Marktentwicklung: Mineralwasser und kohlensäurehaltiges Wasser, ohne Zusatz von Zucker, anderen Süßmitteln oder Aromastoffen (CN 220110) — 2015–2025
Einleitung
Der Handel der Europäischen Union mit Mineralwasser und kohlensäurehaltigem Wasser (ohne Zusatz von Zucker, anderen Süßmitteln oder Aromastoffen, CN 220110) hat sich im Zeitraum 2015 bis 2025 dynamisch entwickelt. Die EU ist ein bedeutender Nettoexporteur dieses Produkts, wobei sich der Exportüberschuss im Betrachtungszeitraum von 829 Mio. € auf rund 1,37 Mrd. € erhöhte. Die Analyse umfasst den gesamten Dritthandelsverkehr (Handel mit Nicht-EU-Ländern), drei Untercodes natürlicher Mineralwässer (still, mit Kohlensäure, künstlich) sowie Produktionsvolumina, Spezialisierungsindizes und Marktkonzentrationsmaße.
1. Steigende Exportpreise und ein wachsender Handelsüberschuss prägen die Grunddynamik
1.1 Die EU exportiert fast siebenmal mehr als sie importiert
Das Verhältnis zwischen Ausfuhren und Einfuhren ist im Betrachtungszeitraum weitgehend stabil geblieben und unterstreicht die dominante Rolle der EU als Nettoexporteur. Im Jahr 2015 beliefen sich die Exporte auf 884 Mio. € bei Importen von lediglich 55 Mio. €; bis 2025 stiegen die Exporte auf 1.448 Mio. € und die Importe auf 77 Mio. €. Der Handelsüberschuss wuchs damit um 65,3 % und erreichte 2025 rund 1,37 Mrd. €.
| Kennzahl | 2015 | 2019 | 2020 | 2025 | Veränderung 2015→2025 |
|---|---|---|---|---|---|
| Exporte (Mrd. €) | 0,884 | 1,047 | 0,934 | 1,448 | +63,7 % |
| Importe (Mio. €) | 55,1 | 66,2 | 58,5 | 76,8 | +39,5 % |
| Überschuss (Mrd. €) | 0,829 | 0,981 | 0,875 | 1,371 | +65,3 % |
| Exporte (Mio. t) | 2,29 | 2,53 | 2,37 | 2,67 | +16,4 % |
| Importe (Mio. t) | 0,189 | 0,216 | 0,216 | 0,215 | +13,7 % |
1.2 Preissteigerungen überproportional zum Mengenwachstum
Ein zentraler Befund ist, dass die Exportpreise mit +40,6 % (von 386 €/t auf 543 €/t) deutlich stärker stiegen als die exportierte Menge (+16,4 %). Auch auf der Importseite lag der Preisanstieg (+22,7 %) über dem Mengenwachstum (+13,7 %). Dies deutet auf eine Aufwertung des Handels hin — die EU exportiert zunehmend höherwertiges Mineralwasser und/oder profitiert von generellen Preissteigerungen im Segment.
| Preis (€/t) | 2015 | 2020 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|---|
| Exportpreis | 386 | 395 | 543 | +40,6 % |
| Importpreis | 291 | 271 | 357 | +22,7 % |
Der Exportpreis erreichte seinen Höchststand 2025 (543 €/t), nachdem er 2020 pandemiebedingt auf 395 €/t gefallen war. Der Importpreis hingegen lag 2020 mit 271 €/t auf dem Tiefpunkt und stieg danach stetig an.
1.3 COVID-19 und Brexit als strukturelle Zäsuren
Das Jahr 2020 markierte einen deutlichen Einbruch der Exporte (Rückgang auf 934 Mio. €, −10,8 % gegenüber 2019), verursacht durch die weltweiten Handelsbeschränkungen und den Nachfrageeinbruch im Gastgewerbe. Bemerkenswert ist, dass sich die Erholung rasch vollzog: Bereits 2022 lagen die Exporte mit 1,097 Mrd. € über dem Vor-Crisis-Niveau. Die Handelsintensität stieg im gesamten Zeitraum von 6,4 % auf 10,2 %, was die zunehmende Exportorientierung des Sectors belegt.
2. Geografische Umschichtung: Von Japan und Weißrussland in Richtung Naher Osten und Südosteuropa
2.1 Die USA als mit Abstand wichtigster Abnehmermarkt
Das Wachstum der Exporte in die USA ist die auffälligste Einzelentwicklung des gesamten Betrachtungszeitraums. Die Ausfuhren stiegen von 251 Mio. € (2015) auf 570 Mio. € (2025), was einem Zuwachs von 127,2 % entspricht. Damit entfielen 2025 rund 39,4 % aller EU-Mineralwasserexporte auf die Vereinigten Staaten. Die USA wiesen zudem mit einem Variationskoeffizienten (CV) von 0,17 ein relativ geringes Mengenvolatilitätsprofil auf, was auf stetige und planbare Nachfrage hindeutet.
2.2 Dramatischer Rückgang der Exporte nach Japan
Gegenläufig entwickelten sich die Exporte nach Japan: Von 93,6 Mio. € (2015) sanken sie auf 35,6 Mio. € (2025), ein Rückgang von 62,0 %. Die Mengenentwicklung bestätigt diesen Trend: von 184.572 t auf 60.173 t. Japan verlor damit seine Position als zweitwichtigster Drittlandsmarkt in Europa. Die hohe Volatilität (CV 0,37) unterstreicht die Instabilität dieser Handelsbeziehung.
2.3 Starker Zuwachs im Nahen Osten und in China
Dem japanischen Rückgang stehen starke Zuwächse in anderen Regionen gegenüber:
| Markt | Exporte 2015 (Mio. €) | Exporte 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigte Arabische Emirate | 21,8 | 74,4 | +241,6 % |
| China | 21,3 | 47,9 | +124,6 % |
| Schweiz | 82,9 | 124,8 | +50,5 % |
| Vereinigtes Königreich | 140,1 | 194,2 | +38,6 % |
| Kanada | 49,3 | 57,1 | +15,8 % |
Die Vereinigten Arabischen Emirate verzeichneten mit +241,6 % den stärksten prozentualen Zuwachs aller großen Märkte. Die Mengen stiegen von 32.602 t auf 76.303 t. China erreichte seinen Höchststand 2023 (76,6 Mio. €) und sank danach wieder auf 47,9 Mio. €, was möglicherweise mit der verlangsamten chinesischen Konjunktur zusammenhängt.
2.4 Italien festigt seine Rolle als größter EU-Exporteur
Innerhalb der EU zeigt sich eine klare Spezialisierungsstruktur: Italien steigerte seine Exporte von 302 Mio. € auf 663 Mio. € (+119,9 %) und ist damit 2025 mit großem Abstand der führende EU-Exporteur vor Frankreich (477 Mio. €) und Belgien (129 Mio. €). Damit hat Italien Frankreich überholt, das 2015 noch führend war. Der Revealed Symmetric Comparative Advantage-Index (RSCA) bestätigt dies: Luxemburg (0,70), Frankreich (0,62) und Italien (0,54) weisen die höchsten Spezialisierungsgrade auf.
2.5 Umschichtung der Importquellen: Balkanstaaten gewinnen an Bedeutung
Auf der Importseite vollzog sich eine bemerkenswerte Verschiebung. Während das Vereinigte Königreich als Importquelle relativ stagnierte (von 21,1 Mio. € auf 19,8 Mio. €, −6,1 %) und Belarus sogar drastisch einbrach (von 1,5 Mio. € auf 0,6 Mio. €, −58,9 %), gewannen südosteuropäische Partner stark an Bedeutung:
| Importpartner | Importe 2015 (Mio. €) | Importe 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Bosnien und Herzegowina | 1,41 | 5,35 | +279,0 % |
| Serbien | 0,90 | 3,16 | +249,6 % |
| Georgien | 9,51 | 15,28 | +60,7 % |
| Türkei | 10,07 | 14,20 | +41,0 % |
Die starke Zunahme der Einfuhren aus Bosnien und Herzegowina (+279 %) und Serbien (+250 %) spiegelt die zunehmende Integration dieser Länder in den EU-Binnenmarkt wider. Gleichzeitig sanken die Importe aus Belarus seit 2021 drastisch, was mit den EU-Sanktionen nach der politischen Krise 2020/2021 in Verbindung gebracht werden kann.
2.6 Die Exportkonzentration hat zugenommen, die Importkonzentration abgenommen
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) zeigt gegenläufige Entwicklungen:
- Export-HHI: von 1.361 auf 1.943 (+42,8 %) — zunehmende Konzentration, vor allem bedingt durch das rasante Wachstum der US-Exporte
- Import-HHI: von 2.266 auf 1.650 (−27,2 %) — zunehmende Diversifizierung der Importquellen
Diese Asymmetrie ist strategisch relevant: Während die EU ihre Importquellen breiter streut und damit das Abhängigkeitsrisiko reduziert, konzentrieren sich die Exporte zunehmend auf wenige Schlüsselmärkte — insbesondere die USA.
3. Produktionswachstum, segmentierte Preisentwicklung und geopolitische Schocks
3.1 Die EU-Produktion wächst stärker als der Handel
Die inländische Produktion von Mineralwasser in der EU entwickelte sich dynamisch: Das Produktionsvolumen stieg von 62,3 Mrd. Litern (2015) auf 68,2 Mrd. Liter (2024, letzte vollständige Angabe), ein Plus von 9,5 %. Der Produktionswert hingegen nahm von 10,3 Mrd. € auf 14,4 Mrd. € zu (+40,4 %). Die Diskrepanz zwischen Mengen- und Wertwachstum deutet auf steigende Produktionspreise hin, die sich auch in den Exportpreisen widerspiegeln.
3.2 Natürliche Mineralwässer dominieren; künstliche Varianten gewinnen im Export an Bedeutung
Die Aufschlüsselung nach Untercodes zeigt ein differenziertes Bild:
Exporte nach Segment (2025):
| Segment | Volumen (t) | Anteil am Volumen | Werte (Mio. €) | Anteil am Wert | Ø-Preis (€/t) |
|---|---|---|---|---|---|
| Natürlich, still (22011011) | 1.513.087 | 56,7 % | 698,3 | 48,2 % | 461 |
| Natürlich, mit CO₂ (22011019) | 1.028.022 | 38,5 % | 672,7 | 46,4 % | 654 |
| Künstlich (22011090) | 126.565 | 4,7 % | 79,4 | 5,5 % | 628 |
Innerhalb des Betrachtungszeitraums veränderte sich die Zusammensetzung der Exporte deutlich: Der Anteil künstlicher Mineralwässer an den Exporten (nach Wert) stieg von 1,5 % (2015) auf 5,5 % (2025). Besonders auffällig ist der Sprung von 26,5 Mio. € (2023) auf 81,1 Mio. € (2024) bei künstlichen Mineralwässern — ein Zuwachs von über 200 % in nur einem Jahr.
3.3 Kohlensäurehaltiges Wasser zeigt die höchsten Preissteigerungen
Die Segmentanalyse offenbart markante Preisunterschiede und -trends. Während natürliche, nicht-kohlensäurehaltige Mineralwässer 2025 einen durchschnittlichen Exportpreis von 461 €/t erzielten, lag der Preis für kohlensäurehaltige Varianten bei 654 €/t — ein Aufschlag von 42 %. Der Preis für kohlensäurehaltiges Wasser stieg von 473 €/t (2015) auf 654 €/t (2025), was einem Anstieg von 38 % entspricht. Dies übertrifft die Preisentwicklung bei stillen Mineralwässern (+39 %) und spiegelt möglicherweise eine steigende globale Nachfrage nach Premium- und Marken-Mineralwasser mit Kohlensäure wider.
3.4 Geopolitische Schocks und Handelsvolatilität
Die Volatilitätsanalyse identifiziert zwei signifikante Schockereignisse:
-
Vereinigtes Königreich — Preisschock 2020: Der Importpreis aus dem UK sank im Jahr 2020 um 26,1 % (von 346 €/t auf 256 €/t), bei einem Abnormalitätsindex von 175,5. Der Preiseinbruch fiel mit dem Brexit und der COVID-19-Pandemie zusammen. Die Importmengen blieben zunächst stabil (70.216 t), sanken aber 2021 deutlich auf 49.481 t. Der Preis erholte sich danach und erreichte 2025 mit 381 €/t ein neues Hoch.
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Bosnien und Herzegowina — Mengenschock 2017: Die EU-Importe aus Bosnien und Herzegowina sprangen 2017 um 26,9 % (von 9.429 t auf 11.999 t), mit einem Abnormalitätsindex von 2,6. Die Mengen fielen danach nicht wieder auf das Ausgangsniveau zurück, sondern stiegen kontinuierlich weiter — ein Hinweis auf einen strukturellen Nachfrageshift zugunsten dieses Partners.
Unter den Importquellen weisen Albanien (CV 0,96), die Russische Föderation (CV 0,60) und Nordmazedonien (CV 0,58) die höchste Mengenvolatilität auf. Die Importe aus Russland brachen von 1.834 t (2015) auf nur noch 52 t (2025) ein — ein Rückgang von 97 %, der mit den Sanktionen nach 2022 zusammenhängt.
3.5 Zunehmende Autonomie bei gleichzeitig steigender Handelsverflechtung
Die Nettoimportabhängigkeit der EU wurde im Betrachtungszeitraum deutlich negativer (von −6,4 % auf −10,3 %), was die wachsende Rolle der EU als Nettoexporteur bestätigt. Parallel dazu stiegen sowohl die Handelsintensität (von 6,4 % auf 10,2 %) als auch die Exportquote (von 6,2 % auf 9,8 %). Die EU produziert demnach nicht nur mehr Mineralwasser als sie verbraucht, sondern vermarktet einen wachsenden Anteil auf dem Weltmarkt. Dies unterstreicht die starke Wettbewerbsposition europäischer Mineralwasserproduzenten, insbesondere aus Italien und Frankreich.
Fazit
Der EU-Mineralwasserhandel (CN 220110) hat sich zwischen 2015 und 2025 in drei zentralen Dimensionen gewandelt: Erstens haben steigende Preise den Exportwert überproportional getrieben — die EU exportiert zunehmend hochpreisiges Wasser. Zweitens hat sich die geografische Struktur der Handelsbeziehungen verschoben: Die USA sind zum dominierenden Absatzmarkt aufgestiegen, Japan hat stark an Bedeutung verloren, und südosteuropäische Länder sowie die Türkei sind zu wichtigen Importquellen geworden. Drittens hat sich die Marktstruktur verfestigt: Italien und Frankreich kontrollieren zusammen rund drei Viertel der EU-Exporte, während die inländische Produktion stärker wächst als der Handel. Die zunehmende Exportkonzentration auf wenige Märkte — allen voran die USA — birgt ein strategisches Risiko, dem die gleichzeitige Diversifizierung der Importquellen als Puffer gegenübersteht. Geopolitische Ereignisse wie Brexit und Sanktionen gegen Russland und Belarus haben sichtbare Spuren im Handelsmuster hinterlassen.