezialisierung auf — das Land produziert einen überproportional großen Anteil des EU-weiten Outputs in diesem Segment (36,3 % der EU-Produktion). Frankreich folgt mit RCA 2,16 und RSCA 0,37. Deutschland hingegen, obwohl mit 16,0 % Produktionsanteil zweitgrößter Hersteller, zeigt einen RCA von lediglich 0,75 und einen negativen RSCA (−0,14), was bedeutet, dass die Produktion organischer Thioverbindungen im Verhältnis zur gesamten deutschen Chemieindustrie unterdurchschnittlich ist.

Sinkende Nettound-Exportquote und veränderte Verwundbarkeitsindikatoren

Die Nettoimportabhängigkeit der EU lag im Zeitraum 2015–2024 zwischen leicht positiven und leicht negativen Werten (2015: +4,2 %; 2020: +10,1 %; 2022: +14,5 %; 2024: +17,5 %). Der positive und steigende Wert bedeutet, dass die EU netto auf Importe angewiesen ist — wobei sich die Abhängigkeit zwischen 2015 und 2024 mehr als vervierfacht hat.

Gleichzeitig sank die Exportneigung — der Anteil der Produktion, der exportiert wird — von 69,7 % (2015) auf 58,5 % (2024). Dieser Rückgang um 81,7 % relativ zum Ausgangswert deutet darauf hin, dass die EU zunehmend Teile ihrer Produktion im Binnenmarkt absorbiert oder dass die Exportpreiswettbewerbsfähigkeit nachgelassen hat. Der Indikator Handelsintensität blieb hingegen mit rund 74–77 % über den gesamten Zeitraum relativ stabil.

Produktsegmentstruktur und Reklassifizierung 2025

Die Aufschlüsselung nach Unterpositionen zeigt, dass die Position 29309030 (DL-2-Hydroxy-4-„methylthio"buttersäure) sowohl bei Ein- als auch Ausfuhren das mengenmäßig dominierende Produkt darstellt. Im Import machte sie 2015–2024 durchgehend den Großteil der gemeldeten Mengen aus (2015: 40.468 t; 2024: 50.598 t). Im Jahr 2025 trat jedoch erstmals die Restposition 29309095 (sonstige organische Thioverbindungen) mit 66.333 t (Import) bzw. 75.766 t (Export) und einem Importwert von 439,7 Mio. Euro in Erscheinung. Dieser sprunghafte Anstieg dürfte auf eine tariffäre Reklassifizierung oder eine veränderte Deklarationspraxis zurückzuführen sein und erschwert die Vergleichbarkeit mit den Vorjahren. Ebenfalls neu im Jahr 2025: die Position 29309080 (Phorat, ein Insektizid) mit geringen Mengen (78 t Import, 18 t Export).


Schlussfolgerung

Der EU-Außenhandel mit organischen Thioverbindungen (KN 293090) durchlief im Zeitraum 2015–2025 eine Phase tiefgreifender struktureller Veränderungen. Drei zentrale Dynamiken lassen sich zusammenfassen:

Erstens hat sich die Handelsbilanz trotz weitgehend stabiler Gesamthandelsvolumina (Importe + Exporte zusammen bewegten sich zwischen rund 1,1 und 1,4 Mrd. Euro) kontinuierlich zugunsten der Einfuhren verschoben. Die EU wird in diesem Segment zunehmend importabhängig — die Nettoimportabhängigkeit stieg von 4 % auf fast 18 %.

Zweitens haben geopolitische Ereignisse die geografische Struktur der Handelsströme nachhaltig verändert. Der Brexit reduzierte den Handel mit dem VK um rund 90 %; Sanktionen gegen Russland führten zum vollständigen Exportkollaps; China baute seine Position als dominierender Lieferant massiv aus und nähert sich einem Marktanteil von 40 %. Innerhalb der EU verschoben sich die Aktivitäten von Deutschland — sowohl bei Ein- als auch Ausfuhren — in Richtung Spanien, Frankreich und die Niederlande.

Drittens nahm die Marktkonzentration sowohl bei Ein- als auch Ausfuhren deutlich zu. Die Abhängigkeit von wenigen Partnern — insbesondere China bei den Einfuhren und den USA bei den Ausfuhren — birgt mittelfristig strategische Risiken, sollte es zu Handelskonflikten oder Lieferunterbrechungen kommen. Die EU-Produktion blieb mengenmäßig relativ stabil, doch der extreme Preisanstieg 2022 (Produktionswert: 1,2 Mrd. Euro) hat die Kostenseite nachhaltig belastet. Die im Jahr 2025 beobachtete Reklassifizierung innerhalb des Zollcodes 293090 erschwert zudem die fortlaufende Marktbeobachtung und sollte bei künftigen Analysen berücksichtigt werden.

Erstellt am 2026-08-05. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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