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Marktentwicklung: Drüsen und andere Organe zu organotherapeutischen Zwecken, getrocknet, auch als Pulver; Heparin und seine Salze; andere menschliche oder tierische Stoffe zu therapeutischen oder prophylaktischen Zwecken zubereitet, a.n.g. (CN 300190) — 2015–2025

Einleitung

Der Zolltarifcode CN 300190 umfasst ein breites Spektrum an pharmazeutischen Rohstoffen tierischen und menschlichen Ursprungs — darunter getrocknete Drüsen und Organe, Heparin und dessen Salze sowie sonstige präparierte Substanzen zu therapeutischen oder prophylaktischen Zwecken. Diese Warengruppe bildet eine wesentliche Grundlage der europäischen Pharmaproduktion und ist zugleich stark in globale Lieferketten eingebunden.

Der Beobachtungszeitraum von 2015 bis 2025 war durch erhebliche Turbulenzen geprägt: Zunächst ein Aufschwung im Handel bis 2022, gefolgt von einem drastischen Einbruch der Handelsvolumina in den letzten drei Jahren. Die vorliegende Analyse untersucht die zugrundeliegenden Dynamiken — von strukturellen Verschiebungen bei den Handelspartnern über produktionsseitige Entwicklungen bis hin zu einzelnen Preisschocks, die die Märkte erschütterten. Insgesamt zeigt sich ein Markt im tiefgreifenden Wandel: Die EU ist zwar weiterhin Nettoimporteur, hat aber ihre Importabhängigkeit leicht reduziert, während sich die Lieferketten deutlich verschoben haben.


1. Von der Expansion zum Einbruch: Der Verlauf von Handelswert und -menge zwischen 2015 und 2025

1.1 Der Boom bis 2022 und sein jähes Ende

Der Gesamthandel der EU im Segment CN 300190 mit Drittländern durchlebte zwischen 2015 und 2022 eine bemerkenswerte Aufwärtsphase, die in einem scharfen Kontrast zum anschließenden Einbruch steht. Die Importe stiegen von €990 Mio. im Jahr 2015 auf einen Spitzenwert von €1.513 Mio. im Jahr 2022 (+52,9 %), bevor sie bis 2025 auf lediglich €595 Mio. einbrachen — ein Rückgang von über 60 % gegenüber dem Höchststand. Die Exporte folgten einem ähnlichen Muster: Von €536 Mio. (2015) über €922 Mio. (2022) hin zu nur noch €341 Mio. (2025). Der Gesamthandelwert (Importe und Exporte zusammen) hat sich damit innerhalb von drei Jahren nahezu halbiert.

Kennzahl 2015 2022 (Peak) 2025 Veränderung 2015→2025
Importe (€ Mio.) 990 1.513 595 −39,9 %
Exporte (€ Mio.) 536 922 341 −36,3 %
Handelsbilanz (€ Mio.) −454 −591 −254 +44,1 % (Verbesserung)

1.2 Mengenrückgänge und der Preisanstieg bei Importen

Besonders auffällig ist die Entwicklung der Handelsmengen. Die Importmengen sind im Betrachtungszeitraum um 80,5 % eingebrochen — von 3.567 Tonnen (2015) auf 695 Tonnen (2025). Der dramatischste Einbruch erfolgte zwischen 2018 (2.992 t) und 2019 (576 t), als die Mengen um über 80 % kollabierten. Die Exportmengen sanken im selben Zeitraum um 37,1 % von 361 auf 227 Tonnen.

Parallel dazu stiegen die durchschnittlichen Importpreise um 208,7 % — von €277.000/Tonne (2015) auf €856.000/Tonne (2025). Dies signalisiert eine fundamentale Verschiebung: Während die EU mengenmäßig weniger importiert, bezahlt sie pro Einheit deutlich mehr. Die Exportpreise blieben hingegen weitgehend stabil bei rund €1,5 Mio./Tonne, was auf eine konstante Wertschöpfung der europäischen Exporteure hindeutet.

1.3 Frankreich als dominierender EU-Mitgliedstaat verliert an Boden

Betrachtet man die EU-internen Handelsströme, fällt die herausragende Rolle Frankreichs auf — und sein drastischer Bedeutungsverlust. Frankreich dominierte 2015 mit €582 Mio. Importen (58,8 % der EU-Importe) und €416 Mio. Exporten (77,6 % der EU-Exporte). Bis 2025 sanken die französischen Importe um 84 % auf nur noch €93 Mio., die Exporte um 48 % auf €215 Mio. Parallel dazu gewannen Ungarn (Importe: +57,5 % auf €196 Mio.), Italien (Importe: +85,9 % auf €72 Mio.) und Deutschland (Exporte: +35,8 % auf €33 Mio.) an Bedeutung. Diese Verschiebung innerhalb der EU deutet auf eine Diversifizierung der Wertschöpfungsketten und möglicherweise auf Verlagerungen von Produktionsstandorten hin.


2. Strukturelle Verschiebungen der globalen Lieferketten

2.1 Singapur als Drehkreuz verliert an Bedeutung

Die Handelspartneranalyse offenbart eine bemerkenswerte Konzentration und ihren anschließenden Abbau. Singapur war 2015 mit Abstand der wichtigste Handelspartner — sowohl als Importquelle (€501 Mio., 50,6 % der EU-Importe) als auch als Exportmarkt (€373 Mio., 69,5 % der EU-Exporte). Diese Dominanz spiegelt Singapurs Rolle als globales Drehkreuz im Pharmahandel wider, insbesondere im Bereich der Heparin-Weiterverarbeitung und -distribution.

Bis 2025 sanken die Importe aus Singapur um 44,7 % auf €277 Mio. und die Exporte dorthin um 46,5 % auf €200 Mio. Dennoch bleibt Singapur der wichtigste einzelne Handelspartner. Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importkonzentration sank von 3.569 (2015) auf 3.193 (2025), was eine leichte Diversifizierung der Bezugsquellen anzeigt. Der HHI für Exporte fiel sogar deutlicher von 4.977 auf 3.571 (−28,2 %).

2.2 China: Vom großen Lieferanten zum wachsenden Exportmarkt

China nimmt in diesem Markt eine ambivalente Position ein. Als Importquelle war China 2015 mit €188 Mio. der drittgrößte Lieferant der EU, stieg bis 2022 sogar auf €445 Mio. und brach danach auf €121 Mio. ein. Als Exportziel hingegen verzeichnete die EU ein dramatisches Wachstum: Die Ausfuhren nach China stiegen von €2,4 Mio. (2015) auf einen Spitzenwert von €117 Mio. (2022), bevor sie 2025 wieder auf €9,1 Mio. sanken. Diese Volatilität spiegelt sowohl Chinas eigene Ambitionen im Pharma-Rohstoffsektor als auch die geopolitischen Spannungen und Pandemieeffekte wider.

2.3 Neue und aufstrebende Handelspartner

Neben den etablierten Partnern treten verstärkt neue Akteure in Erscheinung. Die Importe aus Brasilien schwankten erheblich (€15 Mio. bis €49 Mio.), was teilweise durch massive Preisschocks erklärt wird. Serbia entwickelte sich von einem marginalen Lieferanten (€0,7 Mio. in 2015) zu einem relevanten Akteur (bis zu €2,3 Mio. in 2023), wenngleich mit hoher Volatilität. Korea stieg als Importquelle von praktisch null auf €5,2 Mio. (2025). Auf der Exportseite gewannen die Türkei (€5,5 Mio. → €10,1 Mio., +83,6 %) und Vietnam (nahezu null → nennenswerte Volumina) an Bedeutung.

2.4 Der Brexit-Effekt: Dramatischer Rückgang des UK-Handels

Ein besonders markanter Strukturbruch zeigt sich im Handel mit dem Vereinigten Königreich. Die EU-Importe aus dem UK fielen von €15 Mio. (2015) bzw. €26 Mio. (2020) auf nur noch €2,6 Mio. (2025) — ein Rückgang um 82,7 %. Die Exporte in das UK sanken um 37,5 % von €33 Mio. auf €21 Mio. Diese Entwicklung steht in direktem Zusammenhang mit dem Brexit und den damit verbundenen Handelsbarrieren, die den zuvor eng integrierten Pharma-Handel nachhaltig störten.


3. Preisschocks, Volatilität und die Neuordnung der Produktsegmente

3.1 Massive Preisschocks bei Importen ab 2019

Die Volatilitätsanalyse identifiziert mehrere extreme Preisschocks, die den Markt nachhaltig prägten. Der spektakulärste Schock betraf die Importe aus den USA: Im Jahr 2019 brachen die Importmengen von 1.149 t (2018) auf nur 211 t ein, während der Preis pro Tonne von €228.000 auf über €1,27 Mio. explodierte (+610 %). Dieser Schock setzte sich in den Folgejahren fort — die Preise blieben bei über €1 Mio./Tonne, während die Mengen sich nur marginal erholten. Dies deutet auf eine fundamentale Verknappung des US-Angebots hin, möglicherweise verursacht durch regulatorische Änderungen oder Produktionsengpässe.

Noch dramatischer war der Preisschock bei Importen aus Brasilien: Der Anomaliewert von 428,3 und eine Preisverschiebung von 1.015 % im Jahr 2019 kennzeichnen einen außergewöhnlichen Schock. Die brasilianischen Importmengen kollabierten von 1.604 t (2018) auf 132 t (2019), während der Preis von €13.238/Tonne auf über €150.000/Tonne stieg. Auch hier erholten sich die Mengen nicht, und die Preise stiegen weiter auf über €600.000/Tonne (2022).

3.2 Disruptionen auf der Exportseite

Auch die EU-Exporte waren von erheblichen Störungen betroffen. Der Export nach Belarus brach 2022 vollständig zusammen — von 28,5 t (2021) auf praktisch null. Die Handelsdaten zeigen, dass die Menge von durchschnittlich 21,6 t (Baseline 2020–2021) auf 0,01 t fiel, was einem Rückgang von 100 % entspricht. Dies steht sehr wahrscheinlich im Zusammenhang mit den Sanktionen nach dem russischen Überfall auf die Ukraine und der engen wirtschaftlichen Verflechtung zwischen Belarus und Russland.

Preisschocks auf der Exportseite betrafen mehrere Partner: Die Preise für Exporte nach Ägypten explodierten 2023 um 1.902 % (Anomaliewert 157,6), nachdem die Mengen von 13,8 t (2021) auf 0,09 t kollabierten. Die Exporte in die Türkei und nach Kanada zeigten ebenfalls extreme Preisschwankungen mit Anomaliewerten von 36,8 bzw. 49,2, wobei die Mengen jeweils um über 85 % gegenüber dem Ausgangsniveau einbrachen.

3.3 Heparin als dominierendes Segment mit strukturellem Rückgang

Die Produktsegmentierung zeigt, dass Heparin und seine Salze (CN 30019091) das mit Abstand dominierende Subsegment darstellen. Dieses Segment machte 2015 93,4 % der Importwerte (€924 Mio.) und 72,4 % der Exportwerte (€388 Mio.) aus. Bis 2025 sank der Heparin-Anteil an den Importen auf 88,0 % (€523 Mio.) und an den Exporten auf 75,1 % (€257 Mio.).

Besonders bemerkenswert ist die Preisentwicklung im Heparin-Export: Der durchschnittliche Exportpreis stieg von €1,36 Mio./Tonne (2015) auf einen Spitzenwert von €7,71 Mio./Tonne (2020), bevor er 2025 wieder auf €2,99 Mio./Tonne fiel. Diese extreme Volatilität reflektiert die Knappheit von Heparinrohstoffen (vor allem aus chinesischen Schweinedärmen) während der COVID-19-Pandemie und die anschließende Normalisierung. Der Heparin-Exportwert erreichte 2022 mit €739 Mio. seinen Höhepunkt und brach 2024 auf nur €239 Mio. ein — ein Rückgang von 68 % in zwei Jahren.

Die tierischen Stoffe außer Heparin (CN 30019098) blieben mengenmäßig relativ stabil (58–103 t), zeigten aber ebenfalls extreme Preisschwankungen (zwischen €642.000 und €2,23 Mio./Tonne). Das Segment menschlicher Stoffe (CN 30019020) verzeichnete hingegen ein stetiges Mengenwachstum von 18 t auf 65 t (+263 %), bei gleichzeitigem Preisrückgang — ein Zeichen für zunehmende Skaleneffekte oder Kommoditisierung.


Schlussfolgerung

Der Markt für CN 300190 hat sich zwischen 2015 und 2025 tiefgreifend transformiert. Die Analyse lässt sich in drei zentrale Erkenntnisse verdichten:

Erstens hat der Markt seinen Höhepunkt überschritten. Nach einem starken Wachstum bis 2022 sind sowohl Import- als auch Exportwerte um mehr als 60 % eingebrochen. Die EU produziert derzeit Pharmarohstoffe im Wert von rund €2,8 Mrd. (Produktionswert 2024), exportiert jedoch nur noch Waren im Wert von €341 Mio. Der Rückgang der Handelsintensität könnte auf eine stärkere regionale Selbstversorgung, Bestandsanpassungen nach der Pandemie oder regulatorische Verschiebungen hindeuten.

Zweitens haben sich die globalen Lieferketten grundlegend neu konfiguriert. Singapur verliert zwar an relativer Bedeutung, bleibt aber der zentrale Handelspartner. China wandelt sich vom Netto-Lieferanten zum potenziellen Wettbewerber. Der Brexit hat den Handel mit dem Vereinigten Königreich dramatisch reduziert. Innerhalb der EU haben sich Ungarn, Italien und Deutschland als neue Zentren etabliert, während Frankreichs Dominanz schwindet.

Drittens ist der Markt durch extreme Volatilität und Schockanfälligkeit gekennzeichnet. Die identifizierten Preisschocks — insbesondere bei US- und brasilianischen Importen ab 2019 sowie der vollständige Handelsabbruch mit Belarus 2022 — zeigen, dass die europäische Versorgung mit diesen kritischen pharmazeutischen Rohstoffen erheblichen geopolitischen und marktbedingten Risiken ausgesetzt ist. Die leicht gesunkene Netto-Importabhängigkeit von 16,2 % auf 13,9 % ist dabei ein zweischneidiges Signal: Einerseits deutet sie auf eine gewisse Entspannung hin, andererseits verbirgt sie die dahinterliegende extreme Preis- und Mengenvolatilität.

Erstellt am 2026-08-05. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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